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Tom Jones - Surrounded by time

Tom Jones- Surrounded by time

Red Window / EMI / Universal
VÖ: 23.04.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zahn des Zeitgeists

Johnny Cash oder Leonard Cohen mögen nur die prominentesten Beispiele dafür sein, im hohen Lebensalter noch einmal Meisterwerke zu schaffen. Und was macht Tom Jones im Alter von 80? Kopiert dreist Radiohead. Diesen Eindruck vermittelt zumindest "Talking reality television blues", die erste Single zu "Surrounded by time". Zu den Klängen von "I might be wrong“ singt, beziehungsweise spricht Jones die Worte des 2019 von Todd Snider veröffentlichten Stückes neu ein. Was die Quelle dieser "neuen" Songs hier angeht, bleibt sich Jones treu, schon "Long lost suitcase", "Spirit in the room" und "Praise & blame" basierten auf aus fremder Feder Geschriebenes.

Ein ganzes Album im Stile Radioheads von diesem alten Herren? Was für eine seltsame und doch interessante Vorstellung! Allerdings legt "Talking reality television blues" eine falsche Fährte. Das überragende, im Original von Tony Jo White stammende "Ol' Mother Earth" bringt noch etwas "Pyramid song"-Feeling ein, ansonsten dominieren anderweitige, jedoch nicht minder interessante Experimente. Im weiteren Verlauf des Albums zeigt sich zudem, dass Jones zwar immer wieder ins Erzählhafte driftet, größtenteils jedoch auch mit 80 noch eine klare, helle Singstimme hat, die er – teils eindrucksvoll – zu nutzen weiß. Setzten eingangs genannte Musiker mit ebenso gebrechlich klingender Stimme, wie Texten der Vergänglichkeit des Lebens ein Denkmal, denkt Jones zunächst nicht einmal daran, diesen Weg einzuschlagen.

So bietet "The windmills of your mind" düstere Synthies und einen kraftvollen Jones. "Popstar" und "No hole in my head" laden auf eine Reise im musikalischen Stile der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre ein. Eine Zeit, die viele nur vom Hören kennen – Jones jedoch war dabei und prägte diese maßgeblich mit. Die Zeitreise an diesen Stellen sorgt dafür, "Surrounded by time" zu einem merkwürdigen Sammelsurium werden zu lassen. Das ganze Album ist ein reines Kuriositätenkabinett an Stilen, Einflüssen und Ideen. Altes klingt neu, Neues klingt alt. Jedes Stück ist eine Wundertüte, sowohl was Instrumentierung als auch Auswahl angeht – die Veröffentlichungsdaten der Originalstücke bilden die bisherige Lebensspanne des Walisers nahezu komplett ab.

Ruhe und Ordnung scheinen "Surrounded by time" auf den ersten Eindruck komplett abzugehen, schleichen sich jedoch zum Ende dieses Cover-Albums doch noch eindrucksvoll ein. Poltert "Samson & Delilah" noch vor sich hin, fällt Sekunden später das breite Scheinwerferlicht zu einem einzigen Kegel zusammen. So sitzt er dort, der Tom Jones und intoniert zu einer Pianonote und verzagtem Schlagzeug "Ol' Mother Earth". In dieser Stimmung setzt auch "I’m growing old" an, ehe das große Finale ansteht. "Lazarus man" ist ein über neun Minuten langes, psychedelisch vor sich hin waberndes Monument, in dem noch einmal alle Register gezogen werden. Was für ein grandioser Abschluss!

(Klaus Porst)

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Highlights

  • Ol' Mother Earth
  • I'm growing old
  • Lazarus man

Tracklist

  1. I won't crumble with you if you fall
  2. The windmills of your mind
  3. Popstar
  4. No hole in my head
  5. Talking reality television blues
  6. I won't lie
  7. This is the sea
  8. One more cup of coffee
  9. Samson and Delilah
  10. Ol' Mother Earth
  11. I'm growing old
  12. Lazarus man

