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Black Midi - Cavalcade

Black Midi- Cavalcade

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 28.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die vier tollkühnen drei

Mutter ist die Beste. Auch die von Kollege Conrads. Obwohl Black Midis "Schlagenheim" in ihren zartbesaiteteten Ohren gemäß Einschätzung des Rezensenten auf wenig Gegenliebe gestoßen wäre. Aber einmal im Jahr werden selbst die ansonsten tollkühn mit Versatzstücken aus Math-Rock, Post-Punk, Funk und Jazz hantierenden Londoner feierlich und covern passendes Liedgut. "Jingle bell rock" – hach. "What Christmas means to me" – Doppel-Hach. Und das auch noch zu Gunsten des Corona-geplagten Live-Pubs Windmill Brixton – ganz viel Hach. Ein großes Durchatmen vor dem Nachfolger des die obigen Bereiche auf links ziehenden Debüts, ehe "John L" zuschlägt: Gitarren wie Präzisionswerkzeuge reiben sich an Winkelschleifer-Geigen, Geordie Greer nölt so ungerührt, als würde er die Philharmonie-Etatrede vom letzten Jahr verlesen – oder verkünden, dass gleich alles einstürzt und sich dann wieder zusammenklaubt. Ihm doch egal, solange seine Band als Opener einen so hyperaktiven Hit auf der Pfanne hat.

Klar, dass in diesem sogar noch mehr passiert als im dazugehörigen Video – dabei sind Black Midi auf "Cavalcade" lediglich zu dritt, nachdem Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend seinen Hut genommen hat. Die schroff achtelnden und sechzehntelnden Riffs von "Chrondromalacia patella" übernimmt Greep also gleich selbst, während sich der Song zunächst schnurstracks in Richtung des "Schlagenheim"-Highlights "BmBmBm" aufmacht. Was vor allem Schlagzeuger Morgan Simpson zu verdanken ist, der sich mit seinem so kompakten wie wild um sich tretenden Spiel als Personalunion aus John Stanier, Zach Hill und Jaki Liebezeit profiliert. Oder zumindest als Eigentümer von circa sechs Armen. Da schnappen beim Tanzen die Kniescheiben titelgemäß wie von selbst raus, wiewohl auch dieses Stück alsbald zusammenkracht und sich einstweilen in eine verhuschte Besenkammer zurückzieht, wo nur die Battles-Platten laufen, die noch richtig was hermachten.

Ein Verweis, der sich auf "Cavalcade" mehrmals anbietet: Auch "Slow" geht in die Vollen und jagt eine von Bläser-Hieben, punktgenauen Licks und Cameron Pictons schlank mäanderndem Bass angetriebene Kraftstation vor sich her. Jeder Break ein gespanntes Innehalten, jede Eruption eine Erlösung, bei der Saxofone entweder himmlisch ihre Kreise ziehen oder dem Track per Stichflamme in die Parade fahren. Und auch das längliche Klangschalen-Pling "Diamond stuff" ist ruckzuck weggespült, sobald "Hogwash and balderdash" in der Tradition von "Near DT, MI" kurz, aber heftig den Punkrocker raushängen lässt und in knapper Spielzeit vor Stakkati und Synkopen förmlich platzt – gespielt auf Akustikgitarre, Blechbüchse und womöglich auch Hauskatze. Nein, langsam ist hier nicht allzu viel – und drosseln Black Midi einmal das Tempo, sollte man sich vorsichtshalber auch auf einen ausladenden Zehnminüter wie "Ascending forth" einstellen. Denn der lässt dieses Album zum Schluss noch einmal in anderem Licht erscheinen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt – und im Grunde schon bei der federnden Vaudeville-Pop-Miniatur "Marlene Dietrich" – stellt Greep nämlich unter Beweis, dass an ihm ein Crooner verlorengegangen ist. Wenn auch ein gequälter bis bekümmerter, der genauso gut Scott Walkers gespenstische Klagelieder singen oder im Stil von Wild Beasts' Hayden Thorpe umnachtet vor formvollendeter Cabaret-Kulisse falsettieren könnte. Wie das klingen würde, umreißt der voluminöse Closer ziemlich treffend und mündet unter Zusammenprall der Instrumente in ein tosendes Finale, nach dem man sich nur noch einen fallenden Samtvorhang vorstellen muss. Am Ende steht die Erkenntnis, dass sich die Briten auf diesem hervorragenden Album in eine Position manövriert haben, angesichts der hilflose Zuschreibungen Marke "wie Black Country, New Road oder Squid, nur ganz anders" zu kurz greifen. Black Midi haben Musikalität, Inspiration und eine wunderbare Unverfrorenheit. Was kommt als nächstes? Weiß nicht mal Deine Mudder.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • John L
  • Chondromalacia patella
  • Slow

Tracklist

  1. John L
  2. Marlene Dietrich
  3. Chondromalacia patella
  4. Slow
  5. Diamond stuff
  6. Dethroned
  7. Hogwash and balderdash
  8. Ascending forth

Gesamtspielzeit: 44:00 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 27223

Registriert seit 07.06.2013

2021-12-31 20:49:21 Uhr
Jahresendbetrachtung

Natürlich mein Album des Jahres. Hat sich seit der ersten Begeisterung kein Stück abgenutzt. Für mich die spannestenste junge Band seit Ewigkeiten. Und endlich mal wieder eine Prog-Band, die nach Jam und Komposition gleichzeitig klingt (wie meine Lieblinge Motorpsycho). Dazu soviele Genres reingeworfen, das schon ein eigenes rauskommt. Die Spiel- und Konzeptionsfreude ist jeder Sekunde des Albums anzumerken. Mag sein, dass die Band in 4 Jahren total ausgebrannt oder zerstritten ist. Bis dahin wird sie wohl meine neue Liebe sein. Und sicher noch einiges grandioses abliefern. 9,2/10

Highights:
John L, Chondromalacia Patella, Dethroned (!), Hogwash and Balderdash

Deaf

Postings: 1435

Registriert seit 14.06.2013

2021-12-07 13:12:30 Uhr
Schade, Zürich wie erwartet auch verschoben auf den 12.05.2022.

ijb

Postings: 2128

Registriert seit 30.12.2018

2021-12-06 20:49:10 Uhr
Verschoben, nicht abgesagt.

Oceantoolhead

Postings: 1952

Registriert seit 22.09.2014

2021-12-06 17:16:58 Uhr
Laut Setlist fm. Spielen Sie mindestens 2 Songs vom Debut , in ausgewählten Shows noch Western. Aber scheint jetzt eh egal Tour wird denke ich abgesagt.

Sheesh

Postings: 277

Registriert seit 27.09.2021

2021-12-06 17:06:40 Uhr
Berlin abjesagt lel
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