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Kali Masi - [Laughs]

Kali Masi- [Laughs]

Homebound / Membran
VÖ: 26.03.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Frischluftkur

Es kommt, hoffentlich, nicht allzu oft vor, kann sich aber doch ganz plötzlich manifestieren und ist wirklich niemandem auch nur im Ansatz zu wünchen: das Musikvakuum. Da steht man eine gefühlte Ewigkeit unschlüssig, bewegungslos und letzten Endes unglücklich vor der eigenen Plattensammlung, ohne wirklich zu wissen, was man jetzt eigentlich auflegen möchte. Da geistert man stundenlang durch die Untiefen von Spotify, um vielleicht mal einen neuen Impuls zu bekommen, um endlich mal den eigenen Horizont zu erweitern, stellt am Ende der Nacht aber nur frustriert fest, dass einen dieser Drecksalgorithmus nur einmal an der Nase im Kreis geführt hat und drückt doch wieder genau dort auf "Play", wo man es dem eigenen Empfinden nach schon viel zu oft getan hat.

Hölle, man schreckt nicht einmal mehr davor zurück, die ganze vermeintliche Mainstream-Pop-Chose anzutesten. Aber Taylor Swift ist halt auch keine Lösung. Und dann hört man ohne große Hoffnung und Muse in den laut Promomail "erfrischenden Indie-(Punk)-Rock" von Kali Masi rein und weiß mit einem Moment, dass man die ganze Zeit schon richtig gestanden hat, dass die unerklärliche und genau deshalb so innige Liebe zum eigenen Haus- und Hof-Genre Punkrock kein Stück von der Leidenschaft verloren hat, mit der man vor mittlerweile Jahrzehnten erstmals diesen ominösen Powerchord – im Falle des Rezensenten war es übrigens ganz konkret ein Tape für die Fahrt in den Urlaub, das auf einer Seite einfach mal ausschließlich Green Days schon damals längst nicht mehr aktuellen Hit "Basket case" enthielt – für sich entdeckt hat. Warum? Nun, weil zum Beispiel das vorab veröffentlichte, als Single wie gemalt wirkende "Trophy deer" sich so direkt ins Hirn fräst, dass es beim ersten Hören fast schmerzhaft sein könnte. Mit einer Melodie, die so selbstverständlich und logisch daherkommt, als ob sie schon vor hunderten von Jahren geschrieben hätte werden müssen.

Oder eben, weil der fulminante Opener "Still life" kurz heranwabert, ein paar kräftige Akkorde voranschickt und dann mit einer dieser gut durchdachten, irgendwo an den verschiedenen Emo-Spielarten geschulten Gitarrenfigur durch den Raum tänzelt, Fahrt aufnimmt und klar macht, dass Kali Masi hier nicht antreten, um eine Band unter vielen zu sein. Gut, streng genommen wusste man das schon beim Genuss des Erstlings "Wind instrument", trotzdem: Das Stück hat Ideen, Widerhaken, Verve, Melodie und vor allem Klasse. Das ist noch ein Stück ausgefeilter, das ist von Produzent Jay Maas noch ein Stück besser – und vor allem wie früher von Defeater gewohnt mit perfektem Drumsound – in Szene gesetzt. Wenn dann "Paint me jade" noch eine Schippe drauf und die Messlatte für flotte Grenzgänger zwischen Indie, Emo und Punkrock ziemlich hoch legt, fragt man sich fast unweigerlich, ob das Quartett aus Chicago sein Pulver nicht gleich zum Start verschießt.

Aber: "[Laughs]" funktioniert so gut, dass "Hurts to laugh" sogar falsche Fährten in Richtung "Ballade als dritter Song" legen kann. Und dann halt einfach unvermittelt ordentlich nach vorne geht. Über die eigenen Beine stolpernder Rhythmus inklusive. Und dann packt die Band auch noch einen Refrain aus, den man bei aller Mühe erst mal nicht mehr los werdenkann, während vor den Boxen die Erkenntnis erwächst, dass "[Laughs]" tatsächlich die ganzen Versprechen hält, die so ein Promotext für gewöhnlich zu geben pflegt. Weil Kali Masi einem längst ausformulierten und im Grunde genommen strunzlangweiligen Genre zu ungeahnten Höhepunkten verhelfen. Ganz egal, wo diese am Ende des Albums auch liegen. Ob im von der ersten Sekunde an auf ziemlich viel Dramatik getrimmten "Recurring (I)", ob im unwiderstehlichen "Long term", ob in dem großartigen Moment, in dem Sänger und Gitarrist Sam Porter in "Guilt like a gun" seine Stimme zum "It seems like nothing ever changes" erhebt: Egal! "[Laughs]" lässt Luft ins heftigste Musikvakuum strömen. Und ein besseres Album muss dieses Jahr aus dem Genre erst mal kommen.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Still life
  • Paint me jade
  • Long term
  • Trophy deer

Tracklist

  1. Still life
  2. Paint me jade
  3. Hurts to laugh
  4. Guilt like a gun
  5. Short term
  6. Long term
  7. Freer
  8. Trophy deer
  9. Recurring (I)
  10. The stray

Gesamtspielzeit: 39:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 2761

Registriert seit 13.06.2013

2021-04-05 10:50:23 Uhr
Aber es ist generell schön, dass aus der Ecke auch mal wieder bessere Sachen kommen. Ich glaube, die letzte, die mich da mal länger beschäftigt hatte (und die ich immer noch sehr mag), war die "No Coast" von Braid - und das ist ja auch schon ein paar Jahre her.

Und stimmt, die Tigers Jaw ist auch wirklich ordentlich.

Obrac

Postings: 1205

Registriert seit 13.06.2013

2021-04-02 10:01:31 Uhr
Die Kali Masi dümpelt bei mir derzeit auch eher dahin, aber da ist noch Luft nach oben, denke ich. Mich erinnern sie irgendwie an Piebald, vor allem stimmlich.
Ansonsten finde ich noch, was das grobe Genre anbelangt, die neue Tigers Jaw sehr gut. Kommen aber vielleicht eher aus der Pop-Punk-Ecke.
Die Teenage Wrist ist natürlich cool.

MasterOfDisaster69

Postings: 632

Registriert seit 19.05.2014

2021-04-01 22:40:12 Uhr
edit: einmal "wirklich" zu viel....

MasterOfDisaster69

Postings: 632

Registriert seit 19.05.2014

2021-04-01 22:38:18 Uhr
guter Punkt. Spielzeit ist wirklich nicht wirklich lange, aber die Kali Masi durchzuhoeren (10 Songs und 36 Min.) faellt schwerer als die Teenage Wrist (10 Songs und 32 Min., na eigentlich 9 Songs). Ich erkläre mir das mit den "besseren" und eingängigeren Songs von TW, aber das ist Geschmackssache.

jo

Postings: 2761

Registriert seit 13.06.2013

2021-04-01 21:29:55 Uhr
Im unteren Drittel? Typisch VISIONS-unterbewertet, was das "Genre" angeht.

Sehe die Platte schon bei ner 7/10, wobei meine Highlights sich eigentlich nur um den Opener erweitert haben. Würde ansonsten "Guilt Like a Gun" und "Trophy Deer" weit oben sehen. "Long Term" ist aber auch ganz gut.

Problem der Platte ist, dass sie trotz der recht kurzen Spielzeit ein paar Längen hat (aber besser als beim Vorgänger). Das ist bei Teenage Wrist (bei mir auch ne 7/10) besser.
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