Gesamtspielzeit: 61:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Kamm

Postings: 299

Registriert seit 17.06.2013

2021-04-22 13:07:55 Uhr
Das mit dem Gefallen und Nichtgefallen ist echt schwierig zu verorten und noch schwieriger abzulegen, wenn sich dann die eigene Subjektivität da einmal festgelegt hat. :)
Ich würde mich als relativ stiloffen einordnen, oder versuche zumindest, das zu sein, aber manchmal gefällt einem etwas einfach, oder nicht, und dann macht man nix. Gerade beim (Sprech-)Gesang bin ich ziemlich schmerzfrei, solange die Musik irgendwie passt. Tatsächlich fallen mir nur zwei Beispiele ein, in denen mich der vokale Aspekt vom Genuss der Musik abhält, und das sind ausgerechnet James der Käse vom Traumtheater (wenn auch nicht immer) und Van Morrison, wenn er so singt wie auf Astral Weeks (unerträglich!).
Diese Art von Spoken Word, wie sie Tom Jones in dem Song abliefert, geht mir allerdings sehr gut rein; ich mag seine Stimmfarbe, den Flow und die Coolness, die er dabei ausstrahlt.

Klaus

Postings: 3682

Registriert seit 22.08.2019

2021-04-22 11:46:06 Uhr
@Kamm

Danke einmal für die Erklärung. Ich kenne in der Tat nur die "Radiohead"-Version dieses Riffs und deine Ausführungen sind daher sehr interessant!

Was ich an dem Track nicht ganz so gut finde, ist in der Tat die Art, wie Jones hier singt, bzw. nicht. Komme einfach subjektiv auf diesen Sprachstil nicht klar.

Du kannst auch schon andere Vorabsongs hören, wenn du magast, gibt ja mittlerweile einige Singles.

Es gibt hier auf dem Album einige Stücke, die mir nicht so zusagen, daher auch die Wertung, gerade hinten raus ist das aber ganz groß!

Kamm

Postings: 299

Registriert seit 17.06.2013

2021-04-22 11:34:27 Uhr
Puh. Ich kenne nur den Talking Reality Television Blues. Der ist für mich eine glasklare 10/10, und in der Rezension noch nicht mal unter den Favoriten. Was erwartet mich hier also? :D

Ja, das Hauptriff ist fast komplett das gleiche wie in I might be wrong, lediglich die letzte Note geht hier hoch und bei Radiohead runter. Aber, das gleiche Riff gabs auch schon vorher bei Becks Loser und davor, weil es sich im Grunde um ein bekanntes Blues-Riff handelt, in unzähligen anderen Songs. In der Adaption dieses Standards toppt die Version von Todd Snyder, also letztendlich die von Tom Jones, für meinen Geschmack sogar die von Radiohead, weil das Schlagzeug hier so göttlich elegant aufspielt, dass ich mich daran gar nicht satthören kann, mit zahlreichen Verschiebungen, Breaks, Auslassungen und Dingen, die ich gar nicht benennen kann, weil ich leider gar keine Ahnung von Musik habe. Es klingt jedenfalls phänomenal, auch von der Produktion her. Dann kommt noch die zentrale Hook dazu, in die das Riff kulminiert, mit ihrem letzten melodischen Schlenker, der durch die Zauberei des Schlagzeugs an genau der richtigen Stelle so herrlich klimatisch unterstützt wird, ich glaube, eine Taktauslassung in Verbindung mit einem Fill. Für mich ist das tatsächlich perfekte Eleganz, und jetzt habe ich ein bisschen Angst vor dem Rest des Albums. :D

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21004

Registriert seit 08.01.2012

2021-04-21 20:28:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

NOK

Postings: 166

Registriert seit 04.10.2018

2021-01-16 22:43:55 Uhr
Die Single ist tatsächlich überraschend unkonventionell und sehr überzeugend, wobei das ja nicht die erste Platte ist, die Jones mit Ethan Johns aufnimmt - und da waren in den letzten Jahren schon großartige Sachen dabei, grade "Spirit in the Room", etwa mit einer berührenden Coverversion von Leonard Cohens Autopilot-Bontempi-Großtat "Tower of Song"...

https://www.youtube.com/watch?v=3JWiPFT0v2c

... oder vor allen Dingen einer fantastisch künstlich patinierten Neuinterpretation von Bob Dylans "When the Deal Goes Down".

https://www.youtube.com/watch?v=m1Y__DxTAVE

Ich als jemand, der mit "Delilah", "Help Yourself", "Sex Bomb" und Konsorten nie viel anfangen konnte, freu mich sehr auf dieses Album.
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