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Nick Cave & Warren Ellis - Carnage

Nick Cave & Warren Ellis- Carnage

Goliath / Rough Trade
VÖ: 25.02.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Existenzialismus auf Balkonien

"I'm going to the river where the current rushes by." Nick Cave hatte noch nie Skrupel, dorthin zu gehen, wo es unsicher, gefährlich und potenziell tödlich ist. In seiner Frühphase war er für seine erratischen, (selbst)zerstörerischen Live-Performances berühmt und berüchtigt, beim Hauptprojekt Nick Cave & The Bad Seeds konnte man auch nie wissen, was als nächstes für Ungeheuerlichkeiten warteten. Zuletzt war die Musik getragener und synthlastiger inmitten der Verarbeitung des Todes von Caves Sohn Arthur. "Carnage", Caves jüngstes Werk mit Bandkollege Warren Ellis, ist ihr erstes Album als Duo, das kein hauptsächlich instrumentaler Soundtrack ist. Es konzentriert sich auf Caves eindringliche Lyrik, seinen theatralischen Vortrag, stützt sich neben Synthesizern auf Klavier und Streicher, fügt hier und da Chöre hinzu. Mit anderen Worten: Es hätte der Entwicklung der letzten Jahre nach auch eine Bad-Seeds-Platte sein können. Oder?

Zunächst löst sich "Carnage" aus Caves Privatschicksal, hin zu wieder mehr abstraktem, beobachtendem Songwriting. Besonders die vier Songs der ersten Hälfte taumeln wieder an höllischen Abgründen entlang, wie etwa "Old time", das in bester "Push the sky away"-Manier Ausbrüche andeutet, die Gitarre wie Zähne fletscht, aber vor allem von seiner Stimmung lebt. "Took a wrong turn somewhere / Into the old time", schmettert Cave und lässt offen, ob er sich selbst meint oder sich über wiedererstarkte Zeitzurückdreher mokiert. Der panische Chor im Opener scheint das "kingdom in the sky", welches auf dem Album als durchgängiges Motiv auftaucht, förmlich herbeirufen zu wollen – als solle die namensgebende "Hand of God" Cave aus seinem Bad im Fluss höchstpersönlich nach oben ziehen. Es ist eine kleine Gemeinheit, dass dieser in den ersten Sekunden als hübsche Ballade beginnt und sich dann kurzerhand selbst die Kehle zudrückt.

Den mörderischen Titel "Carnage" trägt ausgerechnet das sanfteste Stück der ersten Hälfte, in dem sich Cave zwischen Erinnerung und Gegenwart ausbreitet: "I'm sitting on the balcony / Reading Flannery O'Connor with a pencil and a pen." Ebenjener Balkon dient genauso als wiederkehrender Schauplatz, was den Songs eine weitere thematische Klammer gibt. Das sechsminütige "White elephant" baut zu Beginn eine grandiose Spannung auf. Wie in einem Fiebertraum werden aktuelle Ereignisse, Spritualität und Perspektiven vermischt: "A protester kneels on the neck of a statue / The statue says 'I can't breathe' / The protester says 'Now you know how it feels' / And he kicks it into the sea / [...] / I'll shoot you in the fucking face if you think of coming around here." Und dann besingt doch eine gesellige, leicht hysterische Runde nach einem abrupten Wechsel im Singalong das bereits erwähnte himmlische Königreich. Hallelujah!

Die folgenden vier Songs sind mit ihrer Melodieverliebtheit und dem Fokus auf weiten Synthflächen deutlich stärker am Sound von "Ghosteen" orientiert, als ob "White elephant" einmal die Platte sauber gewischt hätte. Auch das klaviergestützte "Albuquerque" schafft mit seiner um sich selbst kreisenden Thematik und Zeilen wie "And we won't get to Amsterdam / Or that lake in Africa, darling / And we won't get to anywhere / Anytime this year, darling" Bezug zur derzeitigen Lage, ohne gezwungen aktuell zu klingen. "Lavender fields" bringt die Streicher nach vorn und legt den Teppich für das wundervolle "Shattered ground" aus, eine der schönsten Liebeserklärungen Caves. "There's a madness in her and a madness in me / And together it forms a kind of sanity", stellt er anfangs fest, um später hinzuzufügen: "Only you are beautiful, only you are true / I don't care what they are saying / They can scream their fucking faces blue again." Zumindest das hätte Cave auf "Ghosteen" nicht so formuliert.

Mit dem Mantra "This morning is amazing and so are you" zeigt das getragene, bezeichnend betitelte "Balcony man" den Weg nach draußen. Die letzten Worte "You are languid and lovely and lazy / And what doesn't kill you just makes you crazier" hallen noch lange nach. Mit Sicherheit verfolgt "Carnage" nicht den großen Scope wie ein reguläres Album der Bad Seeds, ist trotz der wiederkehrenden Bilder mehr eine Sammlung musikalischer Ideen zwischen Cave und Ellis. Es hätte jedoch niemand mit der Wimper gezuckt, wäre dieses wirklich fabelhafte Werk unter dem Namen der Hauptband erschienen. So gab "Carnage" aber Cave vermutlich die Möglichkeit, sich neu zu konfigurieren, der letzten Bad-Seeds-Trilogie gleichzeitig einen externen Epilog und Ideen für das Vorankommen zu geben. Auch eine solche Platte wird bei diesen Ausnahmemusikern zum Meisterstück.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Old time
  • White elephant
  • Shattered ground

Tracklist

  1. Hand of God
  2. Old time
  3. Carnage
  4. White elephant
  5. Albuquerque
  6. Lavender fields
  7. Shattered ground
  8. Balcony man

Gesamtspielzeit: 40:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

darkchild1985

Postings: 25

Registriert seit 05.12.2020

2021-03-17 15:28:46 Uhr
Ein wunderbares Album. "White Elephant" ist irgendwie der Song des noch frühen Jahres für mich, trotz der leichten "Cheesiness".

oldschool

Postings: 242

Registriert seit 27.04.2015

2021-03-13 09:23:05 Uhr
Was genau macht mittlerweile ein Bad-Seeds Album aus? Ist es nicht gerade diese Wandlungsfähigkeit und dass man nie weiß, was man bekommt? War Ghosteen mit seiner sehr reduzierten Instrumentierung nicht schon ein ungewöhnliches Album für so eine vielköpfige Band? Wer hätte nach "Murder Ballads" mit einem "Boatmans Call" gerechnet? Oder mit einem Album wie "Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus"?
Mag sein, dass im Jahre 2021 ein Grinderman-Album unter dem Namen "Nick Cave an the Bad seeds" etwas befremdlich wirken würde. Wäre Carnage unter diesem Namen veröffentlicht worden, hättenbei mir die Alarmglocken nicht geklingelt.

Vai

Postings: 47

Registriert seit 12.03.2021

2021-03-13 00:14:18 Uhr
Muss ja nicht. Auf jeden Fall kann man sagen: Künstlerisch vermag Nick Cave noch aus jedem Verlust Gewinn zu schlagen. Das ist das außermoralische Geschäft der Dichter.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6829

Registriert seit 26.02.2016

2021-03-12 23:50:15 Uhr
Okay, das kann ich so nicht nachvollziehen.

Vai

Postings: 47

Registriert seit 12.03.2021

2021-03-12 23:34:41 Uhr
Ich spüre Müdigkeit, mehrdimensional: Mitleidsmüdigkeit, Gebermüdigkeit, Gutwilligkeitsmüdigkeit, Solidaritätsmüdigkeit. "Gerade die letzten drei Alben der Bad Seeds drückten schwer auf die Lider".
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