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Lucy Dacus - Home video

Lucy Dacus- Home video

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 25.06.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Springen wie damals

Hach, früher war doch alles besser. Unter der Woche wurde man von Mama oder Papa geweckt, rannte am Nachmittag nach Erledigung der Hausaufgaben schnell nach draußen und kehrte erst pünktlich zum Abendessen wieder nach Hause zurück. Am Wochenende gehörte uns die Welt, unsere Freunde waren unsere engsten Verbündeten, Verantwortung über unser Handeln erwartete eigentlich keiner – Eltern haften für ihre Kinder, hömma! Schöne Zeit. Mit ein wenig Mühe kann man die Luft von damals wieder riechen und das Eis vom Kiosk um die Ecke wieder schmecken. Der Sommer dauerte als Kind immer länger, Weihnachten war bunter, das Leben einfacher. Zumindest manchmal.

Auch Lucy Dacus erinnert sich an längst vergangene Tage zurück. Ihre Kindheit verbrachte die 26-Jährige in Richmond, Virginia, und wahrscheinlich war auch sie einmal die Königin vom Spielplatz und Heldin auf dem eigenen Fahrrad, das in der Fantasie öfter glatt zur Harley Davidson wurde. Als Dacus nach einer ausgiebigen Tour endlich wieder in ihre Heimat reiste, bemerkte sie, dass alles etwas anders war. Sie, die die echte Welt gesehen hatte, gehörte nicht mehr richtig dazu – und eigentlich bekannte Ecken und Leute wirkten fremd. "Home video", ihr drittes Album nach dem 2016er-Debüt "No burden" und dem zwei Jahre später veröffentlichten "Historian", ist das Ergebnis dieser Erkenntnis: Zeiten ändern sich, aber Erinnerungen bleiben. Ein Glück.

Dementsprechend ist "Home video", das deutet der Name schon an, eine durchaus melancholische kleine Perle voller Persönlichkeit und ebenso persönlichen Einblicken. Dacus, eine der vielversprechendsten jungen Musikerinnen der letzten Jahre, muss sich hier nicht verstellen: Vom poppig-polternden Indie-Rock eines "First time" über die herzerweichende Zerbrechlichkeit von "Going going gone" bis hin zum sich langsam steigernden Sommerhit "Brando" weiß sie hier genau die richtige Menge an Tagebuch-Einträgen zu zeigen, ohne kitschig zu werden. Als Hörer lernt man Dacus auf "Home video" noch ein bisschen besser kennen, und doch war sie doch eigentlich schon immer wie ein Kumpel. So ist "Hot & heavy" mitsamt seines grandiosen, intimen Musikvideos wie die Anekdote von einer, die man seit einer Weile nicht mehr gesehen hat – aber bei der man sich über jedes Wiedersehen immer und immer wieder freut.

Am Ende ist Dacus' drittes Album natürlich so viel mehr als ein sehnsüchtiger Blick in die eigene Vergangenheit. Es ist auch ein Aufatmen: Der Rücken tut am Morgen möglicherweise etwas mehr weh und Verantwortung muss man nun auch immer wieder übernehmen, aber die Freiheit des Erwachsenseins hat ja auch seine Vorteile. Das so sanfte wie eindringliche "Please stay" reicht zum Finale beide Hände zur Versöhnung, während "Triple dog dare" die Harley Davidson von einst endgültig im Fahrradschuppen stehen lässt und sich mit dieser einen Person aus der Kindheit, die damals wie heute zu den engsten Verbündeten zählt, den Wind um die Nase wehen lässt. Im Auto, bei heruntergelassenen Fenstern, während man durch die alte Heimat fährt. Auf dem Weg ins neue Zuhause. Die Erinnerungen bleiben, die Zukunft steht uns jederzeit unmittelbar bevor. Und für beides gibt es Lucy Dacus sei Dank nun die passende musikalische Untermalung.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Hot & heavy
  • First time
  • Triple dog dare

Tracklist

  1. Hot & heavy
  2. Christine
  3. First time
  4. VBS
  5. Cartwheel
  6. Thumbs
  7. Going going gone
  8. Partner in crime
  9. Brando
  10. Please stay
  11. Triple dog dare

Gesamtspielzeit: 45:55 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21226

Registriert seit 08.01.2012

2021-06-27 19:22:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Saschek

Postings: 109

Registriert seit 23.07.2018

2021-06-26 23:49:07 Uhr
Ja - das mit den Akustik-Songs kann ich jetzt nach dem allerersten Durchgang nachvollziehen. Andererseits hat das Album gerade eine extrem lange Nachwirkzeit bei mir. Lässt vieles angenehm weg und offen und bricht die Akustikschale dann aber ab und zu unvermittelt mit Noise-Gitarre und donnernden Drums auf. Nice. Der Flow des Albums und der Songs gefällt mir sehr.

Cayit

Postings: 140

Registriert seit 05.05.2014

2021-06-26 10:52:58 Uhr
Habe dass Album seit 2 tagen rauf und runter...
Muss sagen das der vorgänger HISTORIAN doch einen tick besser ist/war !
HOME VIDEO hat zu viele akustik songs die dann doch dahin plätchern...Aber klar ist es immer noch eine Starke Platte.

humbert humbert

Postings: 2276

Registriert seit 13.06.2013

2021-06-25 00:30:08 Uhr
Ich muss ja zugeben, dass ich aus den paar Songs, die ich gehört habe, nur 08/15-Indierock raushöre. Fließt vorbei ohne zu stören.

Saschek

Postings: 109

Registriert seit 23.07.2018

2021-06-23 23:14:27 Uhr
Ganz famos! Freue mich schon sehr aufs neue Album. Wenn das so gut wird, wie die drei vorveröffentlichten Songs — Holla die Waldfee!
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