Banner, 120 x 600, mit Claim

Haftbefehl - Das schwarze Album

Haftbefehl- Das schwarze Album

Urban / Universal
VÖ: 30.04.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Eine eigene Liga

Tumber Gangsta-Rap oder hohe Kunst? Kompletter Quatsch oder ganz großes Kino? Sexismus oder bewusste Überspitzung? Haftbefehl ist nicht mal ein Jahr nach "Das weisse Album" zurück im Block und kann sich genüsslich zurücklehnen und dabei zuschauen, wie der Diskurs über sein neues Werk, "Das schwarze Album", Fahrt aufnimmt. Wer dabei – in welcher Form auch immer – mit den neuen Songs umgeht, bemerkt wieder einmal: Es ist alles eine Frage der Perspektive. Kurzversion für die, denen sich Haftbefehl mit der Zeile "Hater haten, denn ich lebe Leben" in "Lebe Leben" widmet: Wer das alles verdammen mag, wer damit einfach gar nichts zu tun haben möchte: bitte. Das steht jedem frei. Die Texte enthalten einiges, was man den eigenen Kindern um Himmels Willen nicht vorspielen würde. Kraftausdrücke, Hässlichkeiten, allerlei derbe Dinge, aber eben auch: reales Leben, das nur beileibe nicht jeder in dieser Form je kennengelernt hat. Haftbefehl halt. Daher: Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Wer aber bereit ist, sich auf Aykut Anhan alias Haftbefehl einzulassen, der wird wieder einmal etwas ganz Besonderes erleben. Der Musiker, Vater, Vielverdiener, Aufsteiger und Feuilletonliebling präsentiert 13 Songs, die immer wieder tief in den Magen eindringen, sich im Kopf festsetzen und dabei Staunen, Verzweiflung und Verständnis auslösen und vor allem dank der Produktion durch Soundtüftler Bazzazian im Gehörgang stecken bleiben. Was für eine Wucht! Was für eine Präzision! Inhaltlich zeigt gleich zum Auftakt "Kaputte Aufzüge", in welche Richtung es geht. Haftbefehl ist zurück an dem Ort, an dem für ihn alles begann. Offenbach, seine Lieblingsstadt, die er mit fast verliebtem Blick dem "titel thesen temperamente"-Team in einem sehenswerten Feature präsentierte. Wo der Aufzug nicht nur technisch im Eimer ist, sondern der Aufstieg den meisten per se verwehrt bleibt.

In "Offen / Geschlossen" erlebt das Album seinen Höhepunkt, freilich ohne danach merklich an Qualität zu verlieren. Hervorzuheben ist: Die Zusammenarbeit mit Bazzazian zahlt sich hier endgültig voll aus. Ein atmosphärischer Song, beklemmende Zeilen, Klangteppich trifft auf Beatkunst. "Ich bin ciao im Brain drauf seitdem ich 13 bin", rappt Haftbefehl und verweist auf Schlüsselmomente, in denen vieles Üble in seinem Leben seinen Ursprung hat. Selbstmord des Vaters, Jugendarrest, Drogen. Und: Ängste, Depressionen, in lyrischen Stein gemeißelt: "Es wird Zeit, um einfach aus dem Haus zu geh'n, einfach rauszugeh'n" – wenn das denn immer so einfach wäre. Gäste dürfen auf dem schwarzen Album natürlich auch nicht fehlen, so geben sich beispielsweise Capo, Veysel und Ezhel in "4 Kanaken" die Ehre, während im Folgenden "24/7" Farid Bang mitmischt. Kurz vor Schluss und nach einem Auftritt von Haiyti gönnt der Babo noch Schmyt und Bausa ihren Raum, bevor in "EMSF" ein fast stiller Moment den Schlussakkord bildet. Danach: durchatmen und wieder von vorne.

Haftbefehl ist längst in seiner eigenen Liga unterwegs. Vergleiche? Lächerlich. Mit "Russisch Roulette" tauchte er auf der ganz großen Bühne auf, wie eine Urgewalt, die allzu lange nur mühsam zurückgehalten werden konnte. "Das weisse Album" verfeinerte seinen Stil, "Das schwarze Album" bringt es zur Meisterschaft. Dass sich darüber auch weiterhin so vortrefflich streiten lässt, macht die ganze Angelegenheit nur umso intensiver. Und ganz gewiss nicht langweilig.

