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Dota - Wir rufen Dich, Galaktika

Dota- Wir rufen Dich, Galaktika

Kleingeldprinzessin / Broken Silence
VÖ: 28.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kopfüber

Frühere Straßenmusikerin. In der Tradition eines Hannes Wader oder Konstantin Wecker stehend. Kluge und poetische Texte. Engagiert, politisch. Das ist das Image, das Dota Kehr hartnäckig anhaftet. Und auch wenn diese wenigen Schlagworte der Künstlerin mitnichten gerecht werden, so ganz falsch fährt man damit nicht. Auch "Wir rufen Dich, Galaktika" spart nicht mit Kritik und nennt die Dinge und Verhältnisse beim Namen. Nicht anklagend und überheblich, sondern gewitzt, hintergründig und im vollen Bewusstsein der eigenen Schwächen und Makel. Die Frage muss ja ohnehin lauten: Was folgt daraus? Ratlosigkeit und Resignation. Aber auch Trotz und Träumerei. Was wäre, wenn. Oder gar nichts tun, bloß abwarten? "Also lieg ich im Gras / Und bleibe grad da, wo ich bin", heißt es in "Sommer für Sommer". "Und mitternachtsblau weht der Himmel über mich hin / Und ich tu so als ob, bis ich irgendwann / merke, dass es gelingt und dass ich mir selber genügen kann." Aber, Einspruch: Ja, das ist alles gut beobachtet und textlich überaus verspielt und raffiniert, doch darf bei derlei Betrachtungen der musikalische Part nicht gering geschätzt werden. Was Kehr und ihre vier Mitmusiker Jan Rohrbach, Janis Görlich, Patrick Reising und Alex Binder hier auf Albumlänge aus dem Hut zaubern, ist Deutschpop der besseren, ja der besten Sorte. Mal golden funkelnd und mal sich vornehm zurückhaltend, dabei stets eingängig und abwechslungsreich.

"Sommer für Sommer" präsentiert sich etwa als beschwingte und launige Bossa-Nova-Nummer, passgenau in der Mitte des Albums platziert. Die Wendung "als ob", die hier anklingt, kennt man bereits vom Auftakt der Platte. "Als ob" führt aus der Ich-Perspektive in bestimmten Worten die Saturiertheit und Bequemlichkeit des gegenwärtigen Daseins vor: "Ich leide an allen Krankheiten meiner Zeit / Ich klebe den halben Tag am Telefon / Zerstreut und reizbar, eitel und satt / Gefangen von dem, was man hat." Gerade, wenn die bittere Realität aber im Begriff ist, vollends zu überwältigen, nimmt der Song eine Wendung: "Komm, nimm mich bei der Hand und mach mich glauben / Du seiest einer, der große Geheimnisse in sich trägt / Und ein bisschen Magie, mach mir ruhig was vor! / Jeder braucht seinen Dumbledore". Das ist insofern typisch, als dass "Wir rufen dich, Galaktika" beständig zwischen Realismus und Eskapismus changiert, immer wieder nach Auswegen sucht, und seien sie auch noch so flüchtig oder träumerisch. Was wäre, wenn. Was wäre, wenn Menschen sich wie Pflanzen allein von Licht ernährten? Oder wenn eine lila Weltraumfee auf einen Schlag alle Probleme der Menschheit lösen würde, wie es der Titelsong in Anlehnung an die Fernsehserie "Hallo Spencer" ausmalt?

Doch die "einfache Lösung", die hier herbeigesehnt wird, es gibt sie nicht. Und die Fallstricke und Untiefen, sie lauern immer und überall. "Ich hasse es" schwebt über elektronischen Beats und Synthesizern und thematisiert das widersprüchliche Unbehagen in den sozialen Medien und dem World Wide Web. In "Ich bin leider schuld" resultiert – anders als der Titel vermuten lässt – das Übel der Welt zwar vornehmlich, aber nicht ausschließlich aus persönlichem Fehlverhalten: "Schuld bin ich nicht allein, das macht es nicht besser / Auch wenn es wahr ist, nur leichter." Dass es im Zwischenmenschlichen nicht weniger kompliziert zugeht, davon handelt ein Song wie "Besser als nichts", während sowohl "Funken schlagen" als auch "Ich halte zu Dir" an das Prinzip Hoffnung appellieren. Platz für kleine Albernheiten bleibt bei alldem aber auch. Wobei "Bademeister*in" nicht nur einer verantwortungsvollen Tätigkeit die oft versagte Ehre erweist, sondern en passant auch noch für Geschlechtergerechtigkeit sorgt. Und man möchte meinen, dass "Wir rufen Dich, Galaktika" gerade mit diesem Song doch das perfekte Stück Musik sei, um endlich den anstehenden Sommer und die Freibadsaison einzuläuten. Stimmt schon. Aber auch unabhängig von Jahreszeit, Temperatur und Wetterlage: Das ist einfach richtig, richtig gut.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Bademeister*in
  • Wir rufen Dich, Galaktika
  • Sommer für Sommer
  • Funken schlagen

Tracklist

  1. Als ob
  2. Bademeister*in
  3. Besser als nichts
  4. Ich bin leider schuld
  5. Wir rufen Dich, Galaktika
  6. Ich halte zu Dir
  7. Sommer für Sommer
  8. Ich hasse es
  9. Funken schlagen
  10. Fotosynthese
  11. Bleiben
  12. In allem Gedankenlosen
  13. Einfach so verloren (Bonustrack)

Gesamtspielzeit: 46:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

cargo

Postings: 463

Registriert seit 07.06.2016

2021-05-28 18:52:36 Uhr
Der Titelsong ist ein richtiger Ohrwurm und Francesco Wilking finde ich sowieso als Feature immer gut. Ansonsten ist die Platte nicht schlechter und nicht besser als ihre sonstige Alben. Kommen alle bei mir immer so bei "gut" raus.

musie

Postings: 3136

Registriert seit 14.06.2013

2021-05-28 06:34:39 Uhr
Klasse Album! Der Rezi gibt es eigentlich nichts mehr anzufügen, alles passt. Ich hätte andere Highlights gewählt, aber das Album ist kompakt gut.

8hor0

Postings: 571

Registriert seit 14.06.2013

2021-05-27 15:13:56 Uhr
klingt tatsächlich manchmal wie judith. eine verlorene schwester?

Autotomate

Postings: 3599

Registriert seit 25.10.2014

2021-05-27 11:30:36 Uhr
Ein paar ihrer Songs, insbesondere auf dem Album "Wo soll ich suchen?", finde ich genial (man höre "Warten auf Wind" oder "Das Wesen der Glut"), aber schon immer manch anderen auch schwer erträglich. Der Titelsong hier fällt bei mir in letztere Kategorie, den kann ich nur mit verzerrtem Gesicht zu Ende hören. Das andere vorveröffentlichte Lied "Besser als nichts" ist zumindest

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21197

Registriert seit 08.01.2012

2021-05-26 21:05:15 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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