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Genesis Owusu - Smiling with no teeth

Genesis Owusu- Smiling with no teeth

House Anxiety
VÖ: 05.03.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Lange Leine

Nicht nur Harry-Potter-Fans kennen den schwarzen Hund als geisterhaftes Omen des Todes. Winston Churchill machte den Vierbeiner als Metapher für seine Depression bekannt. Genesis Owusu erlebte "black dog" vor allem als eine der rassistischen Anfeindungen, die der in Ghana geborene Australier in seiner Jugend ertragen musste. Doch auf seinem Debütalbum dreht Owusu den Spieß um, belegt den Begriff neu als Verkörperung ebenjener Diskriminierung und stellt sich ebenso der eigenen Psyche wie dem schwarzen Hund. Einen solchen thematischen roten Faden hat das große, bunte Wollknäuel namens "Smiling with no teeth" dringend nötig. Ausgehend von einem HipHop-Art-Funk-Hybriden zwischen Childish Gambino und OutKast spricht, rappt und singt sich der Mann mit den Goldzähnen samt Band – zu der unter anderem Kirin J Callinan an der Gitarre gehört – durch die unterschiedlichsten Genres und Stimmungen.

Der stilistische Experimentierdrang steht dabei nie dem puren Spaß im Weg. Stellt man sich nach den stachligen Noise-Beats des Openers "On the move!" schon auf einen fordernden Gang durch die Kunsthalle ein, brettert kurz darauf "The other black dog" los: ein hochkinetischer Wave-Hop-Banger, der das Leitmotiv der Platte zur Begrüßung auf die Tanzfläche schmeißt. Owusu möchte nach eigener Aussage akustischen Honig auf seine Dämonen gießen, um sie für das Publikum genießbar zu machen. "Centrefold" und "Waitin' on ya" lassen es in dieser Hinsicht ordentlich platschen, wenn sich Bass und Falsett aneinanderschmiegen, Orgeln, Bläser und Frauenstimmen warm-weiche Akzente setzen. Doch irritierende Stimmeffekte deuten darauf hin, dass unter der Bettdecke keine sinnliche Harmonie herrscht. Auch der fröhliche Pop-Stampfer "Don't need you" verschießt ein paar Giftpfeile, bei denen nicht ganz klar ist, ob sie tatsächlich auf eine verflossene Liebschaft oder doch auf die eigene Depression zielen.

Diese Ambiguität verleiht dem Album eine reizvolle Ungreifbarkeit. Zitternde Sechssaiter zerren am R'n'B-Trapez, auf dem "Gold chains" seine HipHop-Tropen jongliert, während der mysteriös-minimale Titeltrack D'Angelo ins Kühlhaus steckt. Weil sich der Schweinehund namens Rassismus aber nicht nur mit Zweideutigkeiten ausradieren lässt, kann Owusu auch ganz anders. Zwischen der klapprigen Kriegstrommel-Percussion von "I don't see colour" gibt es keinen Platz mehr für Metaphern: "When you see the black man it's riot and terror / But when I talk about slavery you weren't there / How convenient." "Whip cracker" fährt gleichsam unverblümt die Krallen gegen Neonazis und andere Arschlöcher aus, überführt die Wut allerdings in einen Indie-Disco-tauglichen Funk-Rock-Jam. Wer danach immer noch nicht genug Schaum vorm Mund hat, lässt sich einfach für zwei Minuten in den Punk-Zwinger von "Black dogs!" sperren.

Owusus charismatische und wandelbare Stimme trägt dabei auch über die musikalisch zahnloseren Momente wie das etwas öde "Easy". Solche sind aber ohnehin rar. Ob "Drown" mit Callinan am Gastmikro wie ein Springsteen-Song im Koksrausch klingt oder der folkige Piano-Pop von "A song about fishing" eine Sisyphus-Parabel vom fischlosen Angeln erzählt – die Kompositionen auf "Smiling with no teeth" bleiben so geschmackssicher wie unberechenbar. So täuscht auch "No looking back" den Abgang in klassischer Retro-Soul-Manier nur an, damit "Bye bye" mit Synth-Schimmer und Rückwärts-Loops ein offenes Ende deklarieren kann. So wie der schwarze Hund bei Harry Potter – Achtung Spoiler – natürlich nicht den Heldentod markiert, hat auch Owusu sicher noch ganze Romane im Köcher. Wer bereits auf seinem Debüt ein solches Selbstbewusstsein zur Schau stellt, wird sich von keinem fremdenfeindlichen Gebell der Welt unterkriegen lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The other black dog
  • Drown (feat. Kirin J Callinan)
  • Gold chains
  • Whip cracker

Tracklist

  1. On the move!
  2. The other black dog
  3. Centrefold
  4. Waitin' on ya
  5. Don't need you
  6. Drown (feat. Kirin J Callinan)
  7. Gold chains
  8. Smiling with no teeth
  9. I don't see colour
  10. Black dogs!
  11. Whip cracker
  12. Easy
  13. A song about fishing
  14. No looking back
  15. Bye bye

Gesamtspielzeit: 52:58 min.

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Armin

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2021-04-14 20:43:50 Uhr - Newsbeitrag
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