Banner, 120 x 600, mit Claim

Parannoul - To see the next part of the dream

Parannoul- To see the next part of the dream

Bandcamp
VÖ: 26.02.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Monument des Moments

"Just a student writing music in my bedroom." Als Parannoul diese Worte in seine Bandcamp-Bio eingab, konnte er sicherlich nicht erahnen, was für einen Impact seine Schlafzimmer-Aufnahmen auf die digitale Welt ausüben würden. "To see the next part of the dream", das zweite Album des in Seoul lebenden Ein-Mann-Wunders, erfuhr einen solchen Hype in den Musiknerd-Communities des Internets, dass es zum Zeitpunkt dieser Rezension immerhin auf Platz vier der Rateyourmusic-Jahrescharts steht. Das erstaunt in zweierlei Hinsicht. Zum einen aufgrund der absoluten Anonymität Parannouls, dessen Selbstbeschreibung nicht über ein paar lose Einflüsse, Wünsche und Schelten seiner eigenen "awful singing voice" hinausgeht. Zum anderen, weil die extreme Lo-Fi-Produktion der Platte – die tatsächlich so klingt wie von einem Amateur mit Gitarre und MIDI-Presets nachts im Elternhaus aufgenommen – gewiss auch eine Hürde für Leute darstellt, die sich ansonsten gar nicht als große Klangpuristen bezeichnen würden. Doch der ästhetische Dilettantismus verbirgt nicht einfach ein modernes Shoegaze-Meisterwerk, er ist für dessen rohe emotionale Wirkkraft nicht weniger als essenziell.

So schüchtern Parannoul selbst auftritt, so ambitioniert und überbordend zeigt sich seine Musik. Über exakt zehn Minuten schichtet "White ceiling" Feedback-Wolken, übersteuerte Drums und kaum vernehmbaren Gesang zusammen, bis daraus ohne nachvollziehbaren Spannungsaufbau ein hymnisches Finale emporsteigt. Die Songs geraten trotz ihrer Länge nie langweilig, weil sie stets unerwartete Wendungen nehmen und unter dem Krach wundervolle melodische Akzente setzen. Das himmelblaue Piano des Openers "Beautiful world" vermischt sich mit dem Grau unter Strom stehender Gitarren, die sich in hämmernden Unwetter-Passagen entladen. Der Titeltrack lässt zartes Akustikzupfen in einem synthetischen Neutronenstern verglühen und selbst an einer kleinen Ballade wie "Extra story" zieht gefühlt das ganze Universum vorbei. "Chicken" weiß indes um die Sogkraft der Repetition, wenn sich seine zirkelnden Riffs immer tiefer in den stoischen Rhythmus hineinbohren. Die Referenzen sind klar erkennbar, doch Parannoul bereitet sie mit einer so eigenen Perspektive auf, dass das weitflächige Ausbuddeln dieses in den Untiefen von Bandcamp vergrabenen Juwels immer weniger surreal erscheint.

Dennoch fällt es schwer, die Faszination hinter dem Album zu pointieren. Eine Flut abstrakter Sehnsüchte überwältigt einen beim Hören, die sich kaum konkret artikulieren lassen. Das gilt auch für die Tracks, die sich in entfesselter Form näher an Emo und wuchtigem Post-Rock entlangbewegen, wie etwa "Excuse" mit seinem luftdicht verschlossenem Beckenscheppern. Die beste Balance zwischen Härte und melancholischer Schwebe findet "Age of fluctuation", wenn magmabeladene Saiten auf federleichte Tasten treffen und auch in den Vocals alle Dämme brechen. Und noch haben wir überhaupt nicht über die Uptempo-Großtaten "Analog sentimentalism" und "Youth rebellion" gesprochen, die problemlos Menschenmassen in selige Ekstase versetzen könnten – wenn es denn irgendwann wieder möglich sein und, vor allem, wenn Parannoul aus seinem selbstgewählten Öffentlichkeits-Versteck treten wird. In eingangs erwähnter Bandcamp-Beschreibung formuliert er den Wunsch, erinnert zu werden und nicht zu einer der distanten Erinnerungen zu verkommen, die seine Musik speisen. Trotz aller Qualität und Substanz lässt sich letzteres Schicksal bei der Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters leider nicht ausschließen. Doch ein solches Monument des Moments, wie es "To see the next part of the dream" darstellt, wird ihm niemand mehr nehmen können.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Analog sentimentalism
  • Age of fluctuation
  • Youth rebellion

Tracklist

  1. Beautiful world
  2. Excuse
  3. Analog sentimentalism
  4. White ceiling
  5. To see the next part of the dream
  6. Age of fluctuation
  7. Youth rebellion
  8. Extra story
  9. Chicken
  10. I can feel my heart touching you

Gesamtspielzeit: 61:46 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Enrico Palazzo

Postings: 1982

Registriert seit 22.08.2019

2021-05-03 10:55:05 Uhr
Ich höre es grad zum ersten Mal und war Anfangs begeistert, dass diese Platte nicht so tot produziert ist. Aber gerade eben dachte ich: Boah, Alter, tut das weh in den Ohren bei "Analog Sentimentalism" ... klingt mir dann doch etwas zu unfertig schepprig auf Dauer, leider.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 8896

Registriert seit 23.07.2014

2021-05-02 19:39:20 Uhr
Gibt ein interessantes Interview auf rym.

I thought I wouldn't have to play the guitar, because I could make the sounds I wanted even if I used it as a virtual instrument. And my guitar skills are very terrible. Also in order not to get caught by anyone that I'm making music with, I had to keep as quiet as possible. That's why I made music with only one computer in the bedroom. I wanted to make a sophisticated lie rather than the unfinished truth.

Hätte ich nicht gedacht. Auf jeden Fall sehr schön zu lesen.

Eliminator Jr.

Postings: 1014

Registriert seit 14.06.2013

2021-04-21 23:19:35 Uhr
Nun auch bei Spotify!

MasterOfDisaster69

Postings: 658

Registriert seit 19.05.2014

2021-04-19 23:14:48 Uhr
Wahnsinn!

Danke.

rainy april day

Postings: 556

Registriert seit 16.06.2013

2021-04-12 17:33:13 Uhr
Nach den ersten zwei Durchgängen bin ich auch ziemlich begeistert. Auf der normalen Anlage hat der raue Sound auch absolut was. Mit Kopfhörern könnte das schon schwieriger sein, kann ich mir vorstellen :-D
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum