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Lana Del Rey - Chemtrails over the country club

Lana Del Rey- Chemtrails over the country club

Urban / Universal
VÖ: 19.03.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sonnenhüte aus Alu

Wenn Lana Del Rey eine Sache schon seit "Born to die" begleitet, dann ist es die elendige Frage nach ihrer Authentizität. Als das von Fans und Kritik hochgepriesene "Norman fucking Rockwell!" sie plötzlich in den Kanon großer amerikanischer Songwriterinnen hob, schien die vermeintliche Diskrepanz zwischen Elizabeth Grant und ihrer Kunstfigur fürs Erste gegessen. Doch kurz darauf befeuerte sie mit unglücklichen Social-Media-Äußerungen zwischen Kanye'scher Selbstüberhöhung und einem ungelenken Rechtfertigungsdrang selbst wieder die Debatten um ihre Person und Persona – wobei letztere nach eigener Aussage ja nie existierte. Diese Entwicklung der vergangenen zwei Jahre fügt sich nahtlos in das ganze Faszinosum Lana Del Reys, für das Ungreifbarkeit und Widerspruch schon immer zentral waren. Wie konnten ihre narkotisch vorgetragenen, zuweilen als "antifeministisch" deklarierten Bad-Boy-Romantisierungen nicht nur musikalisch mit dem Zeitgeist auf Kriegsfuß stehen und trotzdem einen so gewaltigen Anklang in Pop- und Indie-Szene finden? Wie konnte sie in so kurzer Zeit eine unverkennbare Ästhetik zwischen Retro-Fetisch und Millennial-Sensibilität entwickeln, die trotz teils krasser stilistischer Wandlungen von Album zu Album Bestand hatte?

"Chemtrails over the country club" liefert keine Antworten, sondern schafft es auf unerklärliche Weise wieder, Erwartungen voll zu erfüllen und gleichzeitig mit ihnen Schlitten zu fahren. Es führt den Siebziger-Americana-Sound seines Vorgängers weiter, aber mit einem deutlich intimeren, klassisch folkigeren Fokus. Del Reys siebte Platte ist ihre subtilste, homogenste und, ja, auch schönste bisher. Im umwerfenden Opener "White dress" perlen Piano und Jazz-Drums mit dynamischer Intensität, während Del Rey ein ungewohntes Falsett auspackt und mit atemloser Hingabe ihre Verse zum Überquellen bringt. Sie schmeißt Nuller-Rock à la The White Stripes in den Nostalgie-Cocktail und erzählt von ihrem Glück als 19-jährige Kellnerin, als sie sich frei von jedem Karrieredruck in der Aufmerksamkeit von Musik-Business-Männern sonnte. Lauschen wir hier einem autobiografischen Geständnis oder gehen wir erneut einer Künstlerin auf den Leim, für die das Spiel mit ihrem eigenen Mythos von Beginn an das Motto war?

So oder so etabliert jener Song thematisch ein Leitmotiv des Albums: Die Beschwernisse des Erfolgs und der daraus resultierende Wunsch nach Landflucht. "I come from a small town, how about you? / I only mention it 'cause I'm ready to leave L.A.", heißt es in "Let me love you like a woman", einer auf ihren Prototypen heruntergebrochenen Lana-Del-Rey-Ballade. Der Country-Walzer "Wild at heart", der darüber hinaus mit dem am weitesten gespannten Refrain der Platte aufwartet, liebäugelt mit einem Rückzug nach Arkansas, weil am Ende des kalifornischen Ruhms nur Unheil wartet: "The cameras have flashes / They cause the car crashes." Im Country-Club des Titeltracks fühlt sich Del Rey mit Glitzermaske und in Gesellschaft ihrer Freundinnen jedoch wieder pudelwohl – nicht einmal die Chemtrails stören das Idyll, sind sie doch längst zum traurigen Ikon einer neuen amerikanischen Verwirrung geworden. Doch auch hier schlummert Aufbegehren unter der Oberfläche, wenn das Schlagzeug zum Ende hin an Fahrt aufnimmt und sich die Frauen im dazugehörigen Video in Werwölfe verwandeln.

