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Justin Bieber - Justice

Justin Bieber- Justice

Def Jam / Universal
VÖ: 19.03.2021

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Schliebedisch

Oh, wird es bei Justin Bieber jetzt politisch? Noch bevor der erste Song seines sechsten Albums "Justice" startet, dröhnt die Stimme von Martin Luther King Jr. aus den Boxen: "Injustice anywhere is a threat to justice everywhere!" Damit nicht genug: Die Rede, aus der das Zitat stammt, ist wenig später in einer eigenen "MLK interlude" erweitert im Original enthalten. Und während der Albumtitel zwar in der alles- und nichtssagenden Ein-Wort-Tradition von "Believe", "Purpose" und "Changes" steht, möchte man doch fast glauben, Bieber hätte einen Kommentar zum Zeitgeschehen und der sozialen Ungleichbehandlung abzugeben. Doch "Justice" zeigt stattdessen nur, wie weit sich der Kanadier und Wahl-Kalifornier offenbar von der Realität verabschiedet hat. Die Songs beschäftigen sich vor allem damit, wie toll das Eheleben mit Hailey Baldwin Bieber ist – lyrisch also ein "Changes part two". Gesellschaftliche Missstände? Dafür muss das hingeklatschte King-Sample reichen, das wird schon irgendwas aussagen. Es ist zum Fremdschämen.

Nimmt man den unschönen Logo-Klau der entsprechend benamten französischen Elektroband auf dem sensationell hässlichen Artwork hinzu, ist das Urteil von "Justice" quasi bereits besiegelt. Wie auch schon "Changes" ist diese Platte aber zumindest musikalisch unterm Strich besser, als man sie aufgrund des ganzen Brimboriums finden möchte. Der R'n'Bieber vom vorigen Jahr wird zugunsten von klassischem Pop wieder etwas zurückgefahren. Das ergibt eine wilde, heterogene Mischung, die zwischendrin halb erfolgreich für ein paar Tracks mit EDM flirtet und mit "Peaches" wiederum eine leichtgewichtige HipHop-Bruchladung bietet. Wenn Bieber dort im Refrain "That's that shit" und "Bad-ass bitch" einwirft, ergibt das keinen Sinn, was zumindest zum Rest des zerfahrenen Albums passt. Besser sind die Randstücke der Platte. Der reduzierte Closer "Lonely" gibt sogar das Gefühl, wenigstens einmal echte Gefühle ohne Plattitüden zu hören: "What if you had it all / But nobody to call? / Maybe then you'd know / 'Cause I've had everything / But no one's listening / And that's just fucking lonely."

Auch das sphärische und ebenso aufs Wesentliche beschränkte "2 much" gibt zu Beginn Hoffnung, dass hier mehr zu holen ist. "I say 'I love you' under my breath / More times than you can digest", singt Bieber und man möchte ihm glatt zur Selbstironie gratulieren, wenn man nicht wüsste, wie unfassbar ernst ihm das hier alles ist. Es ist noch nicht klar, wann ihm die peinlichen Formulierungen ausgehen, in denen er seine Liebe bezeugt. Ob pathetische Geständnisse wie "If I can't be close to you / I'll settle for the ghost of you / I miss you more than life", schlechte Wortspiele der Marke "Showed you the door, you adored me anyway" oder einfach Unsinn à la "I will love you different just the way you are": "Justice" liefert einen textlichen Tiefschlag nach dem anderen. Da passt der gastierende Chance The Rapper gut rein – der liebt seine Frau nämlich auch wirklich doll und kann mit Bieber zusammen zu allem Überfluss noch ein Hohelied auf den Glauben singen. "Holy"? Eher "Holy shit". Wenn Chance Schwachsinn wie "When they get messy, go lefty like Lionel Messi" auffährt, gibt es zumindest lyrisch ein Null-zu-null-Unentschieden, allerdings gefallen die Gospel-Elemente im Refrain doch zu sehr, um den Song zu verdammen.

Weitere Features von Burna Boy, Khalid oder The Kid Laroi pflastern den Weg, niemand hinterlässt aber einen wirklich bleibenden Eindruck. Das tanzbare "Deserve you" und das Grande Finale von "Anyone" punkten immerhin noch und generell nervt hier nichts so wie das unsägliche "Yummy" vom Vorgänger. Leider wünscht man Bieber in fast jedem Song mal Unterstützung bei den Texten an die Hand – zumindest ist davon auszugehen, dass für "Justice" in dieser Hinsicht keiner zur Hilfe gekommen ist. Für Lyrics wie "Under cover, ain't no rubbers / On this planet, I'll treat you like a mother / Let's make babies" würde doch niemand bei klarem Verstand auch nur einen Cent bezahlen. Für "Justice" an sich im Übrigen auch nicht. Bieber macht weiterhin gefälligen Pop mit schlechten Texten. Und scheint sich mit fehlgeleiteten Versuchen, neben Liebe und Gott auch noch Politik auf seinen Alben zu verquirlen, mehr und mehr im eigenen Schneckenhaus zu verirren.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • 2 much
  • Deserve you
  • Lonely (with Benny Blanco)

Tracklist

  1. 2 much
  2. Deserve you
  3. As I am (feat. Khalid)
  4. Off my face
  5. Holy (feat. Chance The Rapper)
  6. Unstable (feat. The Kid Laroi)
  7. MLK interlude
  8. Die for you (feat. Dominic Fike)
  9. Hold on
  10. Somebody
  11. Ghost
  12. Peaches (feat. Daniel Caesar & Giveon)
  13. Love you different (feat. Beam)
  14. Loved by you (feat. Burna Boy)
  15. Anyone
  16. Lonely (with Benny Blanco)

Gesamtspielzeit: 45:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Max der Musikliebhaber

Postings: 40

Registriert seit 13.07.2018

2021-03-30 22:31:10 Uhr
Ist ja schon mal löblich, dass das Album nicht "Justince" oder "Justi(n)ce" heißt. ;)

oldschool

Postings: 244

Registriert seit 27.04.2015

2021-03-27 08:33:22 Uhr
Wann erfolgt die Besprechung für die zusätzlichen 6 songs? Da muss was kommen, bei der Biebermania die Armin seit Jahren hier veranstaltet ;D

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6860

Registriert seit 26.02.2016

2021-03-26 21:50:30 Uhr - Newsbeitrag
Es gibt seit heute auch eine Deluxe Edition mit 6 weiteren Songs:

Thanksalot

Postings: 428

Registriert seit 28.06.2013

2021-03-26 20:54:04 Uhr
"Under cover, ain't no rubbers / On this planet, I'll treat you like a mother / Let's make babies": Da musste ich tatsächlich laut auflachen. Danke dafür!

Francois

Postings: 84

Registriert seit 26.11.2019

2021-03-26 07:33:04 Uhr
Gute Kritik.
Die ausgewählten Textpassagen sorgen für eine lang anhaltende Gänsehaut...
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