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Clairo - Sling

Clairo- Sling

Republic / Universal
VÖ: 16.07.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Überm Berg

Ein Rückzug kann viele Facetten haben. Man kann sich freiwillig in ein Refugium vor der Hektik des Alltags begeben, genauso gut aber auch von unkontrollierbaren Kräften in die Isolation gezwungen werden. Claire Cottrill kennt beide Seiten. Noch immer leidet die als Clairo bekannte Künstlerin unter depressiven Episoden, wegen derer sie wochenlang kaum ihr Apartment verlassen kann. Doch ein Jahr nach Veröffentlichung ihres gefeierten Debüts "Immunity"erhielt sie auch einen erfreulicheren Grund zur Landflucht. Sie bekam und nutzte die Gelegenheit, ihr zweites Album "Sling" in den Allaire Studios aufzunehmen – einem abgelegenen Gebirgsanwesen im Staat New York, in dem etwa David Bowies "Heathen" und "Reality" entstanden. Clairos Musik war schon immer vielschichtiger, als sie aufs erste Ohr schien. Der offene Umgang mit ihren Ängsten und mentalen Gesundheitsproblemen gab der beruhigenden Wirkung ihrer simpel gestrickten akustischen Heizdecken stets eine bittersüße Note. Der neue Aufnahmekontext verstärkt diesen Effekt, da Produzent Jack Antonoff aus seinen letzten Arbeiten mit Lana Del Rey komplexe Americana-Arrangements mitgebracht hat, in deren Verästelungen jedes Gefühl doppelt nachhallt.

Mit ihren 22 Jahren ist Cottrill natürlich noch immer blutjung, doch von der Teenagerin, die ihren selbstproduzierten Indie-Pop eigeninitiativ ins Netz lud, schon ein gutes Stück entfernt. Frei von jeder digitalen Ablenkung manövriert sie mit einer solchen Lässigkeit durch die Klangräume ihrer Band, als wäre sie eine der legendären Folk-Bardinnen des Laurel Canyon. Man höre allein, wie elegant sie über "Bambi" gleitet: dem zart wuchernden Opener, der vom ätherischen Piano-Beginn mit sanften Drums und Bass an Griffigkeit gewinnt und mit seinen Gitarren- und Bläser-Schnörkeln geradezu zu atmen scheint. Diesem deutlich organischeren Sound entsprechend evoziert die Platte nicht mehr elektronischen Minimalismus à la The xx oder nähert sich klassischen R'n'B-Gesten an, sondern stellt am ehesten eine Verbindung zur aktuellsten Songwriterinnen-Generation um Phoebe Bridgers und Co. her. In diesem Sinne darf auch der tanzbare Ausreißer aus den größtenteils akustisch fundierten Klageliedern nicht fehlen. Mit "Amoeba" gelingt der allerdings famos, weil er seinen geschmackvollen Disco-Groove aus einer weiterhin analogen Instrumentierung entspinnt und der ästhetischen Kohärenz damit keinen Schaden zufügt.

Aus der Zeit gefallen und teilweise Jam-artig wirken die Kompositionen, die mehr auf Atmosphäre und die in Cottrills Stimme bebenden Emotionen setzen als auf konkrete Formen. Sein Potenzial zum ganz großen Wurf kann "Sling" in dieser Abstraktheit nicht komplett ausschöpfen, doch lullt es einen wunderbar ein und bietet regelmäßig Momente subtiler musikalischer Hochklasse: wenn etwa das zwingender gezupfte "Zinnias" kleine Strudel wirbelnder Saiten entfacht oder der erhabene Closer "Management" in 40 Sekunden orchestraler Jovialität endet, die auch auf einem Beirut-Album Platz gefunden hätten. Das Gütesiegel einer Lorde, die "Reaper" und dem Sexismus-Lament "Blouse" ihren Hintergrundgesang leiht, hätte es da gar nicht mehr gebraucht. Am tiefsten ins Herz sticht dabei das Herzstück "Harbor" mit seiner entwaffnenden Nacktheit. Spätestens hier wird klar, dass Clairos Musik trotz des weiteren Scopes nichts an Intimität eingebüßt hat, weswegen es kurz vor dem finalen Drittel noch eine herrlich erratische Instrumental-Würdigung für "Joanie" gibt – Cottrills frisch angeschaffte Hündin, die sie auf dem Cover-Foto wie ein Baby hält und die ihr nach eigener Aussage bei der Umsetzung eines verantwortungsvolleren, gesünderen Lebensstils entscheidend geholfen hat. Ein Rückzug kann eben viele Facetten haben. Manchmal manifestiert er sich sogar in einer pelzigen Vierbeinerin.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Bambi
  • Amoeba
  • Harbor

Tracklist

  1. Bambi
  2. Amoeba
  3. Partridge
  4. Zinnias
  5. Blouse
  6. Wade
  7. Harbor
  8. Just for today
  9. Joanie
  10. Reaper
  11. Little changes
  12. Management

Gesamtspielzeit: 44:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 20640

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-21 21:12:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Saschek

Postings: 81

Registriert seit 23.07.2018

2021-07-21 16:07:00 Uhr
@Grizzly Adams: Klingt alles recht überraschend, ja. Habe auf jeden Fall großen Respekt für dieses gegen-den-Strom-schwimmen. Und wenn sich das dann noch so gut anhört wie hier, ist es echt eine runde Sache. Für mich ein ziemlich großer Wurf. Halte mich aber vorsichtshalber mit Superlativen zurück. Mal sehen, was von meiner Begeisterung bleibt, nachdem der Überraschungseffekt verschwunden ist.

Grizzly Adams

Postings: 1231

Registriert seit 22.08.2019

2021-07-20 19:27:03 Uhr
Grad läuft Joanie. Mehr Billy Joel meets Paul Simon im Song geht ja kaum… toll.

Grizzly Adams

Postings: 1231

Registriert seit 22.08.2019

2021-07-20 19:19:03 Uhr
Das ist einfach aus der Hängematte heraus vorgetragen. Und dort kann man dieses Album wahrscheinlich auch am besten genießen…

Grizzly Adams

Postings: 1231

Registriert seit 22.08.2019

2021-07-20 19:11:54 Uhr
Die ersten beiden Songs laufen grad. Muss Saschek bis dahin Recht geben. Das ist alles andere als modern komponiert und arrangiert. Im ersten Somg klimpert ein Billy Joel Piano angenehm rein, der zweite shuffelt und loopt sich mit jeder Menge Sonnenschein direkt ins Herz und hinterlässt 70er-Jahre-Feeling. Und dieses Retrogefühl setzt sich fort. Beach Boys und Paul Simon, meist unaufgeregt, Relaxt und Lazy, aber immer mit Anspruch.
Die Stimme scheint stets über den Songs zu schweben und setzt den folkigen Akzent, der ihr so gut steht. Das ist schon sehr charmant.
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