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The Cure - Bloodflowers

The Cure- Bloodflowers

Fiction / Polydor
VÖ: 14.02.2000

Unsere Bewertung: 10/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Rückkehr der Melancholie

Der Veröffentlichungszeitpunkt lag mit dem Valentinstag auf den ersten Blick denkbar ungünstig gewählt. Wer allerdings am 14. Februar trotzdem den Vorschußlorbeeren dieses Albums auf den Grund gehen wollte, tat gut daran, für geeignete Umstände zu sorgen, um "Bloodflowers" angemessen zu genießen. Schon die ersten Klänge von "Out of this world" machen klar, daß Robert Smith die verspielte Poppigkeit von "Wild mood swings" ad acta gelegt hat. Das Moll hat die Durklänge wieder verdrängt. Dunkle Farben herrschen, wenn auch eher in warmen Brauntönen und niemals grau.. Düsternis also weist die Band wieder in die richtige, die klassische Richtung. The Cure haben nie die Hand am Puls der Zeit gehabt, sie waren der Puls. Die Töne, die diesmal dabei angeschlagen werden, sind denn auch keineswegs abgestanden, sondern zeigen eine überraschende Frische. 23 Jahre nach Gründung der Band klingen sie immer noch so, wie man es sich von einer großen Band erhofft - ein Kunststück, das nur den wenigsten vorbehalten ist.

Tränen träufeln auf die akustische Gitarre, während Smiths Stimme zerbrechlich wie einst im Mai schluchzt: "And we always have to go / I realize we always have to say goodbye / Always have to go back to real lives / But real lives are the reason why / We want to live another life." Dieser Mann lebt die Trauer und hat schon lange vor Ville Valo laut über die Flucht aus dieser Welt nachgedacht. Während man bei HIM aber nie sicher sein kann, wie ernst diese Todessehnsucht gemeint ist, zündet man spätestens beim epischen "Watching me fall" die Kerzen an und gibt sich den den Raum verdunkelnden Klängen hin.

Robert Smith hatte ursprünglich einmal angekündigt, The Cure am 31. Dezember 1999 aufzulösen. Er halte sich und die Band für nicht zweitausendfähig. Man hätte also eigentlich davon ausgehen können, daß die Sommerfestivalgigs des Jahres 1998 (u.a. bei Bizarre und Zillo) die letzten Lebenszeichen dieser stilprägenden Band gewesen wären. Smith jedoch, der diese Konzerte nutzte, um herauszufinden, ob diese Band noch einmal die frühere Magie aufzugreifen versteht, hatte anderes im Sinn. Das damalige Repertoire legte schon den Hauptaugenmerk auf die dunkle Seite der Nacht. In dieser Art sollte auch der letzte Song klingen, den Smith jemals schreiben wollte. Er fühlte sich leer und ausgebrannt. Paradoxerweise inspirierte ihn diese Inspirationslosigkeit und so floß gleich ein ganzes Album aus ihm heraus. Dennoch war der Entstehungsprozeß ein ganzes Stück Arbeit: immer wieder zwang er die Band, sich "Pornography" und "Disintegration" anzuhören. Simon Gallup und Roger O'Donnell, die einzigen aktuellen Mitglieder, die schon bei der "Disintegration" dabei waren, verglichen ihn wieder mit einem Diktator. Smith hatte eine Vision, die er umgesetzt wissen wollte. Mit weniger wollte er sich nicht zufrieden geben. "Wenn ich brutal ehrlich bin, dann war 'Disintegration' das letzte gute Cure-Album. Diese Power wollte ich wieder haben." Veröffentlichungstermine waren seit Herbst 1998 immer wieder lose anberaumt und wieder verschoben worden. Um so glücklicher darf sich die Popwelt schätzen, daß sich das Warten diesmal ohne Ausnahme gelohnt hat.

Smith selbst vergleicht seine Stimmung bei der Entstehung der blutigen Blumen mit der, die er beim Klassiker "Disintegration" von '89 hatte. Damals befand er sich einer Phase, als er mit seinen damals dreißig Jahren auf sein vergangenes Leben zurückblickte. Auch diesmal, mit vollendeten vierzig Lebensjahren stand er an einem solchen Punkt. Er wollte, "ein sehr ehrliches, autobiographisches Album" schreiben. Nimmt man Stimmungen und Texte von "Bloodflowers" könnte man fast Angst um den Herren mit der Vogelnestfrisur bekommen. Im offensichtlich autobiographischen "39" erfahren wir, "I've run out of thoughts and I've run out of words." Sein Feuer, singt er, sei fast schon tot. Dem muß man jedoch schon während des Hörens widersprechen und ihm ein Streichholz reichen.