(Torben Rosenbohm)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Kaputte Aufzüge
  • Offen / Geschlossen
  • EMSF

Tracklist

  1. Kaputte Aufzüge
  2. Wieder am Block (mit Soufian)
  3. Kokaretten
  4. Crackküche
  5. Offen / Geschlossen
  6. 4 Kanaken (mit Capo, Veysel und Ezhel)
  7. 24/7 (mit Farid Bang)
  8. Du weißt dass es Haft ist
  9. Lebe Leben
  10. Ruff (mit Luciano)
  11. Cripwalk aufm Kopf (mit Milonair und Haiyti)
  12. Leuchtreklame (mit Schmyt und Bausa)
  13. EMSF

Gesamtspielzeit: 39:27 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

8hor0

Postings: 471

Registriert seit 14.06.2013

2021-05-11 16:10:07 Uhr
nope, allein die stimme ist zum fremdschämen... 1/10

boneless

Postings: 3533

Registriert seit 13.05.2014

2021-05-10 22:29:56 Uhr
Kurze Frage: Kann wer erklären, warum der gerade auf last.fm nicht stattfindet? Keine Bilder, keine shouts, keine Alben...

boneless

Postings: 3533

Registriert seit 13.05.2014

2021-05-10 22:18:34 Uhr
nörtz trollt doch nur, wie in jedem Thread. Einfach ignorieren.

Ich hab die Diskussion in diesem Thread mit höchstem Interesse verfolgt und würde behaupten: eine der besten der letzten Wochen/Monate. Dabei ging es nie unter die Gürtellinie, obwohl das Thema ja ziemlich brisant ist. Mehr davon.
Ich möchte mich dazu nur kurz äußern und zu Protokoll geben, dass ich im Zweifelsfall auch im Team "Kunst vom Künstler trennen" bin, es sei denn, problematische Ansichten - egal welcher Farbe - finden ihren Weg in die Lyrics oder ins Artwork.

Was dieser Thread allerdings geschafft hat, und damit komme ich aufs eigentliche Thema: ich habe mir das schwarze Album angehört und ich glaube selbst nicht, dass ich das gerade schreibe, aber hey, die Platte ist ziemlich gut.
Wie bereits angemerkt, haut die großartige Produktion alles raus, die Beats sind klasse, die Songs abwechslungsreich und selbst das Autotune passt sehr gut in den comichaften Charakter des Albums, sorgt aber selbstredend für den ein oder anderen Lacher. Weitere Aspekte auf der Habeseite: die kompakte Spielzeit (die Hälfte der Songs geht in unter 3 Minuten ins Ziel) und der Fakt, dass Haftbefehl anscheinend eine eher ruhigere Kugel schiebt, denn dieser Aggrorap, der die Vorgänger, oder zumindest die Songs, die ich davon kenne, bestimmt und mir nach nur wenigen Minuten extrem auf die Eier geht, schimmert hier nur in wenigen Tracks durch, der Rest ist fast schon herrlich poppig und sorgt für ein klasse abwechslungsreiches, angenehmes Album.

Ich für meinen Teil sehe hier allerdings kein Album über das "reale Leben", sondern Haftbefehl klingt für mich eher ala Viktor Vaughn von MF Doom, Kategorie: fiktiver Bösewicht. Ich schrieb ja schon was von comichaftem Charakter und der zieht sich durchs gesamte Album, welches gerade dadurch glänzend unterhält. Ich glaube, ich habe mich lange nicht mehr so über einen Refrain amüsiert wie über jenen von 4 Kanaken. Klasse Song auch.

darkchild1985

Postings: 130

Registriert seit 05.12.2020

2021-05-10 09:47:54 Uhr
" 'Ist das der Soundtrack dazu, wenn irgendwelche 13-jährigen in der Schule Pornos auf dem Smartphone teilen?'

Wer das mit 13 nicht gemacht hat, hat nicht gelebt."

Erstens das und zweitens finde ich die Aussage von nörtz ohnehin ziemlich daneben. Zumindest bietet Deutschrap hier wesentlich passendere Beispiele als ausgerechnet Haftbefehl.

Aber jut, ist halt in etwa vergleichbar mit ganzen Grauschläfen, die bei Facebook unlustige Grünen-Memes teilen.

edegeiler

Postings: 2346

Registriert seit 02.04.2014

2021-05-10 09:21:15 Uhr
Ist das der Soundtrack dazu, wenn irgendwelche 13-jährigen in der Schule Pornos auf dem Smartphone teilen?

Wer das mit 13 nicht gemacht hat, hat nicht gelebt.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify