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Whispering Sons - Several others

Whispering Sons- Several others

PIAS / Rough Trade
VÖ: 18.06.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Geteilte Freude

Kleine Lebenshilfe gefällig? Bitte sehr: "Sei einfach nicht Du selbst." Oder: "Bleib Dir nicht treu." Danke für den Ratschlag. Nicht. Hätte vermutlich Fenne Kuppens gesagt, denn die Frontfrau von Whispering Sons hat eigenen Angaben zufolge manchmal arg mit einem Hang zum Perfektionismus und damit verbundenen Selbstzweifeln zu kämpfen. In Bezug auf ihre Band erschließt sich das freilich nicht sofort: Die entsprechende Szene feiert die Belgier seit ihrer EP "Endless party" und dem vielbeachteten Debüt "Image" wenn nicht als Erneuerer, so doch als die Zukunft des Post-Punk. Mit anderen Worten: Whispering Sons stehen vor ihrem zweiten Longplayer da wie Persil am wolkenverhangenen Himmel. Der angesichts von Kuppens' tiefem, gelegentlich wie aus der Welt gefallenem Gesang jeden Moment in schwerstes Unwetter auszubrechen droht.

Denn nachts sind nicht nur alle Katzen grau, sondern auch die Klangfarbe dieses Albums. Doch Kuppens kann noch so beschwörend "Always be someone else instead of yourself" singen und das ausnehmend ironisch meinen oder mit ihren Kollegen den im Genre omnipräsenten Joy-Division-Vergleich eher gleichmütig abnicken – irgendetwas ist anders gegenüber dem Vorgänger. Die desolate Stimmung brodelt weiter, größtenteils verschwunden sind allerdings die Hallbäder aus der seelischen Echokammer, durch die "Image" oft so ungreifbar und distanziert wirkte wie das merkwürdig körnige Orgien-Cover. Die schroffe Felswand, in der nun "Several others" steckt, ist ebenso trefflich gewählt: So ungeschliffen, zuweilen lärmig überdreht und eisig maschinell in den Rhythmen ging es bei Whispering Sons bislang nicht zu. Was ihnen aber ausgezeichnet steht.

Und so beträgt die bassige Brutzeit des Openers "Dead end" lediglich knapp zwei Minuten, bis Kobe Lijnen seine Gitarre erstmals aufgebracht röhren lässt und Kuppens tonlos klarstellt: "Now I’m a bitter better person / A superficial version." Noch schneller zur Sache kommt der schlanke Kracher "Heat", der von Riff-Stakkato über geschwinde Licks bis hin zum tosenden Finale ein gewaltiges Rock-Ausrufezeichen setzt. Patziger punkt nur der Rausschmeißer "Surgery", ein finaler Tritt in den Allerwertesten nach einer guten halben Stunde, in der die Sängerin mit meist belegter Stimme über in urbaner Einöde zerriebene Gefühle und fehlgeleitete Körperlichkeit barmt. Womöglich ist sie selbst der "ghost in woman's clothes", der im doppelbödigen "Visions" zwischen präzisen Leads und giftiger Keyboard-Auslegeware umherspukt?

An der Oberfläche bleibt hier jedenfalls nichts, auch wenn der Titel des negativ aufgeladenen "Surface" Derartiges zu suggerieren scheint. Vielmehr erkunden Whispering Sons persönliche Höllen zwischen Selbstexil und Entfremdung, oft verstärkt durch die gleichen zischigen Snares und in Reverb-Schlaufen gefangenen Bass-Schlagzeug-Figuren, die Martin Hannett einst "Unknown pleasures" und "Closer" verpasste. So etwas wie Ruhe kehrt allenfalls in der Piano-Ballade "Aftermath" oder im von Kriechströmen unterwanderten Torch-Song "(I leave you) wounded" ein – doch selbst hier addiert Kuppens mit Zeilen wie "your scattered limbs around the bed" eine Art subtilen textlichen Body-Horror. Wen stört da eine gewisse Vorbildgeprägtheit? Joy Division kann man schließlich auch als "geteilte Freude" lesen. Und die hat man mit "Several others" allemal.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Dead end
  • Heat
  • Vision
  • Surface

Tracklist

  1. Dead end
  2. Heat
  3. (I leave you) wounded
  4. Vision
  5. Screens
  6. Flood
  7. Surface
  8. Aftermath
  9. Satantango
  10. Surgery

Gesamtspielzeit: 38:04 min.

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User Beitrag

Yndi

Postings: 64

Registriert seit 23.01.2017

2021-07-06 20:18:34 Uhr
Gefällt mir sehr gut, schön düster und teilweise schon fast coldwavig.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21271

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-06 10:43:11 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


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