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Imelda May - 11 past the hour

Imelda May- 11 past the hour

Decca / Universal
VÖ: 23.04.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kunterbunte Authentizität

Wohl kaum eine Kategorie ist in den letzten Jahren so sehr ihrer Bedeutung entkleidet worden wie die vielbeschworene Authentizität. Eine kleine Merkregel: Dort, wo sie am stärksten behauptet wird, wurde sie meist völlig atomisiert. Im deutschsprachigen Pop scheinen Konsorten wie Max Giesinger und Mark Forster bekanntermaßen eine ganze Armee an Songschreibern zu benötigen, um ihre wie auch immer geartete Vorstellung eines wahren Ichs aufs Tableau zu bringen. Was hat das mit Imelda May zu tun? Nun, zum einen gilt sie in ihrer irischen Heimat ebenfalls als charttoppender Popstar, zum anderen machte sie vor einigen Jahren Schlagzeilen, als sie mitten in der überall brandenden Casting-Show-Welle eine klare Ansage formulierte: Die Freude an der Musik verliere meist, wer gänzlich auf anderer Leute Idee von Erfolg fokussiert sei. Anders gesagt: Wenn Authentizität im Trend zu liegen hat, wird ihre Abwesenheit zum Komplex. In your face, ihr authentischen Songschreiber-Teams!

Es ist ja nicht so, dass May nicht selbst kommerzielle Alben veröffentlicht, nur bringen die eine reflektierte Stimme zu Gehör, die eine solche Insistenz auf das vermeintlich Echte nicht nötig hat. Auf ihrem sechsten Werk "11 past the hour" schreibt sie (meist im Tandem) wieder abwechslungsreiche Pop-Songs im guten Sinne des Wortes, garniert mit charakteristischen Rockabilly- und Vocal-Jazz-Einflüssen und gesegnet mit einem Gesang, dessen Volumen und bluesiges Timbre sofort einnehmen. Die beiden abgründigsten und besten Momente rahmen seine elf Stücke. Der famose Titeltrack eröffnet als Chanson aus einem zwielichtigen Noir-Streifen, in dem May sich mit verführerischer Ruhe den aufheulenden Gitarren entwindet und zum fatalistischen Tanz bietet: "You created yourself / But you're not to blame." Danach benötigt "Breathe" zunächst nicht mehr als ein paar düstere Geigen und einen treibenden Beat, um die verrauchte Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Und zum Abschluss sind es in "Never look back" schlangenbeschwörende Streicher und ein mechanischer Rhythmus mit elektronischen Einsprengseln, von denen eine laszive Gefahr ausgeht. Säße Nick Cave am Nachbartisch, er wäre vermutlich zum Duett bereit.

Doch auch so findet May diverse "partner in crime" – der berühmteste ein gewisser Noel Gallagher, mit dem sie in der ersten Single "Just one kiss" durch eine spaßige Rock'n'Roll-Nummer wirbelt. Nach dem einen Kuss ist das Pulver aber auch recht schnell verschossen. Etwas mehr Eindruck hinterlassen die leichten Gothic-Elemente in "What we do in the dark" mit Miles Kane, während die akustische Ballade "Don't let me stand on my own" mit Niall McNamee, seines Zeichens irischer Schauspieler, zwar durch den Charme des dezenten Dubliner Akzents umgarnt, aber letztlich in etwas zu seichte Gefilde driftet. Ohnehin wandelt "11 past the hour" öfter mal recht nah am Kitsch, bekommt aber meist noch rechtzeitig die Kurve. "And so we learn from every lover / That we cover while we drift", konstatiert May und entdeckt im fallenden Herbstlaub augenzwinkernd den modernen Liebestaumel.

Trotz seiner sporadischen Schwächen besticht "11 past the hour" durch eine Vielseitigkeit, die zum stets kurzweiligen und unterhaltsamen Hören einlädt. Neben den sanften Experimenten und rockigeren Einlagen wartet May mit eleganten, klassischen Balladen à la Carole King auf ("Diamonds", "Solace") und legt mit "Made to love" außerdem noch einen waschechten Radiohit vor, der zunächst einigermaßen austauschbar wirkt, mit seinem ansteckenden Refrain aber letztlich doch in seinen Bann schlägt. Daran mitgewirkt haben im Übrigen Rolling-Stones-Legende Ronnie Wood und die feministischen Aktivistinnen Gina Martin und Shola Mos-Shogbamimu – wenn das mal keine Kombo ist, die da munter fluide Identitäten feiert! Und am Ende gibt May sowieso die beste Antwort auf den ganzen Authentizitäts-Diskurs: "I am a goddess, a fool and a faker."

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • 11 past the hour
  • Made to love
  • Never look back

Tracklist

  1. 11 past the hour
  2. Breathe
  3. Made to love
  4. Different kinds of love
  5. Diamonds
  6. Don't let me stand on my own (feat. Niall McNamee)
  7. What we did in the dark (feat. Miles Kane)
  8. Can't say
  9. Just one kiss (feat. Noel Gallagher)
  10. Solace
  11. Never look back

Gesamtspielzeit: 38:09 min.

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Armin

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2021-04-21 20:29:21 Uhr - Newsbeitrag
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