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Hide - Interior terror

Hide- Interior terror

Dais / Cargo
VÖ: 28.05.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der letzte #Aufschrei

Ominöse Frage: Wo findet selbst ein Sexualstraftäter Sympathie? Einzige zulässige Antwort: im Wörterbuch. Und damit schmerzlich willkommen in den furchteinflößenden Sphären des Chicagoer Duos Hide, die aber letztendlich nur all das widerspiegeln, was die Welt da draußen oft so abgrundtief hässlich macht: Misogynie, toxische Maskulinität, Polizeigewalt, Menschenrechtsverletzungen – und eine bereits im Begriff widerwärtige "rape culture", die das Böse im Menschen, pardon, Mann, vermutlich am liebsten zu einem Grundrecht hochstilisieren würde. Dinge, gegen die Vokalistin Heather Gabel und Schlagwerker Seth Sher schon auf ihren ersten beiden Platten "Castration anxiety" und "Hell is here" zu Felde zogen. Voll gerechtem Zorn und zuckender digitaler Agonie, psychisch wie physisch unausstehlich. Und Album Nummer drei geht noch einen Schritt weiter.

"Interior terror" tut nämlich zuweilen beinahe körperlich weh – und entfernt sich zusehends von dem, was man auf den Vorgängern noch für eine angespitzte und unversöhnliche Spielart von EBM halten konnte. Stattdessen springen einem bei rigiden Rhythmus-Bollwerken wie "Spit" oder dem einminütigen Nagelbrett "Nightmare" die abgesägten Electronics so unvermittelt ins Gesicht wie beim kalifornischen Trümmerpärchen Youth Code, und auch für alle, die sich von Margaret Chardiet alias Pharmakon gerne per Power-Noise die Magengrube durchkneten lassen, haben Hide da mal was vorbereitet. Zum Beispiel die ruinös knirschende Tektonik des Industrial-Brechers "This blood" oder das unbeugsame "Do not bow down", das sich sich mit metallverarbeitender Präzision gnadenlos ins Bewusstsein stanzt. Die Maschinen haben gewonnen, könnte man meinen.

Doch sie haben die Rechnung ohne Gabel gemacht, denn die Frontfrau barmt, stöhnt und keift sich so unbeugsam durch die meist kurzen, zersplitternden Tracks, dass den sogenannten Herren der Schöpfung die Eier ganz von selbst aus der Hose fallen. Die Kunst des Zitats nutzt sie dabei erneut zur wutentbrannten Anklage – schon "Chainsaw" aus "Hell is here" rekapitulierte den Wortlaut frauenfeindlicher Beschimpfungen, die Gabel auf offener Straße entgegenschlugen. Im hämisch betitelten "Daddy issues" wird es noch ärger, wenn sie zu schabendem Eingeweide-Lärm die Zumutung von einem Brief verliest, den der Vater des verurteilten Vergewaltigers Brock Turner einst verfasste – und laut dem sein Sohn eher bedauernswertes Opfer der Umstände denn ein Verbrecher ist. Schwer zu ertragen – und Grund genug für den fuchsteufelswilden #Aufschrei am Ende des Stücks.

Krasser wird es auf "Interior terror" zumindest inhaltlich nicht mehr, auch wenn Hide die Ohrenschrauben kaum lockern. "Fear" brüllt vermeintlichen Ordnungshütern zu perkussivem Loop ein aufgebrachtes "Fear is not respect!" entgegen, während Shers Drums niedersausen wie Gummiknüppel, auch "Flag" verfällt in einen so minimalistischen wie stählernen Groove, bis sämtliche Nationalsymbole in Rauch und Flammen aufgehen. Und dass sich Gabel kurz vor Schluss im Drone-Monstrum "Laff track" schier kaputtlacht, kann eigentlich nur pure Verzweiflung sein angesichts der mannigfaltigen Grässlichkeiten, die dieses Album in kaum mehr als einer halben Stunde mit adäquaten Mitteln nachstellt. Selten kroch ein humanistischer gesonnenes Biest aus einem Sequenzer – wer es einfängt, darf sich ein messerscharfes Stachelhalsband daraus machen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Daddy issues
  • Fear
  • Do not bow down
  • Flag

Tracklist

  1. Interior terror
  2. Nightmare
  3. Price of life
  4. Daddy issues
  5. Fear
  6. Choose your weapon
  7. Spit
  8. Do not bow down
  9. Flag
  10. Laff track
  11. This blood

Gesamtspielzeit: 31:04 min.

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Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2021-06-02 21:27:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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