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Maulgruppe - Hitsignale

Maulgruppe- Hitsignale

Major / Broken Silence
VÖ: 24.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der alte Mann und das Mehr

Seit einigen Jahren bewohnt Jens Rachut, Punk-Urgestein und Mitbegründer legendärischer Jens-Rachut-Bands wie Angeschissen, Dackelblut, Blumen Am Arsch Der Hölle und Oma Hans eine Waldhütte in Norddeutschland, rund 40 Kilometer von Hamburg entfernt. Man stellt sich das als Außenstehender wie ein wunderliches Einsiedlerleben vor, mit selbst eingekochtem Gemüsematsch aus eigenem Anbau und allabendlich einem Cognac zum Einschlafen. Zumindest der Alkohol scheint tatsächlich ab und an in ausreichender Menge zu fließen: "Wenn Du hier morgens leicht beschädelt aufwachst und die Fenster aufmachst, dann bist Du mitten im Wald, dann ist das einfach ein geiles Gefühl – ganz ohne so Hippiescheiß." Das Interview, dem diese Aussage entnommen ist, gab Rachut dem Ox-Fanzine zum Erscheinen des Debütalbums seines jüngsten Projekts Maulgruppe. Rund zwei Jahre später liegt nun der Nachfolger von "Tiere in Tschernobyl" vor. Der Rückzug scheint die Produktivität nicht zu hemmen, aber auch sonst bleibt bei Rachut auf die alten Tage vieles beim Alten. Und das ist ein ausgesprochenes Glück.

Komplettiert wird Maulgruppe, ursprünglich als Trio gegründet, heuer von Gitarrist Frank Otto und Schlagzeuger Markus Brengartner, die in Bands wie Kurt, Ten Volt Shock und Yass mitwirkten, sowie Bassist Wieland Krämer, der mit Rachut unter anderem schon bei Dackelblut spielte. Auf "Hitsignale" treten die Elektrosounds des Vorgängers in den Hintergrund, es dominiert stoisch-treibender Postpunk, angereichert mit ein wenig Noise und auch Industrial. Messerscharfe Gitarren, ein hämmerndes Schlagzeug, hier ein Quietschen, da ein Dröhnen: Es ist ein paranoid-flirrendes Fundament, auf dem Rachuts fragmentarische Wortkunst thront wie dunkle Wolken über einem verfallenen Fabrikgelände. Und man darf, nein muss das mit der Kunst bitte buchstäblich verstehen. Denn die Art und Weise, wie Rachut assoziativ-konkret Wort an Wort und Satz an Satz reiht, immer zwischen Sinn und Unsinn, Ernst und Ironie schwankend wie ein Besoffener auf dem Nachhauseweg, das ist einmalig. Dass der Ventil-Verlag seine gesammelten Songtexte im November als Buch veröffentlichte, war längst überfällig.

Mal ist es nur ein einziges Wort wie "Liebeskokolores", das aus dem eruptiven Bewusstseinsstrom emporragt und im Gedächtnis haften bleibt. Oftmals aber formen sich aus den Satz- und Gedankenfetzen prägnante Bilder und sogar kleine Geschichten. Die Perspektive ist dabei stets subjektiv, die Grundstimmung modert irgendwo da unten, zwischen Gefühlen wie Verzweiflung, Angst, Isolation und Entfremdung. In "Schwarzer Hund" schleicht die titelgebende Kreatur als Chiffre für Depression durch die Zeilen, während die Musik drumherum klaustrophobisch rast. In "Oktober" ringt das lyrische Ich mit sich und seiner Schreibblockade – "Rachut, Du alter Blender / Mach' jetzt mal, Du Arsch". Doch nicht immer sitzt der Feind ausschließlich und allein im eigenen Kopf. Im Titelsong geraten Computer und Smartphones zur Zielscheibe einer Selbstverteidigung, wird die digitale Reizüberflutung – "Information, immer, ohne Unterbrechung / Das kann kein Mensch erfunden haben" – in ein wahrhaft surreales Szenario gekleidet. Im Vergleich erscheint der durch die Pandemie induzierte Stillstand, den "Flug X1 Strich 22" beschreibt, geradezu wohltuend.

