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K.I.Z. - Rap über Hass

K.I.Z.- Rap über Hass

Vertigo / Universal
VÖ: 28.05.2021

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Es hat sich ausgefickt

"Natürlich müssen wir darüber reden, dass der Bundespräsident persönlich eine Veranstaltung empfiehlt, auf der Sänger grölen, wie gerne sie wörtlich 'Messerklingen in Journalistenfressen' rammen, wie gern sie sich an brennenden Deutschlandfahnen wärmen und christliche Bibeln ins Feuer hinterher wеrfen. [...] Wie gerne sie schwangere Frauen in den Bauch treten und sich dann an der Fehlgeburt vergehen", so heißt es gleich zu Beginn des gleichnamigen Openers des neuen K.I.Z.-Albums "Rap über Hass". Es ist ein Sample des AfD-Politikers Bernd Baumann, der sich 2018 in einer Bundestagsrede zum "#WirSindMehr"-Festival geäußert und Bezug auf K.I.Z. genommen hatte. So eine Reaktion passt dem Trio – DJ Craft ist zwischenzeitlich ausgestiegen – natürlich voll in den Kram: Der ist dumm, weil er unseren Humor nicht versteht, und deshalb sind wir schlau, quod erat demonstrandum. Dabei ist so eine offensichtliche Beweisführung ja überhaupt nicht nötig, eigentlich versprüht so etwas doch insbesondere im Stillschweigenden seinen Charme. Dennoch dreht sich mehr oder weniger die ganze neue Platte darum, dass K.I.Z. die Guten sind und ihren Auftrag als solche auch ordentlich erfüllen. Später noch mal mehr dazu.

"Rap über Hass, das ist mein Gebiet / Ich rappe über Hass, in fast jedem Lied", heißt es nach dem AfD-Sample weiter. Und das ist programmatisch: Hörer*innen erwartet hier "frauenfeindlicher, antisemitischer Dreck." Aber natürlich ist das nur ein Scherz: "Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt", augenzwinkern K.I.Z., dem Zitatgeber vom Beginn den Spiegel vorhaltend. Also: Gefreite Jungfern, Sex mit Müttern, abgehackte Köpfe (u. a. von Julian Reichelt) ... K.I.Z. machen, was K.I.Z. eben so machen. In "VIP in der Psychiatrie" legt das Trio die Zwangsjacken aus ihrem Kürzel an, zelebriert Mord und Totschlag, Nico hätte gern Feedback für sein zwanzigstes Dick-Pic. "Unterfickt und geistig behindert" lehnt seine Roboter-Hook an "Intergalactic" von Beastie Boys an. Ansonsten bleibt der Track blass. "Bitte sag's nicht meiner Freundin" gibt sich sexy im Beat und versaut vom Text her: lecken, squirten, lauter so Wörter aus der Ficki-Ficki-Fibel. Nico singt den Chorus und auch seine Strophe sticht hervor. Der Titel behandelt das Hauptproblem vieler Männer in der Midlife-Crisis: Die Angst davor, dass der ganze Mist, den sie abziehen, doch auffliegt. "2 Nicos" – halb Song, halb Interlude – bringt in seinen knapp anderthalb Minuten immerhin folgende, ganz witzige Zeile hervor: "Ich fick' zwei Girls Backstage mit 'ner Pandamaske / Damit sie rumerzählen, dass Cro einen kleinen Schwanz hat." In "Definition von Glück" paraphrasiert Maxim Harald Juhnke: "Keine Termine und leicht einen stehen." Die Gesamtidee von "Mehr als nur ein Fan" ist nicht unbedingt neu, auch weil es von der Melodie fast so klingt wie "Biergarten Eden" von "Urlaub fürs Gehirn", und insgesamt ist die überironische Ausführung ein bisschen aus der Zeit gefallen. "Filmriss" könnte auch eine Deichkind-B-Seite sein.

Geschlagene sechs Jahre ist es mittlerweile her, seit K.I.Z. ihr letztes Album "Hurra die Welt geht unter" herausbrachten. Ein Jahr später gab es ein Live-Album aus der Wuhlheide, 2018 waren die drei zusammen mit ein paar Kollegen als VSK unterwegs und veröffentlichten das sehr unterhaltsame "Wo die wilden Kerle flowen", außerdem droppte Tarek Anfang 2020 das ziemlich großartige "Golem". Sechs Jahre, das ist eigentlich genug, um eine Lieblingsband richtig hart zu vermissen. Aber irgendwie passierte das nicht. "Und das Geheimnis der unbeglichenen Bordellrechnung", jenes vor Blödsinn nur so übersprudelnde, ziemlich lieblos erscheinende Vorab-Mixtape zu "Rap über Hass" aus dem Dezember 2020 änderte daran leider auch genau gar nix. Als Erklärung ein kurzer Schwank: Neulich hatte der Rezensent einen Kumpel am Telefon und der schmiss ihm zwischendurch eine K.I.Z.-Zeile entgegen: "Dass Deine Mutter ein Nilpferd ist, macht Dich noch lange nicht zum Ägypter". Mei fanden wir das früher mal lustig, aber jetzt ... gähn. Dasselbe Gefühl beschleicht einen, wenn ebendiese Zeile in "Kinderkram" von ihren Schöpfern selbst gesampelt wird. Joa, komm, lass stecken. "Fick-Deine-Mutter-Rap seit 20 Jahren", heißt es im gleichen Song stolz. Na denn, herzlichen Glückwunsch.

