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New Pagans - The seed, the vessel, the roots and all

New Pagans- The seed, the vessel, the roots and all

Big Scary Monsters / Indigo
VÖ: 19.03.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Vergiftet

Belfast, Nordirland, Anfang April 2021. Im Zuge des Brexits, dessen aktuellen Handels- und Grenzregelungen sowie wilden Gerüchten über ein vermeintlich bald schon vereinigtes Irland, muss die Stadt erneut Gewalt über sich ergehen lassen. Es sind Bilder, die schlimme Erinnungen an die über Jahrzehnte schwelenden, blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten aufleben lassen. Nach dem Karfreitagsabkommen 1998 schien die Region befriedet, doch stramm religiös motivierte Politik machte progressiv denkenden Frauen wie der Studentin Lyndsey McDougall, Songwriterin und Sängerin von New Pagans, selbst Mitte der Nullerjahre noch das selbstbestimmte Leben schwer. Gleichberechtigung in der Ehe existierte nicht. Hilfs- und Zufluchtsstellen bei Gewalt gegen Frauen und Bretreuung bei Abtreibung wurden geschlossen beziehungsweise abgeschafft. In der Musikszene regte sich zarter Widerstand, aber Frauen in Bands? Ebenso bloß Wunschtraum. Sicherlich steht Nordirland mit seiner maskulin-chauvinistisch geprägten Gesellschaft nicht alleine da, dennoch hat McDougall einen ganzen Sack voll markanter Erinnerungen gesammelt. Ihr Unverständnis, das Kopfschütteln, die aufgestaute Wut zieht sich wie ein roter Faden durch "The seed, the vessel, the roots and all", das fulminante Debüt ihrer Band: eine Platte, die Themen sichtbar macht, die durch die Mannesbrille im Dunkeln bleiben. Emotionale Körperlichkeit während der Schwangerschaft beispielsweise, von der die hookig-poppige Single "Harbour" erzählt. Oder das tiefschürfende und dennoch nach vorn preschende "Yellow room", das die Leiden aus Sicht einer Mutter beschreibt, die wegen einer postnatalen Depression von ihrem Kind getrennt wurde, weil es in Nordirland keine Mental-Health-Units für Mutter und Kind gibt.

Der Sound der Nordiren glänzt in erster Linie nicht durch Innovation, was bei dieser Platte aber natürlich zuträglich ist. Denn ihr leicht grungig angehauchter, manchmal verschrobener, meist euphorisch vorgetragener Indierock hat Seele, Tiefgang und ist mit dutzenden packenden Melodien gestrickt. "The seed, the vessel, the roots and all" ist voller Hits, da der Fünfer sich nicht scheut, neben all den Riffings immer mal wieder pop-punkige Refrains rauszuhauen. Den des Openers "It's darker" bekommt man nur schwer aus den Gehörgängen. Auch "Natural beauty" weiß in dieser Hinsicht kaum wohin mit seiner Motivation. Damit es bei den harten Themen musikalisch nicht zu unbeschwert wird, streuen New Pagans das halb in den Post-Punk-Teich tauchende "I could die" ein. "Charlie has the face of a saint" tritt in seiner Atmosphäre nicht zufällig in die Fußspuren Sonic Youths, punktet mit intensiv-verdichtetem Finale.

All die Freude über dieses überraschend ausgereifte Debüt erspart uns nicht die Geschichte über den Machtmissbrauch eines einflussreichen Katholiken gegenüber einer jungen Frau im Umfeld der Frontfrau, die das schnaubende "Christian boys" zum Abschluss erzählt. Wie niederschmetternd ist es festzustellen, dass physische wie psychische Gewalt von Männern gegenüber Frauen von einigen Konservativen auch heute noch als weitestgehend normal betrachtet wird? "Christian boys are the worst", stellt McDougall lautstark, aber irgendwie auch nüchtern fest. Bei toxischer Männlichkeit schauen wir noch immer zu oft weg.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • It's darker
  • Charlie has the face of a saint
  • Harbour
  • Yellow room

Tracklist

  1. It's darker
  2. Bloody soil
  3. Charlie has the face of a saint
  4. I could die
  5. Lily Yeats
  6. Admire
  7. Harbour
  8. Yellow room
  9. Ode to none
  10. Natural beauty
  11. Christian boys

Gesamtspielzeit: 44:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Yndi

Postings: 64

Registriert seit 23.01.2017

2021-06-15 20:47:43 Uhr
Benötigt mehr Liebe, läuft auch bei mir weiterhin ständig.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1059

Registriert seit 31.10.2013

2021-06-15 18:20:36 Uhr
Kannte bislang nur "Yellow room" und hab irgendwie immer vergessen, das Album zu hören.
Gehe mal davon aus, dass mir das sehr taugen wird.

fakeboy

Postings: 1315

Registriert seit 21.08.2019

2021-06-15 16:53:20 Uhr
Neige mittlerweile zu einer 10/10. Einfach ein geradezu perfekt austariertes Album. Grandiose Melodien dargeboten von einer sehr charismatischen Sängerin, zupackende Songs mit viel Schmiss, tolle Gitarren. Dazu diese herrlich bittersüsse Note, die sich durchs ganze Album zieht.

fakeboy

Postings: 1315

Registriert seit 21.08.2019

2021-04-15 01:20:54 Uhr
Meine Meinung: siehe Eröffnungspost ;-)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21239

Registriert seit 08.01.2012

2021-04-14 20:43:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

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