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Black Dresses - Forever in your heart

Black Dresses- Forever in your heart

Bandcamp
VÖ: 14.02.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schrödingers Noisepop

Labels stoßen nicht immer auf Gegenliebe – schon gar nicht, wenn es um Musik geht. Im kanadischen Toronto vertonen zwei Künstlerinnen in bester DIY-Manier ihre Lebenswirklichkeit zwischen Trans-Erfahrung, Depression, Sinnsuche und schamlosem Abgesang auf die sie stets ausgrenzende Gesellschaft mit den brachialsten Mitteln, die ihnen in den heimischen vier Wänden zur Verfügung stehen. Devi McCallion und Ada Rook setzen aus Versatzstücken von Industrial, Screamo-Einlagen, fiesem Glitch sowie Metal- und Crossover-Elementen einen böse zerrissenen Noise-Hybriden zusammen, der mitunter haarscharf an den Grenzen dessen herumirrt, was gemeinhin noch als Musik verstanden wird. Digital-Hardcore-Veteranen wie Atari Teenage Riot sind die musikalischen Geschwister im Geiste – lyrisch jedoch gibt es nicht viel Vergleichbares da draußen, dermaßen zynisch und rücksichtslos kehren die Vortragenden ihr Innerstes auf "Forever in your heart" nach außen. Dennoch: Aus all dem Schmutz soll etwas Schönes entstehen, selbst wenn die Hoffnung zwar überall gesucht, aber nirgends gefunden wird. "Can we build something beautiful without hope?", fragen Black Dresses bereits im hitverdächtigen Opener "Peacesign!!!!!!!!!!!!!!!!!". Und ob sie können.

Das Duo zelebriert oft nichts weniger als den blanken Nihilismus und klingt dabei so, als hätte man den jugendlich-wilden Trent Reznor mit ein paar japanischen Idol-Girls in den Zwinger gesperrt. Elektronisch verfremdete Bubblegum-Hooks wie im Quasi-Titeltrack "Heaven" oder "Gone in an instant" zeigen das ganz besonders. Die Sängerinnen – deren Parts sich in den meisten Songs abwechseln und nicht selten im Dialog zueinander stehen – leiden, wüten, winden sich im Elend und müssen sich zwischendurch gar zaghaft erkundigen, ob die jeweils andere noch okay ist oder vor lauter Blutkotzen eine Pause braucht. Ob der Hörer vielleicht mittlerweile schon längst ausgestiegen ist, ist nicht so wichtig, denn "I don't give a shit if it doesn't work / I tried a lot of things and none of them worked". "Zero ultra" lässt gar entfernt an den Duktus einer PJ Harvey denken – wenn sie von einem Dämon besessen wäre, der in einem verhexten Synthesizer haust, versteht sich. In all dem Geballer aber bewahren sich Black Dresses stets ihren Homerecording-Charme und die konsequente Lo-Fi-Ästhetik beziehungsweise Nicht-Ästhetik – was aber durch das Artwork, das direkt aus Anime-Obskuritäten à la "Angel's egg" entsprungen zu sein scheint, aufgefangen wird.

Das mit fast fünf Minuten schon beinahe epische "Understanding" stellt ganz andere Fragen außerhalb des Individuums: Was kann ein Publikum von seinen Künstlern erwarten, und welche Ansprüche darf es an diese noch rechtmäßig stellen? "The pain I write about / So I don't fucking die / Interpreted as everything / I've got to offer in this life / Fuck no!" Nicht zuletzt Meta-Texte wie diese arbeiten das schwierige Verhältnis der Band zu ihren Fans auf, deren Übergriffigkeiten, ausgehend von Online-Plattformen wie TikTok, zum Ende von Black Dresses geführt haben. Denn eigentlich sind die längst aufgelöst, wie die Band 2020 hat verlauten lassen – was sie aber nicht davon abhält, ihrer aufgestauten Wut weiterhin ein musikalisches Ventil zu verpassen. Und Subtilität kommt dabei nicht in Frage: Auf "Forever in your heart" ist die oft angerissene Suche nach Gott zwecklos, gebrochen wurden die Musikerinnen schon im Kindesalter, und jetzt können sie sich bloß noch als seelenlose Stücke Fleisch inszenieren, die sich dem Schmerz hingeben, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Diesen abgründigen Brocken muss man erstmal verdauen – vor allem, weil er ernst gemeint ist.

Luftholer wie die minimalistische Synthie-Spielerei "Mistake" oder das semi-improvisierte, ohrenscheinlich schnell in die nächstbeste Smartphone-Recording-App reingesungene "Tiny ball" zeugen hingegen eher vom kruden Humor der Künstlerinnen, als dass sie die fortwährende Apokalypse auf "Forever in your heart" ernsthaft auflockern könnten. Denn es regieren Anarchie und Gewalt, wenn "Waiting42moro" nicht gerade einen shoegazigen Eindruck von Normalität erwecken will, Augenzwinkern inklusive. Dass das anschmiegsame "(Can't) keep it together" dann so etwas Ähnliches wie ein quietschendes Gitarrensolo genau ans Ende des Albums stellt, passt da nur ins Bild. Die rohe Energie dieser Platte und die Kreativität ihrer Urheberinnen sind kaum zu bändigen. Inwiefern das Katharsis verspricht oder einfach nur für einen Riesenspaß bei Freunden extremerer Musik sorgt, ist vermutlich von der jeweiligen Hörerschaft und deren Tagesform abhängig – gute Gründe, von "Forever in your heart" die hauseigenen Boxen ruinieren zu lassen, sind es beide. Da ist es zweitrangig, ob Black Dresses noch eine reale Band sind oder nicht: Sie existieren, und die ganze Welt soll es wissen.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Peacesign!!!!!!!!!!!!!!!!!
  • Heaven
  • We'll figure it out
  • Understanding
  • (Can't) keep it together

Tracklist

  1. Peacesign!!!!!!!!!!!!!!!!!
  2. Concrete bubble
  3. Bulldozer
  4. Heaven
  5. Tiny ball
  6. Silver bells
  7. Ragequitted
  8. Waiting42moro
  9. Gone in an instant
  10. We'll figure it out
  11. Understanding
  12. Perfect teeth
  13. Zero ultra
  14. Mistake
  15. (Can't) keep it together

Gesamtspielzeit: 48:56 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 25098

Registriert seit 07.06.2013

2021-03-26 15:25:05 Uhr
Für mich nicht die beste, aber zumindest interessanteste Platte der letzten Monate.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 25098

Registriert seit 07.06.2013

2021-03-21 15:16:11 Uhr
Ganz eigene Mischung, wie ich finde.

Eurodance Commando

Postings: 1168

Registriert seit 26.07.2019

2021-03-21 12:28:08 Uhr
Nee eher so was sludgig-punkiges.

Ralph mit F

Postings: 34

Registriert seit 10.03.2021

2021-03-21 10:40:06 Uhr
"Das Cover ist etwas irreführend, da ich erstmal andere Assoziationen als Industrial (?)."

Etwa J-Pop? :-P

Eurodance Commando

Postings: 1168

Registriert seit 26.07.2019

2021-03-21 10:03:48 Uhr
Das Cover ist etwas irreführend, da ich erstmal andere Assoziationen als Industrial (?).
Zum kompletten Thread

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