Vereinzelt gibt es auch an anderen Stellen solche Bruchmomente. "Tulsa Jesus freak" nutzt einen verkappten Trap-Beat und minimalstes Autotune, um einen Bibelprediger ins Bett zu bekommen. "Dark but just a game" lässt dramatischen TripHop auf liebliche Beatles-Passagen prallen, bis ein ganz eigenes, wundervolles Ganzes entsteht. Doch auf dem Großteil der Platte regiert akustischer, aufs Nötigste reduzierter Wohlklang. Die Streicher, die etwa auf "Honeymoon" noch die große Geste auffuhren, zittern in "Not all who wander are lost" kaum vernehmbar im Hintergrund. Mit leisen Bongos und leichtem Latin-Einschlag in der Gitarre dringt "Yosemite" am tiefsten unter die Haut, das wohl zärtlichste Liebeslied, das die 35-Jährige bisher verfasst hat. In der nackten Umgebung von Jack Antonoffs flüchtigen, aber detailreichen Arrangements entwickeln ihre Melodien und Stimme eine emotionale Unmittelbarkeit, die man auf voller Albumlänge noch nicht von ihr gehört hat. In diesem Sinne ist "Chemtrails over the country club" schlicht ein bewegendes Folk-Pop-Werk geworden, welches das ganze Hickhack um den Kult der Lana Del Rey eigentlich obsolet machen sollte.

Und doch fühlt man sich immer wieder dazu hingezogen, weil sie es selbst auch nicht lassen kann. Im Nikki-Lane-Duett "Breaking up slowly" spielt sie die Rolle von Country-Legende Tammy Wynette, um deren destruktive Beziehung zu George Jones zu verarbeiten. Das späte Highlight "Dance till we die" bietet nicht nur ein paar speckige Bläser und eine völlig aus dem Nichts kommende Heartland-Rock-Bridge, sondern setzt sich selbst in häusliche Nähe zu den großen Vorbildern: "I'm covering Joni and I'm dancing with Joan / Stevie's calling on the telephone." Ist sie da wieder, die Hybris? Vielleicht. Doch wenn Del Rey mit der finalen Mitchell-Interpretation "For free" ihren Worten Taten folgen lässt, tut sie das höchst geschmack- und respektvoll. Jenes Cover trägt zudem seinen eigenen doppelten Boden, spiegelt es ein letztes Mal das Hauptthema des Albums: Der von Mitchell für seine Ungezwungenheit bewunderte Straßenmusiker ist auch nichts anderes als die verklärte Kellnerin aus "White dress". Am Ende von "Chemtrails over the country club" haben wir wieder einiges über Lana Del Rey erfahren. Was davon "echt" ist, stellt weiterhin eine Frage dar, bei deren Beantwortung man nur verlieren kann.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • White dress
  • Dark but just a game
  • Yosemite
  • Dance till we die

Tracklist

  1. White dress
  2. Chemtrails over the country club
  3. Tulsa Jesus freak
  4. Let me love you like a woman
  5. Wild at heart
  6. Dark but just a game
  7. Not all who wander are lost
  8. Yosemite
  9. Breaking up slowly (feat. Nikki Lane)
  10. Dance till we die
  11. For free (feat. Zella Day & Weyes Blood)

Gesamtspielzeit: 45:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Rote Arme Fraktion

Postings: 3383

Registriert seit 13.06.2013

2021-03-29 21:38:54 Uhr
https://www.offiziellecharts.de/charts/album

In UK sogar direkt auf Platz 1 eingestiegen

Rote Arme Fraktion

Postings: 3383

Registriert seit 13.06.2013

2021-03-29 18:08:20 Uhr
Yep, ruhig aber mit einer intensiven Atmosphäre.

Francois

Postings: 82

Registriert seit 26.11.2019

2021-03-29 17:12:35 Uhr
Album wächst und wächst.
Dark but just a Game... hach.
Yosemite ebenfalls wundervoll neben den ganzen Singles...

Hätte nicht gedacht, dass so kurz nach NFR was so gutes nachkommt...

kingsuede

Postings: 2050

Registriert seit 15.05.2013

2021-03-25 21:41:10 Uhr
Hier auch auf Vinyl. Hatte ich vorher gar nicht mehr so richtig auf dem Schirm.

Kojiro

Postings: 480

Registriert seit 26.12.2018

2021-03-25 19:17:59 Uhr
Ich mag's sehr. Daher heute auf Vinyl geordert.

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