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Bell Orchestre - House music

Bell Orchestre- House music

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 19.03.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Vital-Funktionen

Sarah Neufeld und Richard Reed Parry wissen Bescheid über die große Pop-Geste. Mit Arcade Fire bespielen sie die größten Bühnen der Welt und hatten Anteil an so mancher perfekt bis ins Detail ausformulierten Indie-Großtat. Doch sind die beiden Vollblut-Musiker genug, um auch Bedürfnisse abseits des glitzernden Rampenlichts zu haben. Einfach mal etwas laufen lassen, intuitiv und improvisiert, ohne das Ganze auf einen publikumswirksamen Effekt abzutasten. Gut, dass es da Zweit- und Dritt-Bands gibt. Ein solches Projekt ist Bell Orchestre, nach zehn Jahren Pause reaktiviert. Dieses bildete bisher grob den Post-Rock in seinen ausgefalleneren Spielarten ab, ließ viel Beinfreiheit für schräge Ideen. Das neueste Werk "House music" ist nun das Ergebnis weitschweifiger Improvisations-Sessions, es wurde wenig geredet, dafür viel gespielt, und das Verblüffende dabei ist, wie flüssig und stringent die instrumentalen Stücke ausfallen.

Vielleicht sollte man erst einmal einen Blick auf das Gerüst der Stücke lenken. Die Percussion-Arbeit ist nämlich sehr dringlich und vital, wie ein instinktiver Fiebertraum mit klarer, aber verspielter Ausrichtung. Schlagzeuger Stefan Schneider legt eine sehr energetische Basis aus, mit großer Kraft schieben die Rhythmen voran. Dass es da mal etwas gedämpfter zugeht, ist die Ausnahme, so im jazzigen "VI: All the time" oder beim Auftakt zu "II: House". Aber auch im Verlauf letzteren Stückes baut sich ein rhythmischer Druck auf, die Anspannung wächst. Besonders wird diese Gangart im Zusammenspiel mit Bläsern und Streichern.

Diese untermauern nämlich nicht blind die energetische Ausrichtung, sondern sorgen oft durch langgezogene Melodieflächen für Weite. Natürlich, das Stakkato der Violoine in "III: Dark steel" spannt die Nerven an, aber es gibt eben auch den gemächlich inszenierten Sonnenuntergang durch die Bläser-Sektion. Ein Wechselspiel aus meditativen Klanglinien und fast aufgeputschter Schlagzeug-Arbeit, in dieser Kombination findet dieses Album seine besondere Prägung. Durch den Jam-Charakter der Sessions hat man dabei immer das Gefühl, in einen halbbewussten Gedankenfluss zu gleiten. Nichts wirkt verkopft, die Kompositionen haben einen sehr direkten Ansatz.

Dadurch entsteht in "IV: What you're thinking" ein fiebriger Pirouetten-Wirbel, Bläser und Streicher ziehen engmaschige Schleifen um die treibenden Percussions, und doch kehrt hier so etwas wie meditative Milde ein, die Melodien fassen einen weiteren Fokus. Reizvoll ist auch die Kombination aus westafrikanischer Rhythmik und mitteleuropäischer Streicher-Noblesse in "VII: Colour fields", welches letztendlich mit gerichteten Beats seine Auflösung eher im gängigen Rock-Pop-Format findet. "VII: Making time" hingegen treibt das Spiel mit der Intuition, dem Ungekünstelten auf die Spitze. Wie ein ganz basaler Trieb graben sich die Percussions durch das Stück, begleitet von milden Flöten-Tönen. Nicht nur an dieser Stelle hat man das Gefühl, Bell Orchestre hätten ihre Vital-Funktionen in Musik übersetzt, angereichert mit einen wunderbaren, melodischen Narrativ.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • II: House
  • IV: What you're thinking
  • VII: Making time

Tracklist

  1. I: Opening
  2. II: House
  3. III: Dark steel
  4. IV: What you're thinking
  5. V: Movement
  6. VI: All the time
  7. VII: Colour fields
  8. VIII: Making time
  9. IX: Nature that's it that's all
  10. X: Closing

Gesamtspielzeit: 43:45 min.

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Armin

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2021-03-10 20:39:23 Uhr - Newsbeitrag
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