"The world is neither just nor unjust / It's a tragedy for everyone", heißt es wenig aufbauend in "Where the birds always sing". Dennoch schafft es die Band den Hörer immer wieder an die Hand zu nehmen und erweckt den Eindruck, daß man sich seiner Tränen nicht schämen müsse. "The last day of summer", welches stimmungsmäßig an Klassiker wie "Pictures of you" oder "A letter to Elise" anknüpft, klingt schon fast versöhnlich und hinterläßt trotzdem feuchte Taschentücher. Bei "There is no if..." setzt gar ein sanfter Beat ein, und Smith erzählt die Geschichte einer nur scheinbar glücklichen Beziehung. "'If you die', you said / 'so do I', you said." Und der Spinnenmann ist immer hungrig.

Herausragende Stücke dieses Albums aufzuführen, grenzt fast an ein Ding der Unmöglichkeit. Er wolle keine Popsongs mehr schreiben, meinte Smith. Nun, die Frage, was Pop denn nun sei, stellt sich nicht. Es gibt keine offensichtlichen Singles wie "Friday I'm in love". Es gibt nur Gefühl und wie dieses aussieht, braucht man bei The Cure nicht zu fragen. Der Anspruch, "etwas mit einer durchgängigen Stimmung zu machen", ist vollends geglückt. Ähnlich wie bei den anderen Alben der Trilogie der Schwermut ("Pornography" und "Disintegration") verbreiten die blutigen Blumen einen melancholischen Sog, dem sich schwer zu entziehen ist. "These flowers will never die" heißt es im abschließenden Titelsong. Möge es so sein. Danke für die Blumen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Where the birds always sing
  • The last day of summer
  • There is no if...
  • Bloodflowers

Tracklist

  1. Out of this world
  2. Watching me fall
  3. Where the birds always sing
  4. Maybe someday
  5. The last day of summer
  6. There is no if...
  7. The loudest sound
  8. 39
  9. Bloodflowers

Gesamtspielzeit: 58:03 min.

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User Beitrag

Rick Lüh

Postings: 177

Registriert seit 06.06.2014

2016-01-21 10:00:50 Uhr
"The Loudest Sound" meinst du bestimmt!?

Telecaster

Postings: 503

Registriert seit 14.06.2013

2016-01-21 09:45:32 Uhr
"Watching Me Fall"?

Desare Nezitic

Postings: 5245

Registriert seit 13.06.2013

2015-04-14 20:40:14 Uhr
"Disintegration" ist doch ziemlich schwarzkittelig, das heißt aber nicht unbedingt, dass dort nicht nur tiefe Depressionen und schlechte Laune vorherrschen müssen. Im Gegenteil, das Album fällt auch immer wieder positive Stimmungslagen. Ich meinte damit eher, dass "Bloodflowers" trotz des typischen Bandstils viel weniger nach Gothic klingt als die anderen Alben wie z.B. eben "Disintegration".
Rein vom lyrischen Inhalt erachte ich "Bloodflowers" dabei sogar als das düsterere Werk.

MopedTobias

Postings: 7351

Registriert seit 10.09.2013

2015-04-14 19:31:38 Uhr
MACHINA und ich haben dieselben Lowlights und wenn er Last Day of Summer durch Where The Birds Always Sing ersetzt, auch dieselben Highlights.

@Desare: Ich finde aber, dass gerade die Disintegration eben nicht nur mit schwarz malt, um mal bei deiner Metaphorik zu bleiben, sondern oft einen positiven, hoffnungsvollen Unterton hat. Die Pornography zum Beispiel ist da viel düsterer und härter.

The MACHINA of God

Postings: 7811

Registriert seit 07.06.2013

2015-04-14 19:20:24 Uhr
Puh, muss ich erstmal googlen, welcher das ist. )
Ah doch, der gefällt mir. "There is no if" und "Loudest sound" wären wohl meine Lowlights. Highights: "Watching me fall", "Last day of summer", "Bloodflowers"
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