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Ad Nauseam - Imperative imperceptible impulse

Ad Nauseam- Imperative imperceptible impulse

Avantgarde
VÖ: 12.02.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Kataklysmustheorie

Als Ad Nauseam mit "Nihil quam vacuitas ordinatum est" 2015 auf der Bildfläche erschienen, sorgte das im extremen Metal-Untergrund für Euphorie, aber auch für Diskussionen. Was die Italiener auf ihrem Debüt zelebrierten, war kompromissloses, gegen den Strich gebürstetes Death-Metal-Geschredder und -Geballer. Ein stolpernder Polyrhythmus folgte dem nächsten, eine dissonante Riffwalze nach der anderen ging auf einen nieder. Diese technisch hochversierte Aneinanderreihung von brutalem, rastlosen Tempo, melodischer Haltlosigkeit und Disharmonie verlangte den Hörer*innen einiges ab. Traditionalisten konnten mit der Zerstörungswut wenig anfangen und warfen der Band zielloses Songwriting vor, passionierte Tech-Death-Nerds diagnostizierten wiederum reines Epigonentum: 80 Prozent Gorguts' "Obscura" und 20 Prozent Ulcerates "Everything is fire" seien da drin. Letzterer Vorwurf ist nicht so leicht von der Hand zu weisen, was jedoch nichts über die Qualität des Songwritings aussagt. Originalität ist und bleibt eine überschätzte Kategorie. Viel spannender ist die Frage, ob eine Band es schafft, aus ihren Referenzen etwas zu machen, das nicht nur eigenständig, sondern auch einnehmend und überzeugend ist. Unter diesen Vorzeichen muss man Ad Nauseams neues Album "Imperative imperceptible impulse" als Riesenerfolg werten.

"Sub specie aeternitatis" lässt von der ersten Sekunde an die volle Gewalt auf die Hörer*innen los. Ein mal strauchelndes, dann aber wieder rasendes progressives Brett von einem Death-Metal-Song. Die Gitarrenlinien mäandern und variieren ihre destruktive Wucht von Takt zu Takt. Ein entscheidendes Stilmittel führen Ad Nauseam hier ebenfalls ein: eine Art räumliche Stereo-Dissonanz. Der rechte und linke Soundkanal reiben sich aneinander wie zwei Entitäten, die miteinander kämpfen, dabei aber immer asymmetrisch aufeinander abgestimmt sind. Wenn dann auf einmal gegen Ende die Stereofonie zentriert wird und ein Ligeti-artiger Monolith disharmonisch emporragt, hat das einen Effekt, welcher der Intro-Sequenz aus Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" nicht unähnlich ist. Doch erweist sich dieser tonale Aufstieg als Mogelpackung, denn er führt unmittelbar in das abgründige "Inexorably ousted sente", das mit einem brutalen Riffmonster nach dem anderen aufwartet und noch gnadenloser auf einen eindrischt.

Wenn man sich gerade an die stotternde, prügelnde, kreischende Bestie von Album gewöhnt zu haben meint, widersetzt sich die Band schon wieder den Hörerwartungen. So führen ausgedehnte Ambient-Passagen von einem Stück ins andere. Das Intro von "Coincidentia oppositorum" hält sich zunächst zurück, der Track baut sich auch mit Einsetzen der Drums nur langsam auf und suggeriert, dass man dem Songwriting folgen könnte, bevor es wieder in bodenlose Raserei kippt. Immer wieder hält die Band inne, nur um das Tempo zu wechseln und mit noch mehr Aggression alles Lebendige auf ihrem Weg wegzuschreddern. Das vielleicht kohärenteste und emotional packendste Motiv zieht sich durch den Titeltrack, in dem sich wiederholt eine Gitarrenlinie auf- und abschlängelt, sich wie eine krepierende Python in Todessehnsucht selbst verschlingt. "Horror vacui" ändert die Geschwindigkeit zwischenzeitlich in glaziale Sludge-Heaviness, bändigt die Eruptionen mit erstickender Schwere. Mit dem Platzen des Vakuums entwächst eine mutierte Hydra, die noch unbesiegbarer ihren Siegeszug der Zerstörung fortsetzt. Der Closer "Human interface to no god" bricht kurz vor Ende mit dem gesamten etablierten Soundkosmos. Die klangliche Katyklusmustheorie findet ihr Ende. Entlassen wird man mit einem unterkühlten Dark-Jazz-Part, der uns wohl zeigen soll, wie die Welt nach unserem Ende aussehen könnte.

"Imperative imperceptible impulse" untermauert die Ausnahmestellung der Italiener im Genre: Ihre gnadenlose Vision von Death Metal reichern sie mit kompositorischen und instrumentalen Kniffen aus der Avantgarde-Zauberkiste an, die gängige Stimmungen, Rhythmen und Harmonien weit hinter sich lassen. Sie kreieren Anti-Melodien aus schleifender Dissonanz wie sonst keine Band momentan, nutzen dabei räumliche Produktion als eigenständiges Gestaltungsmittel. Dass die atonalen Riffs, manche Phrasen dennoch geradezu catchy sind, dass man immer wieder ins Headbangen verfällt, obwohl man nicht einmal im Ansatz versteht, was gerade abgeht, ist der Triumph dieses eigenartigen, verstörenden, faszinierenden Albums. Ad Nauseam sprechen eine eigene Sprache, die wir vielleicht nicht verstehen, wohl aber fühlen können. Eine so akkurate Darstellung der Apokalypse gab es lange nicht mehr zu hören.

(Benedikt Stamm)

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Highlights

  • Imperative imperceptible impulse
  • Human interface to no god

Tracklist

  1. Sub specie aeternitatis
  2. Inexorably ousted sente
  3. Coincidentia oppositorum
  4. Imperative imperceptible impulse
  5. Horror vacui
  6. Human interface to no god

Gesamtspielzeit: 57:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19691

Registriert seit 08.01.2012

2021-03-04 19:49:14 Uhr
Die Rezension ist übrigens von Benedikt Stamm, das stand falsch unterm Text.

Clown_im_OP

Postings: 374

Registriert seit 13.06.2013

2021-03-04 17:40:19 Uhr
Schon bestialisch gut, da verwundern auch die Höchstwertungen nicht, die das Album auf einschlägigen Seiten kassiert. Das letzte Mal war ich von so Tech-Zeug bei der letzten Vektor so beeindruckt, das Ding hier ist aber halt viel emotionaler und roher (abgesehen davon, dass das Subgenre ein anderes ist).

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1582

Registriert seit 04.12.2015

2021-03-04 17:25:56 Uhr
Eins der wenigen Jahreshighlights bisher!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19691

Registriert seit 08.01.2012

2021-03-03 23:01:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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