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DYGL - A daze in a haze

DYGL- A daze in a haze

Hard Enough / Ultra-Vybe
VÖ: 07.07.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sanfte Ohrfeige

Werfen wir doch mal einen Blick darauf, welche Bands aus Japan es so geschafft haben, sich auch hierzulande einen Namen zu machen. Babymetal? Frankensteins Monster aus quietschenden Barbiepuppen und Pro-Tools-Metal. Envy? Die Apokalypse und das Erwachen danach in Bandform. Shonen Knife? Die unehelichen Schwestern der Ramones mit absichtlich schiefen englischen Texten über die Obsession für Süßigkeiten. Alle also mehr oder weniger bekloppt. DYGL (sprich: "day-glo") aus Tokio sind im direkten Vergleich eher die unauffälligen Jungs von nebenan, die ihre J-Pop-Jugendtage spätestens dann hinter sich lassen wollten, als sie das erste Mal The Strokes gehört haben. Man könnte also sagen: einfach vier Normalos ohne irgendein auffälliges Markenzeichen, das die Außenwelt als exotisch wahrnehmen und zu blödsinnigen Behauptungen wie "typisch japanisch" verleiten kann. Aber müssen denn auch alle, die umwerfende Songs zu schreiben in der Lage sind, immer diese Extravaganz mitbringen, um den Sprung in den Westen zu schaffen? DYGL stellen sich bewusst dagegen.

Die an Blues und 70s-Rock geschulte Schwere des Vorgängers "Songs of innocence & experience" mit sechsminütigen Schleichern wie dem passend benannten "Nashville" legt der Vierer auf seinem dritten Longplayer ab und schüttelt seine Songs hauptsächlich locker aus dem Ärmel. Nur das dreckig dreampoppende "Bushes" beschwört noch diese sehr amerikanisch klingende Melancholie, ansonsten indierocken die Japaner fröhlich nach vorne, was das Zeug hält. Das Autotune im Opener "7624" wirkt zwar erst einmal wie ein Schubs ins kalte Wasser, hat es doch mit dem Rest des Albums wenig bis nichts zu tun, aber es dient als Statement: DYGL wollen ihre alten Formeln nicht wieder aufwärmen, zumal man dem Debüt, obwohl gelungen und mit ordentlich Punk in den Backen, eine gewisse Formelhaftigkeit nicht absprechen konnte. Heißt auch, dass Lärmorgien wie "Bad kicks" nicht länger stattfinden, sondern dass es sich bei "A daze in a haze" um eine waschechte Sommerplatte handelt. Da scheint es auch kein Zufall zu sein, dass sie pünktlich zum beliebten japanischen Sommerfest Tanabata erscheint.

"Nothing's new here / Everything is new": "Banger" gibt die Marschrichtung vor, lässt die locker hängenden Gitarren mit nur leichter Verzerrung gut gelaunt schrammeln und den simplen Refrain beherzt atmen. "Half of me" als Ohrwurm sondergleichen frönt fröhlichem Gitarren-Pop mit kleinem Synthesizer und straightem Beat, zaubert aber mehr als nur ein Lächeln aufs Gesicht. Als eine Art fernöstlicher Riesenschwamm saugt das Quartett seine Einflüsse aus der englischsprachigen Gitarrenmusik verschiedenster Couleur auf und braut sein eigenes Süppchen daraus. Dass da im Falle von "Sink" ein bisschen viel "Where is my mind?" haften bleibt, lässt sich verschmerzen. Rockmusik sei sowieso keine japanische Erfindung, erklärte Gitarrist Yosuke Shimonaka einmal im Bandcamp-Interview, und die Band tourt mit Vorliebe in Europa, denn in Japan müsse man sich zwangsläufig eines Tages zwischen der seelenlosen Musikindustrie und ungebundenem, aber oft publikumslosem Experimentieren entscheiden. Für ihren Erstling "Say goodbye to memory den" hatten DYGL noch Starthilfe von Albert Hammond Jr. bekommen, mittlerweile haben sie sich etabliert.

Zwischen Brit-Rock und so manchem Verweis auf Nordamerika liefert die Band also auch auf "A daze in a haze" Kracher in Hülle und Fülle, mal schunkelnder wie in "The rhythm of the world", mal powerpoppiger wie in "Wanderlust", bis "The search" dann sein klassisch-großes Gitarren-Finale feiert. Die Tokioer wären natürlich nicht die erste Band, die auf dem im Volksmund meist ach so wegweisenden dritten Album alles ein bisschen anders macht respektive deutlich gesetzter daherkommt. Krach und Weltschmerz aber sind einer entspannteren Grundhaltung gewichen – man könnte von Weiterentwicklung sprechen, wäre die Vokabel nicht so verbrannt. DYGL fallen nicht wie Godzilla in die Rocklandschaft ein, sondern kommen mit "A daze in a haze" vorsichtig, aber fest entschlossen durch die Hintertür. Nachdem sie höflich die Straßenschuhe ausgezogen haben. Eine gewisse Zurückhaltung wird ja auch manchmal als "typisch japanisch" bezeichnet.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Half of me
  • Did we forget how to dream in the daytime?
  • Bushes
  • The search

Tracklist

  1. 7624
  2. Banger
  3. Half of me
  4. Did we forget how to dream in the daytime?
  5. Sink
  6. Bushes
  7. Wanderlust
  8. The rhythm of the world
  9. Stereo song
  10. Alone in the room
  11. The search
  12. Ode to insomnia

Gesamtspielzeit: 43:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 20640

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-21 21:13:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Ralph mit F

Postings: 108

Registriert seit 10.03.2021

2021-06-06 10:16:40 Uhr
Und hier die neue Single:
https://www.youtube.com/watch?v=FfhObG39iOk

Kommt schon, lasst Euch anfixen :D

Ralph mit F

Postings: 108

Registriert seit 10.03.2021

2021-05-26 14:57:33 Uhr
Meine Lieblingsjapaner von DYGL (sprich: Dayglo, nicht zu verwechseln mit Dayglow) bringen am 7.7. ihr drittes Album an den Start.

01. 7624
02. Banger
03. Half of me
04. Did we forget how to dream in the daytime?
05. Sink
06. Bushes
07. Wanderlust
08. The rhythm of the world
09. Stereo song
10. Alone in the room
11. The search
12. Ode to insomnia

Wär mal gespannt, ob die Herren jemand hier im Forum kennt :) Ihr erstes Album war noch sehr Strokes-mäßig, aber voller Hits, "Songs of Innocence + Experience" vor 2 Jahren dann einfach grandios.

Wie bewusst ihnen allerdings ist, dass sie für die letzte Single "Where is my mind" verwurstet haben, weiß ich nicht ;)
https://www.youtube.com/watch?v=4aDkCK46KtE
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