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John Grant - Boy from Michigan

John Grant- Boy from Michigan

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 25.06.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

America, long distance

John Grants Amerika ist vielseitig. So auch das Schaffen des Musikers, der in Island eine neue Heimat gefunden hat. Und der Blick von außen ist zu großen Teilen auch ein Blick zurück. Die Kindheit in Michigan, die Teenager-Jahre in Colorado. Was nostalgisch verklärt daher kommt, kann sich aber auch immer als Kehrseite in einen Alptraum verwandeln. Dies passt dann gut zu den Songs auf Grants fünftem Album "Boy from Michigan", die sich auf den hinteren Positionen befinden und den amerikanischen Traum unter der Regie eines Donald Trump widerspiegeln. Musikalisch ist diese von Cate Le Bon produzierte Platte eine große Konsolidierung, es finden sich klassischere, vom Klavier geprägte Stücke ebenso ein wie die Electro-Pop-Songs der jüngeren Schaffensphase. In jedem Fall ist Grant aber geschmackssicher und traut sich auch den großen Wurf, sodass die üppige Gesamtlaufzeit von gut 75 Minuten nie zu Langeweile oder Gleichgültigkeit beim Publikum führt.

Das eröffnende Songtrio, bestehend aus dem Titeltrack, "County fair" und "The rusty bull", blickt am weitesten zurück, die frühe Kindheit wird wiederbelebt, unterschiedliche Charaktere, Ortschaften und Anekdoten tauchen auf. Grant hat dabei Zeit, die Songs entwickeln sich gemütlich, finden aber wunderschöne melodische Höhepunkte. Der Groove im Titelsong ist gemächlich, soulige Bläser irrlichtern durch den Hintergrund und Grants Stimme gibt den Chronisten, der immer wieder Dunkles herauf fördert: "The American dream can cause scarring / And some nasty bruising." "County fair" ist dann mit psychedelischem Flair eine große Sehnsuchtshymne, die sich einen federleichten, doch eben auch emotional gewichtigen Refrain gönnt, der als erstes melodisches Ausrufezeichen durchgeht.

Man fühlt sich heimisch in diesen Stücken, geborgen, und das trotz eines durchaus eklektischen Ansatzes. Dass dieses Album sich Zeit lässt, ist dabei von Vorteil, da sich jeder Song in Ruhe auf einige Ideen konzentriert, die perfekt ausgearbeitet werden. Der wuchtige Achtziger-Stampfer "The rusty bull" mit arschcoolem Beat erreicht seine schlichte Perfektion eben auch dadurch, dass er acht Minuten durchs nebelige Nacht-Michigan stromern darf. Immer wieder findet sich im nostalgischen Idyll die latente Bedrohung. In "Mike & Julie" kämpft der junge Grant inmitten von Ambient-artiger Instrumentierung gegen seine eigene Homosexualität an: "Now Julie is coming / And she'll be here soon / She'll be my escape / From the truth in this room."

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Sicherheit Grant seinen Songs die nötige Weite spendiert. Der 52-Jährige hat enorm viel zu erzählen und nimmt sich dafür viel Zeit. Der soft-rockige Ansatz eines "Just so you know" bedeutet dann auch keinen Einlass für Langeweile, sondern für ein langmütiges Dahingleiten auf milder Melodik und sanfter Instrumentierung. Und wenn ein derart unspektakulärer Refrain mit ganz leichten Verschiebungen in den Tonfolgen auf solche Weise berührt, hat der Musiker alles richtig gemacht. Im Harmonischen lauert jedoch das Übel, Mr. Trump hat auf den hinteren Rängen dieser Platte tiefe Spuren hinterlassen. Und die Jungfrau Amerika ist diejenige, die ihn geboren hat: "That's the only baby / That bitch could have." In diesem Fall ist das zugehörige Stück von schicksalhafter Schwere, verkörpert durch ein Klavier, einen sakralen Männer-Chor und einen noisigen Ausbruch zum Schluss. Dies ist aber eben nur ein stilistisches Puzzle-Teil von vielen, zwischen dem Piano-Songwriter und dem Disco-Freak entspringen auf "Boy from Michigan" wunderbare Dialoge. Ein selbstsicheres Opus Magnum, das immer den richtigen Ton trifft.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Boy from Michigan
  • County fair
  • Mike and Julie
  • The only baby

Tracklist

  1. Boy from Michigan
  2. County fair
  3. The rusty bull
  4. The cruise room
  5. Mike and Julie
  6. Best in me
  7. Rhetorical figure
  8. Just so you know
  9. Dandy star
  10. Your portfolio
  11. The only baby
  12. Billy

Gesamtspielzeit: 75:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Grizzly Adams

Postings: 1527

Registriert seit 22.08.2019

2021-07-12 19:33:39 Uhr
Boy from Michigan und The only Baby haben mich sehr überzeugt. Hatte daraufhin auf ein stärkeres Album gesetzt. Das höre ich nicht. Und ja, auch für mich hat es Längen.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7430

Registriert seit 26.02.2016

2021-07-12 16:55:55 Uhr
Für mich auch besser als der Vorgänger, der wirkliche Lowlights hatte. In deren Kerbe schlägt zwar "Rhetorical Figure", der hier auch etwas fremd wirkt, aber den finde ich witziger.
Leider ist mir das Album locker 15-20 Minuten zu lang, einige Songs rechtfertigen für mich nicht ihre Laufzeit. Ich tendiere zu einer knappen 7/10 und hoffe, er begeistert mich irgendwann noch mal so wie mit den ersten beiden Alben.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21238

Registriert seit 08.01.2012

2021-06-27 19:23:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7430

Registriert seit 26.02.2016

2021-06-22 20:46:02 Uhr
Hier zur Vollständigkeit noch die erste Single, die hier nicht verlinkt war:

Grizzly Adams

Postings: 1527

Registriert seit 22.08.2019

2021-06-22 17:42:08 Uhr
Da könnte was Großes draus werden.
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