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Sophia Kennedy - Monsters

Sophia Kennedy- Monsters

City Slang / Rough Trade
VÖ: 07.05.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die wilde 13

Forrest Gump und seine berühmte Pralinenschachtel sind ein oft bemühter, aber auch passender Vergleich für das, was Sophia Kennedy auf ihrem zweiten Album so alles anstellt. Denn in erster Linie ist der Überraschungseffekt auf ihrer Seite: "Monsters" wirft die Zeitmaschine an, sammelt Girl-Pop und Chansons der Marke Sechzigerjahre auf, stilecht extrahiert von kratzenden Schallplatten, und beamt diese dann mindestens 70 Jahre in die Zukunft, wo die "science fiction apocalypse" schon wartet. Das Analoge und das Synthetische werden bei Sophia Kennedy eins, wie die berühmte Verbindung aus Milch und Schokolade. Für den Sound gesorgt hat niemand Geringeres als ihr langjähriger "partner in crime", Mense Reets von Die Goldenen Zitronen, der sich hier einmal richtig austoben darf. Erlaubt ist, was gefällt, sind die Audio-Effekte stellenweise auch noch so bizarr. Die gebürtige Amerikanerin bezeichnet die verqueren 13 Songs nicht umsonst liebevoll als ihre Monster. Tatsächlich hat die Rasselbande so einiges zu bieten.

Und das zumeist mit melancholischer Note. "Seventeen" zieht mit verfremdeter Stimme und verruchter Streichermelodie über seine ganze Laufzeit von fünfeinhalb Minuten in seinen Bann, während die Künstlerin ihr Erwachsenwerden reminisziert: "Lick the blood right off my wings." Nur um direkt im Anschluss in "Loop" anzuprangern, wie ein kaputtes und den falschen Idealen hinterherjagendes Umfeld auch weiterhin immer nur kaputte Individuen produzieren wird. Lyrische Volltreffer wie "Everybody's got a problem / And they treat it like a pet / Feed it when it's hungry / And cry when it is dead" aus der Großtat "Francis" machen da munter weiter. Besagter junge Herr aus gutem Hause muss seinen Platz als Erwachsener in dem Affenzirkus namens Gesellschaft finden. Also sampelt Kennedy zum Schluss eine kreischende Primatenhorde. Die ehemalige Filmstudentin will ihre Hörer*innen herausfordern, wenn nicht gar teils provozieren – zumindest niemals in Sicherheit wiegen.

Kennedy macht die Dinge auf ihre eigene Art. Singen sowieso, aber zum Beispiel auch Rappen in den Versen von "Orange Tic Tac". So sorgt sie für einen harten Kontrast zu dessen souligem Chorus und hat den ersten Hit schon direkt am Anfang sicher. "I'm looking up" kombiniert Piano-Loop mit Stakkato-Drums und endet mit der abstrusen, aber charmanten Sprachkreuzung: "Give me a sign / Ich bin so allein." Der gespentische Chor aus "Animals will come" wird in "Do they know" zum bestimmenden Element des A-cappella-Interludes, in dem eine weibliche Figur wortwörtlich den Fesseln ihres Zuhauses entschwebt. Zum Schluss klingt "Brunswick" wie der gestörte Zwillingsbruder eines Disney-Soundtracks und mündet in den vollmundigen Bass von "Up", der das triphoppige Finale von "Monsters" einleitet. "Dragged myself into the sun" nimmt mit seinem Breakbeat dann gar keine Gefangenen mehr.

Die dicke Dreiviertelstunde als Blutgrätsche durch verschiedenste Sounds und Stilmittel irritiert und fasziniert gleichermaßen. "You think you're making progress? That's important", wird Kennedys telefonierende Oma aus den USA am Ende eingesampelt, und tatsächlich wirft "Monsters" die Künstlerin ein riesiges Stück nach vorne. Ihre dunkle Stimmfarbe erinnert nicht selten an Alison Mosshart oder an die wilde Vorstellung, wie denn Hazel Brugger beim Singen klänge. Reiht sich die Wahl-Hamburgerin denn jetzt in die Liste hochbegabter Genies wie Fiona Apple oder Sharon Van Etten ein, ist gar so etwas wie die "deutsche Antwort" auf diese? Falls das bedeutet, eine intellektuell anspruchsvolle Pop-Künstlerin zu sein, ohne dabei allzu sehr die Schlaubergerin heraushängen zu lassen, dann vielleicht. Auch das wird die Zeit zeigen. Fürs Erste lässt sich aber festhalten: Pop ist wieder gefährlich und Sophia Kennedy hat den Weg zum Meisterwerk hinter sich.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Orange Tic Tac
  • Francis
  • Seventeen
  • Up

Tracklist

  1. Animals will come
  2. Orange Tic Tac
  3. I can see you
  4. Francis
  5. Seventeen
  6. Loop
  7. I'm looking up
  8. Chestnut Avenue
  9. Do they know
  10. Cat on my tongue
  11. Brunswick
  12. Up
  13. Dragged myself into the sun

Gesamtspielzeit: 46:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ralph mit F

Postings: 182

Registriert seit 10.03.2021

2021-10-12 12:08:28 Uhr
Am 23. live in Köln Stadtgarten, zusammen mit der nicht minder bewundernswerten Sofia Portanet und bei freiem Eintritt! Ich bin geradezu entzückt.

peter73

Postings: 234

Registriert seit 14.09.2020

2021-09-08 12:40:50 Uhr
hammer? hammer.
bis jetzt eine knappe 9/10

highlights u.a.:
seventeen, orange tic toc, francis, dragged myself into the sun

Perfect Day

Postings: 459

Registriert seit 18.01.2014

2021-09-02 08:56:24 Uhr
Das Album ist auch bei mir ganz weit oben. Bei „Francis“ stellen sich bei mir immer noch die Nackenhaare auf. Toller Song.

myx

Postings: 2586

Registriert seit 16.10.2016

2021-09-01 19:49:32 Uhr
@Menikmati: Dieser grosse Zuspruch für das Album freut mich sehr, ist auch eines meiner liebsten bislang in diesem Jahr (Top 3). Ob es besser als Fiona Apples ist, weiss ich nicht, aber ich empfinde es auf jeden Fall als abwechslungsreicher, und die Menge an Lieblingssongs ist auch ein bisschen grösser als bei "Fetch the bolt cutters". Sind da also nah beeinander. ;)

Menikmati

Postings: 400

Registriert seit 25.10.2013

2021-09-01 10:48:47 Uhr
Dieses Album ist wirklich durchgehend gross. Müsste ich den etwas bemüht wirkenden Frauenvergleich herbeiziehen, würde ich sogar sagen, dass diese Platte besser ist, als Fiona Apples hochgelobtes Fetch the bolt cutters. Ebenso komplex, ebenso kreativ, doch mit mehr Hörspass. Und das alles zu haben im schönen Hamburg. Album des Jahres, bisher..
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