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Liquid Tension Experiment - Liquid Tension Experiment 3

Liquid Tension Experiment- Liquid Tension Experiment 3

InsideOut / Sony
VÖ: 16.04.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

All inclusive

Diese verdammte Pandemie. Wir wollen gar nicht darauf eingehen, wie sehr die globale Seuche Covid-19 uns und unser Leben auf den Kopf gestellt hat und noch stellen wird. Dafür sind die Facetten zu zahlreich, und dafür ist hier auch nicht der Platz. Und dass nicht nur Musiker, sondern auch alle anderen, die daran beteiligt sind, von den großen Veranstaltern bis hin zum Roadie, in ihrer Existenz bis ins Mark getroffen sind, ist auch nichts Neues und in den dafür geeigneten Medien hinlänglich diskutiert. Viele Musiker jedoch versuchen, irgendwie das Beste aus der Situation zu machen. Im Falle von Mike Portnoy, John Petrucci, Jordan Rudess und Tony Levin bestand dies darin, nach langer Zeit ihr gemeinsames Projekt Liquid Tension Experiment wieder zum Leben zu erwecken – eine ideale Situation, denn alle möglichen diesbezüglichen Versuche in den letzten Jahren scheiterten an den jeweils übervollen Terminkalendern sowie einem langjährigen Zwist zwischen Petrucci und Portnoy, dessen Ausstieg bei Dream Theater 2010 tiefe Gräben hinterlassen hatte.

Jetzt könnte man meinen, "Liquid Tension Experiment 3", das erste Album nach 22 Jahren, sei wie so viele andere im Home Studio entstanden, indem jedes Bandmitglied seine Parts für sich aufnimmt. Weit gefehlt. Im Sommer 2020 begaben sich die vier Herren zunächst zum Corona-Test und anschließend für zwei Wochen in gemeinsame Quarantäne in einem New Yorker Studio, Wohnen und Schlafen inklusive. Das Ergebnis klingt, als lägen zwischen diesem und dem letzten Studioalbum nicht zwei Dekaden, sondern zwei Jahre. Und das ist das eigentlich Erstaunliche bei einer Supergroup, die wie nur wenige ihre Kreativität aus gemeinsamen Improvisationen zieht und so von der Chemie untereinander lebt. Erster Beweis: Der Opener "Hypersonic", der als letzter aller Songs entstanden ist und somit die Band in vollem Flow zeigt. Achteinhalb Minuten pure instrumentale Raserei von vier herausragenden Einzelkönnern – das klingt nach instrumentaler Selbstbefriedigung, ist es genau genommen auch. Doch in Summe steht ganz klar das Mit- vor dem Nebeneinander.

Welche kreative Energie im Studio geherrscht haben muss, erkennen Fans von Dream Theater vor allem bei "Beating the odds" und "The passage of time". Natürlich sind die beiden Songs im Kollektiv entstanden, aber die Handschrift von John Petrucci und Mike Portnoy ist unverkennbar und erinnert wohltuend an die Zeit, als die beiden Großtaten wie "Scenes from a memory" oder "Six degrees of inner turbulence" quasi aus dem Ärmel schüttelten. Doch Liquid Tension Experiment ist viel mehr als eine Spielwiese für aktuelle oder ehemalige Mitglieder der Prog-Metal-Institution. Denn es ist an der Zeit, einmal Tony Levin ausführlich zu würdigen. Mal ganz davon abgesehen, dass der aus Boston stammende Bassist neben John Myung und Nick Beggs einer der wenigen ist, die einen Chapman Stick bedienen können, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben, stellt er sich trotz aller Fähigkeiten in den Dienst des Songs, lässt seine feinen Variationen eher unter dem Kopfhörer deutlich werden. Und frönt dann mit "Chris and Kevin's amazing odyssey" mit seinen fast 75 Jahren einem fast jugendlichen Spieltrieb. Auch wenn die Improvisation zwischen Bass und Schlagzeug womöglich nicht jedermanns Sache sein mag.

Doch es sind jene Improvisationen, die die Faszination von Liquid Tension Experiment ausmachen. "Shades of hope" beispielsweise ist ein wunderbares Duett zwischen Gitarre und Piano, bei dem Petrucci und Jordan Rudess zeigen, dass sie neben der Frickelei auch das ganz große Instrumentale Gefühl beherrschen, während "Liquid evolution" als gemeinsame Jam-Session ein wenig zu arg fragmentarisch daherkommt. Dem gegenüber steht eine famose Interpretation von George Gershwins "Rhapsody in blue", die den Swing-Klassiker gekonnt in die Neuzeit überführt, und natürlich das Opus Magnum am Schluss. Oder anders ausgedrückt: Wer sonst nur einen geringen Draht zu instrumentalem Progressive Rock hat, höre bitte nur "Key to the imagination", der alleine das Geld für das Album wert ist. Was für eine überschäumende Spielfreude von absoluten Ausnahmekönnern, was für eine Demonstration von Spielfertigkeit, die immer wieder neu erforscht werden muss, damit auch endlich das allerletzte Schleifchen in der Komposition gefunden wird. Man wirft progressiven Musikern seit jeher vor, mehr für den Kopf als für das Herz zu arbeiten. Und in den meisten Fällen stimmt das, auch "Liquid Tension Experiment 3" kann sich nicht immer davon freisprechen. Als Soundtrack für die Hausarbeit taugt die Platte sicherlich nicht – um sich aber mal eine Stunde komplett der Außenwelt zu entziehen, ist diese Platte perfekt.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Beating the odds
  • Rhapsody in blue
  • Key to the imagination

Tracklist

  1. Hypersonic
  2. Beating the odds
  3. Liquid evolution
  4. The passage of time
  5. Chris and Kevin's amazing odyssey
  6. Rhapsody in blue
  7. Shades of hope
  8. Key to the imagination

Gesamtspielzeit: 61:42 min.

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Armin

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2021-04-28 21:37:10 Uhr - Newsbeitrag
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