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Alice Phoebe Lou - Glow

Alice Phoebe Lou- Glow

Motor / Edel
VÖ: 19.03.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Bericht aus dem Inneren

Über 100 Konzerte in einem Jahr: Als hätte Alice Phoebe Lou gewusst, was auf sie zukommt, hat sie in Sachen Live-Auftritte 2019 noch mal so richtig einen rausgehauen. Kenner ihrer Biografie sollte dieser exzessive Tour-Drang freilich nicht überraschen, scheint er der jungen Frau schlicht im Blut zu liegen. Als Teenagerin verließ sie ihre Heimat Südafrika, um als Straßenmusikerin durch Europa zu touren und sich schließlich in Berlin niederzulassen, was vor allem zwei Grundpfeiler ihres Kunstschaffens unterstreicht: geografische Ungebundenheit und Nähe zum Publikum. Dass beide Aspekte auf extreme wie unerwartete Weise ihre Selbstverständlichkeit verloren, hat Lou jedoch keineswegs entmutigt. "I'm fine getting stoned alone / With all of this time, maybe I'll finally be mine", singt sie in "Mother's eyes" und bringt damit auch eine weniger nervenzehrende Kehrseite der Isolation zum Vorschein. Weil selbst die mobilsten Künstlerinnen mal einen Perspektivwechsel nach innen gebrauchen können, macht "Glow" die Not zur Tugend. Das komplett analog in einem Dresdner Studio aufgenommene dritte Album der 27-Jährigen behält ihren Stil zwischen Schlafzimmer-Indie-Pop und E-Gitarren-Folk mit Soul- und Jazz-Einschlag bei, verleiht ihm aber eine noch intimere Qualität.

So wähnt man gleich bei den ersten Tönen von "Only when I" einen Geist im Raum, so nah klingt hier ihre Stimme. Was im flüchtigen Bar-Jazz beginnt, entwickelt mit sattem Rhythmusfundament jedoch schnell ein greifbares Selbstbewusstsein: "You didn't heal me, but I healed / From the things that you do." Wie schon ein Blick auf die Tracklist verrät, behandelt "Glow" vor allem die Liebe, fußt allerdings auf einer konkreten Beziehung, der kein glückliches Ende beschieden war. "I need your words to feel like daggers in this love / For only then could I give up the hope in my heart", leidet Lou im elegischen "How to get out of love", dem reduziertesten Track einer ohnehin reduzierten Platte. Doch das romantische Scheitern verläuft nicht chronologisch. "I'm a lover", heißt es ein paar Songs später in "Lover // Over the moon", während sich "Velvet mood" nach Körperlichkeit sehnt: "I think of your hands on my body and they feel nice." Ihre sonst so gelenkige Vokalakrobatik stellt Lou dabei zurück, um die Albumatmosphäre zwischen Hotellounge und Sonnenaufgang auf dem Raucherbalkon nicht zu stören. Ein reineres Wohlklangsdestillat als das wunderschöne "Heavy // Light as air" hat die Beinahe-Oscarnominierte bislang noch nicht aufgenommen.

Doch "Glow" wäre kein Alice-Phoebe-Lou-Album, würde es nicht auch ein paar Reißzwecken auf dem Perserteppich verstreuen. Im fidelen Titeltrack dürfen die ohnehin knarzigen Sechssaiter ein paar Quietsch- und Noise-Attacken antäuschen. "Dirty mouth" wagt sich als kleiner Jangle-Pop-Hit gar ins Uptempo und verbirgt mit seinem zuckrigen Vortrag die dahinter verschossenen Giftpfeile: "I'm not gonna heal you / Not gonna make your dreams come true / I've got lazer beams coming out of my eyes." Ein kratziger Kontrast zum sanften Piano-Groover "Dust", der ein Loblied auf die Freundschaft anstimmt: "She smiles and everything will be alright." Auf der ganzen Länge mag der Platte zwar der Abwechslungsreichtum eines "Paper castles" fehlen, doch ihre emotionale Nahbarkeit und einige charmante Arrangements wie die durch "Lonely crowd" mäandernden Holzbläser machen das wieder wett. Wenn der Closer "Lovesick" schließlich das Ende jedes Liebesleidens erklärt und Sixties-Pop-taugliche Strandrhythmen auffährt, zementiert sich die anfängliche Erkenntnis endgültig: Lous ständiger Bewegungsdrang mag einen jähen Halt gefunden haben, doch ihre Kreativgeister fließen weiterhin ungebremst.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Glow
  • Heavy // Light as air
  • Dirty mouth
  • Lovesick

Tracklist

  1. Only when I
  2. Glow
  3. Dusk
  4. Mother's eyes
  5. How to get out of love
  6. Heavy // Light as air
  7. Dirty mouth
  8. Lonely crowd
  9. Lover // Over the moon
  10. Driveby
  11. Velvet mood
  12. Lovesick

Gesamtspielzeit: 45:06 min.

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Armin

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2021-03-31 21:07:43 Uhr - Newsbeitrag
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