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Pale Waves - Who am I?

Pale Waves- Who am I?

Dirty Hit
VÖ: 12.02.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Complicated

"Who am I?" Hätte Werner Schulze-Erdel 100 musikinteressierte Leute gefragt, wie das zweite Album von Pale Waves heißen könnte, wäre der tatsächliche Titel sicher vorne mit dabei gewesen. Im Grunde befindet sich das britische Quartett um Heather Baron-Gracie seit seiner Gründung in der Identitätskrise. Dem Gothic-Look von Outfits und Videos steht ein gänzlich kantenloser Mainstream-Sound gegenüber. Presse-Hypes und der Tour-Support einer Indie-Größe wie The Cure verwunderten, klang die Band auf dem Debüt "My mind makes noises" schlicht wie die female-fronted Variante der Labelkollegen von The 1975. Zumindest dieser Umstand ändert sich auf "Who am I?", das die Synths und sonstigen Achtziger-Einflüsse aus dem Fenster schmeißt und stattdessen eine Nuller-Jahre-Pop-Rock-Ästhetik etabliert. Der Ausprägung eines individuellen Charakters hilft diese Entwicklung nicht unbedingt – Pale Waves evozieren halt jetzt die frühen Paramore und Avril Lavigne statt Matty Healy und Co. –, doch wirken sie hier befreiter und näher bei sich. Beschwernisse wie Burnouts, interne Unstimmigkeiten und ein zum Glück glimpflich verlaufener Tourbus-Unfall überführen sie in eine Platte, die bei aller Kunstlosigkeit viel Spaß macht und keinen Zweifel an ihrer emotionalen Aufrichtigkeit lässt.

"Change" deklariert schon der Opener, auch wenn er mit seinen akustischen Strophen und dem explodierenden Refrain allem anderen als aufrührerischen Mustern folgt – formelhaft und cheesy as fuck, aber es zündet. Das Album verläuft auch im Gesamten nach einer Laut-Leise-Dynamik, wenn es solche pointierteren Songs mit Tracks wie "Fall to pieces" oder "Odd ones out" abwechselt, denen die Bezeichnung "Power-Ballade" ziemlich gut steht. Wirkliche Gurken sind rar: Höchstens das zahnlose "Easy" fällt in diese Kategorie und wirkt zu sehr wie ein Zugeständnis an die Fans des Debüts. Wer mit dieser Art von Musik grundsätzlich etwas anfangen kann, wird sich auch kaum an der affektierten Performance Baron-Gracies stören, die in "She's my religion" darüber hinaus einen großen Schritt in Richtung Profilschärfung macht. Zum ersten Mal nutzt die Pale-Waves-Frontfrau explizit weibliche Pronomen, um der eigenen Partnerin eine Liebeserklärung auszusprechen und im künstlerischen Kontext offen mit ihrer Homosexualität umzugehen. Wenn auch nur einem lesbischen Mädchen auf der Welt damit geholfen ist, hat die Band als Mainstream-Idole einer jungen LGBTQ-Generation jede Daseinsberechtigung – und dass jener Song mit seinen Cure-Gitarren und der eingängigen, aber nicht plumpen Hook ein absolutes Highlight darstellt, schadet sicherlich auch nicht.

Textlich verpackt Baron-Gracie ihre Inhalte in tagebuchfreundliche Slogans, was kein Kritikpunkt ist, weil sie in ihrer Einfachheit zur Musik passen. "Hey, life is going well / Except my mental health", heißt es etwa im Mitsing-Chorus von "Run to". "Sexuality isn't a choice", verkündet "Tomorrow", während es sich von Ciara Doran in euphorischer Pop-Punk-Manier ebenso nach vorne trommeln lässt wie das mit misogynen Rollenerwartungen abrechnende "You don't own me". Auch in den zärtlicheren Sehnsuchtsgesängen von "Wish u were here" oder "I just needed you" vibriert zwischen naiven Haus-Maus-Reimen nachvollziehbares Gefühl. Es ist ein Jammer, dass Pale Waves die Konturen ihrer Attitüde nicht musikalisch abbilden und ihren jungen Hörer*innen keine weniger glattgebügelten Klänge nahebringen können oder wollen. Da hilft auch der abschließende Titeltrack nichts, der als obligatorische Klavierballade die Konventionalität nur bestärkt. Die Identitätssuche dieser vier liebenswürdigen Goths scheint immer noch in ihren schwarz gefärbten Kinderschuhen zu stecken.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • She's my religion
  • Tomorrow
  • You don't own me

Tracklist

  1. Change
  2. Fall to pieces
  3. She's my religion
  4. Easy
  5. Wish u were here
  6. Tomorrow
  7. You don't own me
  8. I just needed you
  9. Odd ones out
  10. Run to
  11. Who am I?

Gesamtspielzeit: 33:39 min.

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Armin

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2021-04-28 21:38:00 Uhr - Newsbeitrag
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