All diese Themen und mehr vermengen sich auf "Hitsignale" zu einem verzerrten Panorama der Gegenwart, das von lauer Zeitgeistigkeit so weit entfernt ist wie Rachuts Bands vom Mainstream. Neben dem besonderen Ausdruck ist es nämlich auch die unbeugsame Haltung, die den alten Mann und seine Kunst ausmacht. Mit "Prim die Zahl" steht wohl nicht aus Zufall ein Song am Anfang, der sich vor den Abgehängten und Abweichlern verneigt. "Wir sind beide Außenseiter / Psychologisch streng gesehen / Würd' ich lieber eine 11 sein / Statt 'ner 50 zu applaudieren." Zeilen wie diese keift Rachut mit einer Wut im Bauch und einer räudigen Dringlichkeit, dass man sich ein Ende kaum vorstellen mag. Doch ist "Hitsignale" auch ein Abschiedsalbum. "Kakteen verblühen nie", singt Rachut im Duett mit Françoise Cactus von Stereo Total. Der Text schildert eine Episode aus Cactus' Leben, handelt von ihrer Jugend in Burgund, von der Sehnsucht und vom Entkommen. Im Februar verstarb Françoise Cactus an Brustkrebs. Jens Rachut bleiben hoffentlich noch viele weitere Jahre – und damit uns auch in Zukunft noch Platten wie diese.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Schwarzer Hund
  • Oktober
  • Hitsignale
  • Kakteen verblühen nie

Tracklist

  1. Prim die Zahl
  2. Flug X1 Strich 22
  3. Schwarzer Hund
  4. Studentenserum
  5. Im Pferd geblieben
  6. Oktober
  7. Hitsignale
  8. Der Spuk
  9. Narzissenwelt
  10. Geisteraffen
  11. Kakteen verblühen nie

Gesamtspielzeit: 33:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 437

Registriert seit 28.06.2020

2021-06-12 13:36:04 Uhr
@Cow
Das hast du aber sehr fein gesagt! Ich pilgere auch viele Jahre zu allen Rachut-Projekten Konzerten, und werde nie enttäuscht..
Einfach ne lebende Granate!

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 2370

Registriert seit 12.12.2013

2021-06-11 01:11:06 Uhr
Freut mich sehr, dass der Rachut hier mal AdW ist.

Cow

Postings: 4

Registriert seit 28.09.2019

2021-06-11 00:07:04 Uhr
Ja geil. Fands schade dass zum ebenfalls sehr starken Vorgänger keine Rezi kam, hab damals zum ersten Mal ne Mail euch geschrieben und quasi drum gebettelt, aber Album der Woche versöhnt mich und mit dem post-punkigeren Einschlag ist der Sound ja auch echt nochmal ne Ecke kompletter und fetter geworden, obwohl ich das vorher kaum für möglich gehalten hätte. Rachut ist für mich der deutschsprachige Punk Titan schlechthin, (Anti)Gesang hin oder her. Was der immernoch für Talent um sich schart und für runde, klanglich dichte Platten abliefert, da bleibt mir regelmäßig die Spucke weg. Fühle ich vom ersten Ton mehr als jeden Output von Karies, Illegale Farben und wie sie alle heißen, obwohl die ja durchaus feine Mucke machen.
Aber der Waldschrat steckt sie mit seinen bekloppten Projekten alle irgendwie in die Tasche. Nen Track wie "Geisteraffen" kriegt niemand anders so hin. Ich verneige mich und kaufe fleißig seine in lächerlich niedriger Stückzahl gepressten Platten.

BretinBones

Postings: 37

Registriert seit 22.11.2019

2021-06-10 22:41:23 Uhr
Der Platte wohnt eine (auch klangliche) Tiefe und Dramatik inne, die sie von vielen ähnlichen Bands stark abhebt! Im ersten Durchgang schon saustark!

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2462

Registriert seit 14.06.2013

2021-06-10 13:29:06 Uhr
Find's auch sehr gelungen. Etwas gleichförmig natürlich, aber so ist das eben beim Herrn Rachut. So ist das.
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