Zwei Theorien dazu, warum die Pfeile aus dem K.I.Z.-Köcher plötzlich nicht mehr so richtig treffen: Erstens, als man noch U30 war, wirkte Derbes und Derberes deswegen umso cooler, weil man sich – vor allem als junger Mann – ohnehin dauernd mit seiner eigenen Triebhaftigkeit beschäftigte. Möglich. Zweitens, und wohl noch möglicher: Das Sagbare hat sich schlicht verschoben. Zur Erinnerung: Als K.I.Z. 2009 "Sexismus gegen Rechts" herausbrachten, saßen noch keine Nazis im Bundestag, war "#Metoo" noch nicht passiert. Überspitzung als Stilmittel funktioniert aber nur dann, wenn sie ganz offensichtlich über die Realität hinausschießt und wenn die Bedrohung zudem eher abstrakt bleibt. Tabus zu brechen klappt logischerweise nur im Sinne von Pionierarbeit. Das Ganze muss die Zielgruppe genauso schockieren wie irgendeinen politischen Rechtsausleger. "They had all the right reasons", könnte man nun auf Englisch erklären, wenn es um "Rap über Hass" geht – natürlich sind K.I.Z die Guten und freilich haben sie Gutes im Sinn, aber gut und gut gemeint ... you know. Letztlich ist ihr Toolkit halt mittlerweile einfach überholt. "Hurra die Welt geht unter" hatte mit seinem dystopischen Leitthema immerhin noch eine – wenn auch frustrierende – Lösungsidee parat. Die aktuelle Platte erscheint dagegen unglaublich fad. "Ich ficke euch (alle)" heißt ein Track des Albums, leider muss man jedoch feststellen: Es hat sich ausgefickt.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Rap über Hass
  • Definition von Glück

Tracklist

  1. Rap über Hass
  2. VIP in der Psychiatrie
  3. Ich ficke Euch (alle)
  4. Unterfickt und geistig behindert
  5. Bitte sag's nicht meiner Freundin
  6. 2 Nicos
  7. Definition von Glück
  8. Ja
  9. Mehr als nur ein Fan
  10. Filmriss
  11. Was ist los (feat. Outerspass)
  12. Kinderkram

Gesamtspielzeit: 41:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Eurodance Commando

Postings: 1479

Registriert seit 26.07.2019

2021-06-08 18:33:24 Uhr
OK Boomer

W1ndomEarle

Postings: 1

Registriert seit 08.06.2021

2021-06-08 15:13:16 Uhr
Problem ist einfach, dass ihre Hörerschaft komplett aus gutbürgerlichen Millenials besteht, die in den letzten 15 Jahren gealtert ist, während K.I.Z. immer noch in der gleichen Bubble festhängen wie damals. Das konnte man schon bei den ganzen Gen X-ern erleben, die Fettes Brot mal gefeiert haben. Allerdings haben Fettes Brot sich dann hat mitentwickelt und langweiligen Pop gemacht, der im Radio dudelt, wenn man morgens seine Kinder in die Kita fährt. Sido macht eh nur noch Pop. K.I.Z. sitzen stattdessen zwischen den Stühlen.

Ich find's ok, dass sie sich nicht verbiegen lassen, aber bevor sie enden wie die Bloodhound Gang, die sich auch nie verbiegen ließ, sollten sie eher aufhören.

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 633

Registriert seit 13.02.2013

2021-06-07 20:38:38 Uhr
Na, wir wollen mal nicht übertreiben. Pascal "Ich habe fast immer Recht" Bremmer reicht völlig.

Die Hafen-Trulla

Postings: 158

Registriert seit 17.03.2021

2021-06-07 19:49:17 Uhr
Wenn man Jacks Vermutung folgt, was ich gemacht haben könnte, kann man im übrige wunderbar ableiten , was Pascal "Ich habe immer Recht" Bremmer gemacht hat ...

Peacetrail

Postings: 2471

Registriert seit 21.07.2019

2021-06-07 18:45:30 Uhr
Trullas Wochenende = Baerbocks Lebenslauf
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