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Fortuna Ehrenfeld - Die Rückkehr zur Normalität

Fortuna Ehrenfeld- Die Rückkehr zur Normalität

Tonproduktion / Rough Trade
VÖ: 04.06.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Und jetzt alle ...

Nein, Fortuna Ehrenfeld werden nicht am Ballermann auftreten, nicht in diesem Leben. Doch wenn sogar der Promo-Bereich zur dritten regulären Studioplatte des kauzigen Kölner Trios die Buchstabenkombination "shalalishalala" Schwarz auf Weiß in die URL packt, ist das sicherlich alles, aber kein Zufall: "Die Rückkehr zur Normalität" setzt auf die Hoffnung. Auf ein Ende der Abstandsregelungen, die selbst noch so regelaffine Deutsche mittlerweile nerven dürften, auf ein Ende der Tage, an denen man beim morgendlichen Kaffee zuerst mal den Inzidenz-Wert checkt. "Auf einmal fängt hier alles an zu leuchten / So shake your booty to the night!", intoniert Keyboarderin Jenny Thiele samt freudigem Chor in der Hymne "Das Imperium rudert zurück" mit dem Blick raus aus dem Tunnel. Und der sonst auch mal in sich hinein murrende Martin Bechler, Kopf und Gründer der Truppe, interveniert nicht. Schnell wird klar: Mit einem halbvollen Glas Rotwein gibt sich hier längst keiner mehr ab. Hier kommt die "Anleitung zum Sha-la-la", für "ein Leben im Geist von Campari Orange", für das energische Schaukeln der hassgeliebten German Angst.

Doch ganz lässt sich das bescheidene Corona-Jahr natürlich nicht abschütteln. Neben den Erkrankten und ihren Angehörigen haben gerade die vielen Menschen im Gastro- und Kultursektor tiefe Narben davongetragen, wurden oft vergessen, weil "Kultur" in Deutschland eben nicht Subkultur bedeutet. Auch die Kneipen-Besetzung, die in "Die Durchnummerierten im Irish" im leeren und geschlossenen Laden am Tresen hängt. Zurückgenommen regiert das Piano, Bechler erzählt in seiner typischen, leicht zynischen und doch klaren Art von Hoffnung und Scheitern, sinnlosen Exzessen und unerschütterlichem Zusammenhalt – ein Lied, das die Brücke schlägt zu den Tagen in der alten Kölschen Eckkneipe, in der es kütt wie et kütt und dann doch immer weitergeht, "bis ein neues Kapitel beginnt".

Was Fortuna Ehrenfeld abseits des Euphorischen auch hier zuweilen schwer greifbar macht, ist die schelmige Art und Weise, mit der Bechler textet. Er pendelt in gewohnter Manier zwischen scheinbar Banalem, (Bier-)Ernsthaftigem und Philosophischem und hat in etliche Stücke doppelte Böden eingebaut, die jede Logikbemühung immer wieder vor Hürden stellt. Musikalisch sprengen die mehr denn je zur echten Band gereiften Kölner die eigens gesteckten Grenzen, sofern es diese jemals gab, noch einmal deutlich. Schon die Gaga-Elektrodisko von "Glitzerfummel, Moonboots" verstört bewusst, animiert dreist zum sinnbefreiten Popowackeln, bezieht dabei aber ebenso klar Stellung: "Wenn Du 'ne neue Welt willst, musst Du sie verändern / Erstmal in der Mitte, später an den Rändern."

Mit dadaistischem NDW-Elektro-Punk der Sorte "Die panamoralische Liebe" war vielleicht noch gerade so zu rechnen, die Konsequenz jedoch, mit der das Trio auf eine verrohte und gespaltene Gesellschaft zwischen pur-traditionellem Spießertum und "bösen", grün-diversen Fortschrittsdenkenden blickt, verliert das Versöhnliche nicht aus dem Blick: "Es ist noch nicht alles verloren / Es ist so Vieles einfach derbe okay." Tut gut, doch. Der die B-Seite eröffnende, markante Titelsong pendelt dann zwischen Dub und Offbeat, entwickelt sich im Verlauf zum Irgendwas zwischen Kinderlied und Katholiken-Hymne samt Kirchenorgel. Nicht selten fragt man sich, was genau man daran gut findet. Lässt es aber letztendlich bleiben. Ganz klar ein Pfund von Fortuna Ehrenfeld! Selbst, wenn Vieles an dieser sogenannten "Normalität" echt kacke war und man Einiges überdenken sollte: "Die Rückkehr zur Normalität" ist ein bitter nötiges Album, denn es ruft das fast Vergessene ins Gedächtnis: Das Unbeschwerte, den Tanz, den Schweiß, die Freude, die Umarmung. Und überhaupt: das Sha-la-la.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Das Imperium rudert zurück
  • Die panamoralische Liebe
  • Die Durchnummerierten im Irish

Tracklist

  1. Arschloch, Wixer, Hurensohn!
  2. Das Imperium rudert zurück
  3. Die panamoralische Liebe
  4. Die Durchnummerierten im Irish
  5. Anleitung zum Sha-la-la
  6. Die Rückkehr zur Normalität
  7. Lieblingsknutschigroßstadtradio
  8. Glitzerfummel, Moonboots
  9. Grazie de là Kotze
  10. Accidental orange

Gesamtspielzeit: 35:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Grizzly Adams

Postings: 1496

Registriert seit 22.08.2019

2021-05-27 18:57:47 Uhr
Hohe Wertung der Redaktion. Zweite Überraschung nach meinem ersten Höreindruck. Fortuna Ehrenfeld sind aber auch echt knuddelig. Die Rezi ist schon gut formuliert und geizt nicht mit Sympathie. Man weiß wirklich nicht immer, was genau den Charme dieser Band ausmacht, aber er ist da. Auch bei mir.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21193

Registriert seit 08.01.2012

2021-05-26 21:06:17 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Grizzly Adams

Postings: 1496

Registriert seit 22.08.2019

2021-05-25 20:40:03 Uhr
Stimmt. Könnte aber was werden. Das Album bleibt im Scheinwerfer...

Outrun

Postings: 37

Registriert seit 31.12.2020

2021-05-25 20:30:47 Uhr
Die Vorabsongs haben mich noch nicht so sehr gepackt. "Anleitung zum Sha la la" ist schön, mit Bläserpart in der Videoversion. Wenn es auch fast 1:1 wie "Helm ab zum Gebet klingt.

Grizzly Adams

Postings: 1496

Registriert seit 22.08.2019

2021-05-25 19:54:39 Uhr
Uh. Der Gute hat plötzlich eine Band und eine Produktion im Nacken. Da muss ich mich wohl erstmal drauf einlassen. Aber die Texte sind noch immer leicht schräg und sehr sympathisch.
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