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Ida Mae - Click click domino

Ida Mae- Click click domino

Thirty Tigers / Membran
VÖ: 16.07.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Eine wilde Ehe

Obwohl es sich bei The White Stripes um ein geschiedenes Ehepaar handelte, haben Jack und Meg White sich eine Zeit lang als Geschwister inszeniert und sich an der Mythenbildung rund um ihre Band erfreut. Christopher und Stephanie Jean Turpin hingegen machen keinen Hehl aus ihrer romantischen Beziehung, Schmachten gehört zum Handwerk, und ihre Gefühle füreinander sind vor allem eins: groß. Das eigentlich britische, aber schon länger in Nashville residierende Duo bezeichnet sich auf Instagram selbst fröhlich als "Brit Folk Blues Rock Ballad Sellers" und könnte damit richtiger kaum liegen. Das Great American Songbook ist ihre Bibel, die Armada aus Vintage-Instrumenten wurde vermutlich aus sämtlichen Antiquitätenläden der Südstaaten zusammengegrast – Banjo, Ukulele und Schellenkranz gehören genauso zum Repertoire wie abgespacete Drum-Computer, Zwölfsaiter und Pedal-Steel-Gitarren –, und "Click click domino" schmeckt ausnahmslos nach gutem Whiskey und dicken Zigarren. Ein bisschen auch nach wanderndem Zirkus und einer Zeit, in der der American Dream noch real war, jedenfalls im allerpositivsten Sinne altmodisch. Greta Van Fleet sahen das ähnlich und haben Ida Mae mit auf Tour genommen, Blues-König Marcus King unterstützt Familie Turpin auf zwei Songs mit seinen Soli. Ihr zweites Album ist eine riesengroße Herzensangelegenheit.

Der immer feierliche Blues-Rock zeigt sich innerhalb der dreizehn Songs überraschend biegsam, vom sphärischen Opener "Road to Avalon" über das reduziertere "Little liars", wo Jean Turpin zum Verwechseln ähnlich nach Alison Mosshart klingt, bis hin zu krachigeren, gar zu noisigen Schüben neigenden Rockern wie dem Titeltrack. Den Sommerhit "Learn to love you better" kann man sich sogar im Mainstream-Radio vorstellen, aber selbst der legt seine raue Country-Hornhaut nicht ab. Dass Ida Mae aus dem verregneten Europa stammen – es ist kaum vorstellbar, dermaßen sengend brät die Sonne in ihrem Americana auf die Prärie. Und das stets Hand in Hand als gar symbiotische Einheit: In fast allen Songs stehen beide am Mikro. "Your voices are meant for each other", schwärmt ein YouTube-Kommentator – kann es ein schöneres Kompliment geben? "Heartworn traders" ist eines dieser überlebensgroßen Balladen-Duette, in dem sich Mr. und Mrs. Turpin mit ihrem Harmoniegesang umgarnen, bis auch der letzte Griesgram ein Tränchen verdrücken muss. Dick aufgetragen, sicherlich, aber frei von Kitsch.

Wie spielerisch-leicht "Line on the page" da noch einen draufsetzt, ist schon fast gruselig. Hier zelebrieren die Turpins, wie sie als verlorene Seelen nur im gemeinsamen Musizieren zusammenfinden, auch den "helter skelter" dafür in Kauf nehmen und noch im Backstage nicht voneinander lassen können. Ein Song, der Kriege beenden und Dagobert Duck in einen humanitären Wohltäter verwandeln könnte. Die Liebeslieder sind klar das Steckenpferd des Duos und überragen die zackigeren Uptempo-Stücke nochmal um Längen. Der Vintage-Rock'n'Roll von "Long gone & heartworn" ist trotzdem schweinegeil, bevor der "Mountain lion blues" die innere Janis Joplin beider Musiker von der Leine lässt. In "Has my midnight begun" dann senkt sich die Sonne langsam hinter die Berge, und die Schatten werden länger. Mit dem Finger auf der Landkarte von England nach Tennessee: "Click click domino" sei zur Gänze auf dem Rücksitz eines fahrenden Autos geschrieben wurden, behauptet die Band. Das glaubt man gerne: Das Zweitwerk ist Ida Maes ganz persönliche "True romance", exakt so lange Retro-Road-Movie, bis die Tarantino-Schießerei einsetzt. Die aber natürlich beide unbeschadet überstehen – und dann in Glück und Segen leben können bis ans Ende ihrer Tage.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Road to Avalon
  • Line on the page
  • Deep river (feat. Marcus King)
  • Learn to love you better

Tracklist

  1. Road to Avalon
  2. Click click domino (feat. Marcus King)
  3. Line on the page
  4. Raining for you
  5. Little liars
  6. Deep river (feat. Marcus King)
  7. Heartworn traders
  8. Calico coming down
  9. Learn to love you better
  10. Long gone & heartworn (feat. Jake Kiszka)
  11. Mountain lion blues
  12. Sing a hallelujah
  13. Has my midnight begun

Gesamtspielzeit: 54:02 min.

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User Beitrag

cargo

Postings: 444

Registriert seit 07.06.2016

2021-07-17 11:22:45 Uhr
Für mich klingt da jeder Song exakt gleich. Erinnert mich an die Ü50er Bands, die man bei Stadtfesten sieht.

Grizzly Adams

Postings: 1231

Registriert seit 22.08.2019

2021-07-16 21:22:59 Uhr
Das ist absolut meine Musik. Daumen hoch! Sehr nice. Für mich eindeutig im Folk verordnet. Vor allem wegen der stimmlichen Harmonie des Duos und dem Aufbau der Songs. Alle anderen in der Rezi genannten Richtungen hört man raus. Geben den einzelnen Stücken sehr schöne Drives. Sehr hörenswert. Unterstütze die 8/10.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 20640

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-14 18:56:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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