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Mabe Fratti - Será que ahora podremos entendernos

Mabe Fratti- Será que ahora podremos entendernos

Tin Angel / Indigo
VÖ: 25.06.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Grenzen ausloten

Was hat man nicht schon alles auf Plattentests.de entdeckt? Unter den abertausenden Interpreten, deren Platten hier in der Vergangenheit getestet wurden, dürfte sich jedoch mit ziemlicher Sicherheit noch keine experimentelle guatemaltekische Cellistin finden. Ein unhaltbarer Zustand! Vor allem, wenn sie Musik von solch betörender Schönheit und intimer Intensität macht. Mabe Frattis zweites Album bespielt zweifelsohne eine Nische, aber in den mysteriösen Stimmungen und verborgenen Räumen ihrer Kunst lassen sich auch Verbindungen zu arrivierten Künstlerinnen entdecken, deren Vergleich sie nicht zu scheuen braucht. Schon der Albumtitel verweist auf das zentrale Motiv von Frattis Explorationen zwischen Ambient, Folk und freier Improvisation. "Será que ahora podremos entendernos", heißt es da, zu Deutsch und um ein Fragezeichen ergänzt: "Werden wir einander nun verstehen?" In neun Stücken verhandelt die Künstlerin, die inzwischen in Mexiko-Stadt lebt und arbeitet, die Schranken von Kommunikation, das Absurde unter der Bedeutung. Es sei eben genau der Vorzug der Musik, sagt sie, dem Impliziten, Mitschwingenden jene Stimme zu verleihen, die Grenzen am ehesten zu überwinden mag.

Dabei entwirft Fratti ihre Lieder anhand einer Kompositionstechnik, die sie selbst als "diagramación" bezeichnet: Gemeint sind ein definierter Start- und Endpunkt und der mäandernde, teilweise improvisierte Pfad dazwischen. Fünfmal wird dabei die Sechsminuten-Marke überschritten, was der Sogwirkung des Albums nur zugutekommt. Erst im vierten Song "En medio" taucht ein dezenter Beat im Hintergrund auf, verhallt und langsam, während Fratti fragilen Dream-Pop heraufbeschwört, der entfernt an Beach House erinnert. Suchte man nach einem Hit, hier käme man ihm wohl am nächsten. In ihren beeindruckendsten Momenten jedoch wählt Fratti einen anderen Zugang. Im fulminanten "Mil formas de decirlo" schleppt sich zunächst ein elektronisch verfremdetes Cello in tiefer Schwermut dahin, ätherische Gesangsmelodien schweben darüber und fragen danach, wie gesprochen werden kann, wenn Sinn sich entzieht. Resignation und Hoffnung durchziehen gleichermaßen diese sieben Minuten, die direkt ins nächste Highlight überleiten.

"Hacia el vacío" baut sich einmal mehr aus den Loops eines elegischen Cellos sein Gerüst. Nach und nach gesellen sich Field Recordings der texanischen Komponistin Claire Rousay hinzu, dazwischen funken immer wieder kleine Satelliten-Synthies ihre Meldodien. Später geistert Frattis zart kratzender, ungreifbarer und darin ungemein ergreifender Gesang durch die dunklen Klanglandschaften und fragt beklemmend: "¿Puedes tomar mi mano al vacío?" ("Nimmst du meine Hand, wenn wir in die Leere gehen?") Es sind jene profunden und doch minimalistischen Meditationen, in denen Frattis Handschrift stark an Liz Harris von Grouper oder auch an Julia Holter erinnert. Schönheit und Verstörung werden virtuos ineinander gemischt.

In den späteren Phasen des Albums treibt Fratti ihre gebrochenen Hypnosen weiter, mitunter begleitet von der experimentellen Rockband Tajak. "Inicio vínculo final" besprenkelt sanfte Drones mit verzerrten Dissonanzen und freirhythmischen Percussions und reißt einen ähnlichen Abgrund auf wie das anschließende "Aire", dessen Cello sich irgendwann wie eine Ambulanz-Sirene einbrennt, bevor das Stück ins Chaos stürzt. Stets lauert in einer solchen Ästhetik die Gefahr, auch die Grenze zur Esoterik zu überschreiten, die Lust am Obskuren zu übertreiben. Doch erst in seinen letzten Zügen zerfasert "Será que ahora podremos entendernos" ein wenig, wenn etwa die Improvisation des neunminütigen Closers einigermaßen unmotiviert vor sich hin klimpert. Längst hat sich da aber schon der Eindruck durchgesetzt, einer berührenden Stimme und schillernden Kompositionen begegnet zu sein, die ihre Ausgangsfrage mit gebührendem Ernst beantworten. Inmitten von Akten der Kommunikation ist Unschärfe nie auszuschließen, doch manchmal findet sie ihre eigene Eloquenz.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Mil formas de decirlo
  • Hacia el vacío
  • Aire

Tracklist

  1. Nadie sabe
  2. Mil formas de decirlo
  3. Hacia el vacío
  4. En medio
  5. Inicio vínculo final
  6. Aire
  7. Cuerpo de agua
  8. Que me hace saber esto
  9. Un día cualqiera

Gesamtspielzeit: 55:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Randwer

Postings: 1865

Registriert seit 14.05.2014

2021-10-06 18:42:04 Uhr
Das Album gehört zu den Glanzlichtern des laufenden Jahres.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21517

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-14 18:56:10 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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