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Various Artists - Bills & aches & blues (40 years of 4AD)

Various Artists- Bills & aches & blues (40 years of 4AD)

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 31.03.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Wem Ehre gebührt

2020 war wirklich zu nichts zu gebrauchen. Erst recht nicht für Partys. Fragt mal Depeche Mode, die vier Bandjahrzehnte samt Aufnahme in die Hall Of Fame des Rock'n'Roll in Quarantäne begehen mussten. Genauso ins Wasser fiel der runde Geburtstag von 4AD Records – dabei kann man das 1980 ins Leben gerufene britische Renommierlabel gar nicht genug feiern. Für seine Pionierarbeit in der Gründerzeit von Shoegaze, gediegenem Gothic und Alternative Rock, für sein eklektisches Programm von Nick Caves Anfängen mit The Birthday Party über Cocteau Twins und Pixies bis hin zum unvergessenen Scott Walker, für die ikonischen Artworks des ebenfalls verstorbenen Designers Vaughan Oliver. Inzwischen hat sich 4AD längst für HipHop, R'n'B oder Electronica geöffnet, aber auch etliche Indie-Platzhirsche unter Vertrag, von denen The National nur die bekanntesten sind.

Mit etwas Verspätung covern auf "Bills & aches & blues" nun Künstler aus dem aktuellen Roster klassische Songs des Labels. Sämtliche Einnahmen gehen an eine Musikschule für benachteiligte Jugendliche, der Digital-Veröffentlichung im März 2021 folgen am 23. Juli Vinyl und CD. Der Aufgabe, 40 Jahren Musik im Rahmen eines einzigen Releases beizukommen, nähert sich 4AD pragmatisch: Viele große Namen bleiben draußen, vertreten sind vor allem die neuesten Signings sowie Acts an der Schwelle zum heißen Scheiß, die sich oft an dem eigenen Genre fremden Stücken versuchen. Der Swamp-Punk-Brecher "Junkyard" von The Birthday Party wird bei U.S. Girls zur perkussiven Orchester-Suite, den Gitarren-Pop des Unrest-Vorläufers Air Miami überführt die Irin Maria Somerville bei "Seabird" in eine rauschende Naturkulisse. Und alle freuen sich.

Auch die australische Rapperin Tkay Maidza, die "Bills & aches & blues" mit einer synthetischen Upbeat-Version von Pixies' "Where is my mind?" eröffnen darf und ebenso ins Schwarze trifft wie mit ihrem Monster-Track "Shook". Weitere verblüffende Bearbeitungen folgen: Das New Yorker Ambient-Ensemble Bing And Ruth entkernt Black Francis und Kollegen bei "Gigantic" mit wallenden Klavierakkorden gar so weit, bis nichts mehr vom frenetischen Heuler übrig bleibt. Cool wie immer gibt sich Kim Deal: "The dirt eaters" von den Ethereal-Wavern His Name Is Alive interpretiert sie mit The Breeders als präzise Akustikballade, unter umgekehrten Vorzeichen quietscht der Evergreen "Cannonball" bei Tune-Yards noch eine Spur anarchischer, während Adrianne Lenker und Big Thief das auf "Title TK" gut versteckte "Off you" so aufgeräumt wie emotional einrumpeln.

Ehre also, wem Ehre gebührt. Das gilt auch für Deerhunters Bradford Cox, der das "Mountain battles"-Titelstück in wunderbarer, abwechselnd Drone-mächtiger und schmerzlich minimalistischer Art und Weise aufbohrt – Aldous Harding und Helado Negro fassen das Material seiner Band hingegen mit Samthandschuhen an. Nächste Prominenz: Claire Boucher alias Grimes, der US-Newcomer Spencer. ein tolles, an HipHop und Soul genährtes "Genesis" dalässt, wogegen Dry Cleaning zu "Oblivion" nicht viel mehr als als in die Raummitte geschobener Zerr-Synthie und gesangliche Unbeteiligtheit einfallen. Ein Umstand, der bei Future Islands nicht zu befürchten steht: In "The moon is blue", einen epochalen Elektro-Doo-Wop von Colourbox, legt Samuel Herring die gleiche Inbrunst wie 1985 Lorita Grahame. Wie das Original, nur ganz anders. Und nicht weniger großartig.

Vielleicht die beste und repräsentativste Verbindung von Einst und Jetzt auf einer illustren Zusammenstellung, die oft verblüfft, zuweilen begeistert und ab und zu auch mal gelinde enttäuscht, aber garantiert zu keiner Zeit langweilt. Interessante Randnotiz: Mit Cocteau Twins bleibt eine der wichtigsten 4AD-Bands musikalisch unberücksichtigt – abgesehen davon, dass Elizabeth Fraser damals mit This Mortal Coil Tim Buckleys "Song to the siren" sang, das hier Sohn geschmackvoll würdigt. Dafür zitiert der Titel "Bills & aches & blues" lose einen Song vom Album "Heaven or Las Vegas" – und hoben die Mitglieder Simon Raymonde und Robin Guthrie 1997 mit Bella Union ein Label aus der Taufe, das mittlerweile ähnlich hohes Ansehen genießt wie 4AD. Winkt bald der nächste Jubiläums-Tonträger? Diese 18 Songs dürften Ansporn genug sein.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Where is my mind? (Tkay Maidza)
  • Junkyard (U.S. Girls)
  • Genesis (Spencer.)
  • The moon is blue (Future Islands)
  • Mountain battles (Bradford Cox)

Tracklist

  • CD 1
    1. Where is my mind? (Tkay Maidza)
    2. Junkyard (U.S. Girls)
    3. Revival (Aldous Harding)
    4. The dirt eaters (The Breeders)
    5. Seabird (Maria Somerville)
    6. Cannonball (Tune-Yards)
    7. Genesis (Spencer.)
    8. Futurism (Helado Negro)
    9. Postal (Efterklang)
    10. Gigantic (Bing And Ruth)
  • CD 2
    1. The moon is blue (Future Islands)
    2. Sunbathing (Jenny Hval)
    3. Oblivion (Dry Cleaning)
    4. Mountain battles (Bradford Cox)
    5. Song to the siren (Sohn)
    6. The wolves act I and II (Becky And The Birds)
    7. Misery is a butterfly (Ex:Re)
    8. Off you (Big Thief)

Gesamtspielzeit: 72:42 min.

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Armin

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2021-07-06 10:42:13 Uhr - Newsbeitrag
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