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Mdou Moctar - Afrique victime

Mdou Moctar- Afrique victime

Matador / Beggars Group / Indigo
VÖ: 21.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Strom und Wasser

Es dürfte kein allzu großes Geheimnis mehr sein, dass die vielleicht aufregendste Gitarrenmusik dieser Tage auf den staubigen Böden der Sahelzone entsteht. In der kargen Region im Norden Afrikas, dünn besiedelt und konfliktgeschüttelt, werden immer neue Grenzen ausgelotet, während der weite, offene Blick sich auf einen Horizont richtet, vor dem Rockmusik viel mehr sein muss als ein Ventil für den eigenen Hedonismus. Wo die Weite der Wüste nur noch von der des Nachthimmels übertroffen wird, bleibt genug Raum, eine beinahe kosmische Wucht zu spüren; gleichzeitig sind Armut und Not so präsent wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. In der Umgebung von Agadez, einem zentralen Knotenpunkt globaler Flüchtlingsrouten, lebt der Mittdreißiger Mdou Moctar, der sich in den vergangenen Jahren mit virtuosen Entfesselungskünsten an der Gitarre zu einem der exponiertesten Vertreter des Tuareg-Rock entwickelt hat. Als Botschafter seiner Heimat singt er auf Tamascheq und betont immer wieder die soziale Verantwortung, die seine wachsende Bekanntheit im Westen bedeutet. Musik als kommunaler Kitt und geteilte, mitgeteilte Erfahrung: Vor diesem Hintergrund legen er und seine Bandkollegen mit "Afrique victime" ein umwerfendes Album vor, die Krönung ihres bisherigen Schaffens.

Schritte auf sandigem Boden erklingen in den ersten Sekunden des Openers "Chismiten", eine Verortung im doppelten Sinne: Nicht ins Studio gehört diese Musik, sondern nach draußen. Dann geht Moctar erstmals in die Vollen und entfacht einen Sturm, der beinahe die Sicht nimmt. Wilde chromatische Läufe tanzen ekstatisch über einem treibenden Rhythmusgerüst, das organisch sein Tempo verlangsamt und erhöht, während Moctar nach den Sternen greift. Sein Sound, beständig metamorphosierend, springt von angedeuteter Mikrotonalität zu lyrischem Flirren, rabiaten Klangmanipulationen und einer hypnotischen Psychedelik, die über der monotonen Grundstruktur der Songs erst recht in Trance versetzt. Schmunzelnd bemerkt Moctar, er habe sich im Vorfeld der Aufnahmen die Tapping-Technik Eddie van Halens abgeschaut: bloß eine weitere Zutat seiner wahnsinnigen Soli, die so etwas wie das unkontrollierbare Zentrum auf "Afrique victime" beschreiben. Ausgehend vom bereits starken Vorgänger "Ilana: The creator" erweitert die Band ihr Spektrum außerdem hin zu mehr akustischen, folkigen Elementen, die sich als opak schimmernder Gegenpol zu den sechssaitigen Extravaganzen erweisen. "Ya habibti" kommt als halluzinatorischer Psych-Folk daher, in dem sich nach und nach mehrere perkussive Schichten dezent übereinanderlegen. Und mit "Tala tannam" folgt eine wunderschöne Ballade, deren verzaubernde Harmonien ein Loblied auf die Gemeinschaft singen.

Field Recordings, die klingen, als stammten sie aus einem nigrischen Dorf, eröffnen die zweite Hälfte, in der die Band noch einmal alles mobilisiert. "Layla" ist natürlich kein Eric-Clapton-Cover, sondern ein knochentrockener Blues, der einmal mehr von der Akustikgitarre getragen wird und die Sinne klärt, bevor sich der Titeltrack zusammenbrodelt, das Herzstück des Albums. Elegische Klagen eröffnen seine denkwürdigen siebeneinhalb Minuten, die bombastische Akkorde in einen verhältnismäßig konventionellen Rocksong überführen. Gegen den traurig-resignierten Gesang spielt Moctar sich die Seele aus dem Leib, sucht nach einem Ausweg aus dem imperialistischen Elend. Ab der Mitte übernimmt ein fuzziger Basslauf, das Tempo zieht an und Moctar kämpft mit dissonantem Feedback und Bombengeheul, als quölle seine Gitarre über vor Emotionen. So viel Leid, Turbulenz und Lebenswille liegen in diesen Momenten, dass die Intensität kaum auszuhalten ist.

Nach kurzer Schockstarre lässt sich dann vor allem empfinden, welch revolutionärer Geist durch "Afrique victime" bebt. Moctars Virtuosität möchte nicht imponieren, sondern motivieren. In diesem Lichte scheint es zunehmend plausibel, dass Bassist Mikey Coltun – als einziges Bandmitglied stammt er aus dem Westen und wurde in der DIY-Szene Washingtons sozialisiert – die Atmosphäre auf Tuareg-Hochzeiten mit derjenigen auf Punk-Konzerten vergleicht: laut, energetisch, solidarisch. Eine subversive, utopische Hoffnung spricht aus diesen neun Songs, die manchmal ganz konkret wird: In Niger baut Moctar regelmäßig Brunnen, um die lokale Wasserversorgung zu verbessern. Nicht nur dort schürft er tief.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Ya habibti
  • Tala tannam
  • Afrique victime

Tracklist

  1. Chismiten
  2. Taliat
  3. Ya habibti
  4. Tala tannam
  5. Untitled
  6. Asdikte akal
  7. Layla
  8. Afrique victime
  9. Bismilahi atagah

Gesamtspielzeit: 41:18 min.

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User Beitrag

VelvetCell

Postings: 3669

Registriert seit 14.06.2013

2021-06-16 14:32:45 Uhr
Dann schreib das doch!

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 25591

Registriert seit 07.06.2013

2021-06-16 13:49:39 Uhr
Wollte grad schreiben, dass mir das Album Spaß macht. Besonders bei dem Wetter.

Klaus

Postings: 3175

Registriert seit 22.08.2019

2021-06-16 13:46:42 Uhr
18.04. Hamburg, Molotow
24.04. Berlin, Frannz Club
25.04. Leipzig, UT Connewitz
27.04. Linz, Kapu
28.04. Zürich, Rote Fabrik

VelvetCell

Postings: 3669

Registriert seit 14.06.2013

2021-06-11 13:50:49 Uhr
Klingt wie eine Mischung aus Tinariwen und Khruangbin. Find ich gut!

saihttam

Postings: 1683

Registriert seit 15.06.2013

2021-06-11 10:33:09 Uhr
Ich mags auch. Die Gitarren, der Gesang! Alles ein bisschen ungewohnt aber dennoch sehr stimmig.
Wer den Sound mag, sollte auch die Band Tinariwen hören. Die bestehen ebenfalls aus Musikern der Tuareg und schlagen in eine sehr ähnliche Kerbe.
Zum kompletten Thread

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