Dry Cleaning - New long leg
4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 02.04.2021
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Schleudergang
Gesang ist überbewertet. Das ist eine gängige Meinung, zum Beispiel bei so mancher Post-Rock-Band. Darum verzichten viele ganz auf den Vokalvortrag. Gesang ist überbewertet. Das finden auch einigen Metal-Kapellen. Darum wird oftmals nicht gesungen, sondern gebrüllt, gekreischt, geshoutet. Gesang ist überbewertet. Dieser Auffassung sind vielleicht auch Dry Cleaning aus dem Süden Londons. Aus diesem – oder doch aus ganz anderen Gründen – gibt es auf ihrem lange erwarteten Debütalbum "New long leg" keine munter geträllerten Tonleitern, sondern vorwiegend Spoken-Word-Vorträge. Frontfrau Florence Shaw spricht also, während der Rest der Band sich durch quengeligen und geschichtsbewussten Post-Punk knuspert, der sich mit spitzen Ellenbogen den Weg in die erste Reihe zu bahnen versucht. Letztes Jahr erschien bereits die Vorab-Single "Scratchcard lanyard" und fixte schon so manchen an: Ex-Plattentests.de-, Ex-Visions- und Ex-Spex-Redakteur Daniel Gerhardt (Grüße!) twitterte zum Beispiel spontan: "Hammer!"
Was genau ist nun so toll an den britischen Newcomern? Nun, es könnte mehrere Gründe geben, warum man "New long leg" abfeiern möchte: Da ist der unwahrscheinliche Funk, der den sonst so stoisch rauschenden Postpunk-Songs innewohnt. Anders gesagt: Wer zu "Scratchcard lanyard" nicht ungelenk durch die eigene Wohnung tanzt und sich dabei die ein oder andere Schramme holt, hat tanzbare Gitarrenmusik nie geliebt. Da wäre aber auch der fast schon grungige Sound des ungemütlichen Bretts "Unsmart lady", das sich mit brummendem Bass und gleißend-heißen Gitarren den direkten Weg aus den Neunzigern in die Jetztzeit brennt. Dry Cleaning befriedigen damit auch die Sehnsüchte all derer, die sich schon zu Porridge Radio, Soccer Mommy und Dream Wife zurück in eine Zeit träumten, die sie teilweise selbst gar nicht erlebt haben. Bei Shaw und Co. steht jedoch nicht das Hymnische oder Verträumte im Vordergrund, sondern eher die Vermählung von Lärm, Rausch und Melodie. Wem die nicht nur hierzuseits abgefeierten Black Country, New Road dann doch zu abgefahren sind, der kann sich an "New long leg" also möglicherweise gütlich tun.
Gelegenheiten gibt es dafür genug: "Her hippo" schält sich aus seiner schwermütigen Instrumentierung, Erinnerungen an Slint werden wach, wenngleich Dry Cleaning etwas mehr Zug haben, dynamischer klingen. Im Titeltrack stampft die Band schon fast in Richtung Indie-Dancefloor, nimmt dann aber doch seltsame Umwege, denen man konzentriert folgen muss, möchte man den Anschluss in dieser Polonaise de force nicht verpassen. Das abschließende "Every day carry" gerät dann jedoch zu einer ziemlichen Geduldsprobe: Zunächst dauert es eine ganze Weile, bis sich der Song aus seinem Noise-Schneckenhaus traut, dann folgt beinahe unerträgliches Feedback-Gerumpel, nur um gegen Ende nochmal dem Lärm und der Lautstärke zu frönen. Uff, schwere Kost. Doch niemand hat behauptet, dass "New long leg" das fluffige Pop-Album für den nächsten Lockdown-Frühling wird. Eher schon: der Post-Punk-Schleudergang für Freunde der gepflegten Verweigerungshaltung.
Highlights
- Scratchcard lanyard
- Her hippo
- New long leg
Tracklist
- Scratchcard lanyard
- Unsmart lady
- Strong feelings
- Leafy
- Her hippo
- New long leg
- John Wick
- More big birds
- A.L.C.
- Every day carry
Gesamtspielzeit: 41:30 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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myx Postings: 6222 Registriert seit 16.10.2016 |
2023-02-17 08:07:23 Uhr
Danke für den interessanten Einblick. :) |
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fakeboy Postings: 6346 Registriert seit 21.08.2019 |
2023-02-17 07:59:54 Uhr
Auf Platte kannst du auch die leiseste Klangquelle laut drehen. Wenn du das live machst, dann verstärkt das Gesangs-Mikrofon auch die Gitarre, die Drums etc... Der Schlagzeuger müsste eigentlich hinter Plexiglas spielen, der Bassist und der Gitarrist mit DI direkt ins Pult, aber dafür ist die Band dann wohl doch zu wenig proggig unterwegs ;-) |
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myx Postings: 6222 Registriert seit 16.10.2016 |
2023-02-17 07:53:18 Uhr
Stimmt, daran habe ich nicht gedacht ... Ich bin einfach zu sehr von der Erwartung ausgegangen, dass es ähnlich wie auf Platte klingen würde. |
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fakeboy Postings: 6346 Registriert seit 21.08.2019 |
2023-02-17 07:44:33 Uhr
Die beiden neuen Songs vermögen mich noch nicht so richtig zu begeistern. Aber vielleicht brauch ich auch hier einfach wieder etwas länger...Und dass die Stimme live sehr schwierig zu mischen ist, ist eigentlich klar. Sie spricht ja eher leise, die Band hingegen spielt laut. Ein Albtraum für jeden Mischer in einer Live-Situation... |
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myx Postings: 6222 Registriert seit 16.10.2016 |
2023-02-17 07:34:13 Uhr
@fakeboy:Das freut mich zu hören! Fantastische Band, bei mir haben die Vier aus South London mit "Stumpwork" so richtig eingeschlagen. Da passt für mich alles. Ich liebe die Präsenz ihrer Stimme. @saihttam: Viel Spass beim Konzert! Gerne mit kurzem Bericht. :-) Letztes Jahr in Köln fand ich sie grossartig. Dass ihr Sprechgesang etwas zu leise abgemischt war und undeutlich blieb, war zu verschmerzen. Es gibt aktuell zwei neue Stücke: "Swampy" und "Sombre two". Das Ganze kommt zusammen mit zwei Remixes (u. a. von "Gary Ashby") und einer Demoversion am 1. März als EP raus. |
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Referenzen
Porridge Radio; Sorry; Shame; Fontaines D.C.; Idles; Do Nothing; Bodega; Ought; Tim Darcy; Preoccupations; Black Country, New Road; Protomartyr; Dream Wife; Squid; Shopping; TV Priest; Goat Girl; Crack Cloud; Public Practice; The Murder Capital; Soccer Mommy; Parquet Courts; Viagra Boys; Sports Team; Black Midi; Life Without Buildings; Pom Poko; Iceage; Lower Dens; The Men; Savages; Jehnny Beth; These New Puritans; Slint; Shellac; The Fall; Clinic; Sonic Youth; Pere Ubu; Gang Of Four; Mission Of Burma; Magazine; The Clean
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