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Tune-Yards - Sketchy

Tune-Yards- Sketchy

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 26.03.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Im Zweifel für den Widerspruch

Der HipHop hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Geboren als Sprachrohr der marginalisierten schwarzen Bevölkerung, fand er sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt in den Art-Pop-Basteleien weißer Indie-Bohemiens wieder. Es ist Merrill Garbus hoch anzurechnen, dass sie ihre künstlerische Praxis im Zuge von "I can feel you creep into my private life" hinterfragte. Sofern man so respektvoll und bewusst mit den Einflüssen aus anderen Kulturen umgeht, ist freilich nicht jeder Stilbruch gleich eine verwerfliche Form der Aneignung – zumal sich die US-Amerikanerin spätestens mit ihrem Filmscore für Boots Rileys kapitalismus- wie rassismuskritisches Wahnsinnsmanifest "Sorry to bother you" vielsagend positioniert hat. Die Selbstreflexion hat Tune-Yards, Garbus' inzwischen zum Duo gewachsenes Solo-Projekt, darüber hinaus auch musikalisch weitergebracht, wartet es seit jenem vierten Studioalbum mit einer nicht nur am unstilisierten Bandnamen erkennbaren Reife auf.

Seinem Titel zum Trotz setzt "Sketchy" diesen Weg nicht nur fort, sondern hat sich dort schon längst häuslich eingerichtet. Garbus und Nate Brenner verbrachten dieses Mal viel Zeit zum Jammen im Studio, um mit echten Drums und erdigen Basslinien ihren Songs so satte und kräftige Fundamente wie nie zu kloppen. Der Opener "Nowhere, man" rumpelt schon fast Boom-Bap-mäßig vor sich her, während die sechssaitigen Kreissägen an der rhythmischen Standfestigkeit einfach abprallen. Die Freak-Folk-Ausbrüche von früher bleiben im Sack, die Strukturen nachvollziehbar und die Nerven der für Deerhoof'schen Fragment-Pop unempfänglichen Ohren weitgehend geschont. Garbus' Texte haben den politischen Ernst des Vorgängers nicht verloren, leiten ihre gesellschaftlichen Wahrheiten jedoch aus einer verstärkt eingenommenen Innenperspektive ab. Kurz: Tune-Yards sind endgültig erwachsen geworden.

Das ist freilich relativ zu verstehen, schließlich haben Garbus und Brenner ihren Geräusch-Keller bloß entrümpelt und keineswegs zugeschüttet. Zerfranste Beats bremsen den Bläser-sanierten Groove von "Make it right" immer wieder aus, bis sich kurz darauf "Homewrecker" einen nachlässig geölten Blechmann-Blues zusammenklappert, der nach zwei Minuten am Klavier verschnaufen muss. Solchen zwischen Afro-Disco und Ausdruckstanz pendelnden Bewegungsbiestern steht allerdings auch ein Stück wie "Hold yourself" gegenüber – eine perkussiv-soulige Halbballade, die Garbus' Stimmgewalt viel Platz lässt, um aus Sicht einer enttäuschten Tochter die Elterngeneration anzuklagen: "They held us close and dear / And told us lies that they've been telling themselves for years / They'll suffocate me." Ohne in didaktischen Aktivismus zu kippen, steht am Ende die nüchterne Erkenntnis, dass niemand anderes als man selbst für die eigene Zukunft verantwortlich ist. Die Hyperironie eines "Whokill"-Synapsenkitzlers wie "Gangsta" verblasst immer mehr im Rückspiegel.

Und doch zeichnet "Sketchy" vor allem eine Wärme aus, die der Vorgänger-Platte – sicher auch deren inzwischen wieder verworfenen Techno-Ansätzen geschuldet – noch abging. "I love you honey", skandiert die 42-Jährige im zuckerwattigen Harmonie-Hit "Hypnotized", den Dirty Projectors auch nicht besser hinbekommen hätten. Selbst ein abstrakterer Track wie das zweigeteilte "Silence" stellt seinem Club-Piano ganz schnell einen organisch betriebenen Rhythmus-Motor entgegen. Die Selbstzweifel sind nicht gegessen, doch Garbus packt sie hier mit optimistischem Veränderungswillen an. "Be not afraid" fordert folgerichtig der Closer, der verzerrte Bass-Abgründe mit empowernden Chor-Passagen abwechselt. Widersprüche auszuhalten, macht weiterhin selten so viel Laune wie bei den gleichzeitig bunten wie intelligenten Pop-Turnübungen von Tune-Yards.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Nowhere, man
  • Hypnotized
  • Hold yourself

Tracklist

  1. Nowhere, man
  2. Make it right
  3. Hypnotized
  4. Homewrecker
  5. Silence pt. 1 (When we say "we")
  6. Silence pt. 2 (Who is "we"?)
  7. Hold yourself
  8. Sometime
  9. Under your lip
  10. My neighbor
  11. Be not afraid

Gesamtspielzeit: 37:01 min.

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User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6829

Registriert seit 26.02.2016

2021-03-26 21:56:12 Uhr - Newsbeitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19691

Registriert seit 08.01.2012

2021-03-24 22:04:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Dasc

Postings: 92

Registriert seit 14.06.2013

2021-01-28 10:14:32 Uhr
Hallo,

Tune-Yards haben gestern einen neuen Song ("hold yourself.") gestreamt, zusammen mit einer Albumankündigung.

Hier ein Link zum Youtube Video, weil ich jetzt gelernt hab wie das in HTML geht.

Ich muss sagen, das Stück hat mir sehr gut gefallen, nachdem die erste Single-Veröffentlichung letztes Jahr ("nowhere, man": Link zum Video) zwar nicht schlecht, aber noch nicht so ganz meins war. Aber "hold yourself." baut sich über seine knapp 5 Minuten sehr schön auf und bei das abschließende Blasinstrument-Gewitter hat mich ein bisschen an "The National Anthem" von Radiohead erinnert (vermutlich der Teil meiner Nachricht, der die heftigsten Reaktionen kreieren wird ...).

Das Album "sketchy." soll am 26. März kommen:

01 nowhere, man
02 make it right.
03 hypnotized
04 homewrecker
05 silence pt. 1 (when we say “we”)
06 silence pt. 2 (who is “we”?)
07 hold yourself.
08 sometime
09 under your lip
10 my neighbor
11 be not afraid.
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