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Sarah Neufeld - Detritus

Sarah Neufeld- Detritus

One Little Independent / Indigo
VÖ: 14.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mehr als Theater

Heute mal Ökologie. "Detritus bezeichnet die noch nicht humifizierte tote organische Substanz im Boden und auf der Bodenoberfläche", schreibt die Wikipedia. Angesichts der Beschreibung wortloser Musik ist man als Rezensent durchaus dankbar, wenn sie einem ihr Metaphernfeld schon im Titel vorgibt. Doch mit dem Verweis auf Tod und Zerfall weist Sarah Neufelds drittes Solo-Album auf eine falsche Fährte: Tatsächlich ist es im höchsten Maße lebendig. Die Arcade-Fire-Violinistin, die mit Bell Orchestre, Colin Stetson oder ganz alleine ihr Instrument bereits reizvoll in experimentelle Kontexte setzte, fand dieses Mal Inspiration bei der Tänzerin Peggy Baker. Schon mit "The ridge" begleitete die Kanadierin die Performance-Kunst ihrer Landsfrau, was zu weiteren, gemeinsam konzipierten Live-Shows führte, aus denen Neufeld die Essenz für neues Studiomaterial gewann. Dieser Ursprung schwingt bei den Kompositionen immer mit, wenn sie mit theatralen, aber ungekünstelten Bewegungen ihre abstrakten Emotionen nach außen tragen. Eine Performance, bei der die Grenzen zwischen Akteurin und Publikum verschwimmen, weil man schnell jedes Gefühl als das eigene wahrnimmt. "Detritus" ist ein Werk von immenser, unmittelbarer Ausdruckskraft.

"Stories" heißt der Opener und zieht wahrlich eine weitläufige Kulisse hoch, die allen erdenklichen Geschichten Raum bietet. Die Geige tanzt mit einem leicht keltischen Touch und sofort erheben sich einsame irische Landschaften, die Neufelds wortloser Gesang wie ein Geist heimsucht. Im folgenden "Unreflected" hallen die Saiten in wiederkehrenden Momenten der Stille nach, scheinen wie ein eigenständiger Organismus ein- und auszuatmen. Diese beiden Eröffnungssongs bewegen sich noch mit bedächtiger Grazie, doch schweben sie nicht auf der Stelle. Obwohl die Arrangements immer minimalistisch bleiben, entwickelt die Platte als Ganzes eine gewisse Post-Rock-Schlagseite, indem sie wie ein einzelner Longtrack eine nie stillstehende Spannungskurve beschreibt. Deutlich wird das ab "With love and blindness", das mit Percussion und Bass-Drones die Klezmer-artigen Violinenwirbel zum hypnotischen Strudel intensiviert. Neufeld ist nicht alleine auf "Detritus": Arcade-Fire-Kollege Jeremy Gara bearbeitet wieder Drums und Synths, während Pietro Amato und Stuart Bogie subtile Bläser-Akzente setzen. Gemeinsam erzeugen sie im Herzen des Albums ein Momentum, aus dem es kein Entkommen gibt.

"The top" schafft dies sogar ohne Begleitung. Die Geige hetzt vorwärts, als würde sie vor etwas wegrennen, schlägt melodische Haken, nimmt unerwartete Wendungen. Ein fiebriger Groove ringt sich aus der Nervosität, zusammengehalten von ätherischen Vocals wie von einem ektoplasmischen Klebstoff. Einen gewaltigeren Zug entwickelt nur "Tumble down the undecided", das sich über neun Minuten ohne jede Atempause steigert, bis Gara ein Finale von donnernder Intensität in den Boden rammt. "Shed your dear heart" täuscht im Anschluss den Rückzug an, nur um sich mit synthetisch-organischem Beat und Bogies Flöten-Spitzen ein letztes Mal aufzubäumen. Das nötige Verschnaufen nach dieser mit körperlicher wie emotionaler Vollverausgabung getanzten Katharsis gestattet erst der finale Titeltrack, eine zärtlich gestrichene Meditation. Doch Neufeld setzt damit nicht einfach den Deckel drauf, sie lässt das Ende bewusst unkonkret, um den zuvor begonnenen "Stories" neue Kapitel hinzufügen zu können. So lässt sich auch die vermeintliche Verwirrung des Plattentitels auflösen, schließlich ermöglicht jede abgestorbene Substanz neues Leben. Wenn "Detritus" eines nicht ist, dann ein Album des Verfalls.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The top
  • Tumble down the undecided

Tracklist

  1. Stories
  2. Unreflected
  3. With love and blindness
  4. The top
  5. Tumble down the undecided
  6. Shed your dear heart
  7. Detritus

Gesamtspielzeit: 43:01 min.

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Armin

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2021-05-26 21:06:55 Uhr - Newsbeitrag
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