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PeterLicht - Beton und Ibuprofen

PeterLicht- Beton und Ibuprofen

Tapete / Indigo
VÖ: 05.03.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Nach dem absoluten Glück

Er war seiner Zeit lange einen Schritt voraus. 2006 hat PeterLicht schon zielsicher seine "Lieder vom Ende des Kapitalismus" zum Besten gegeben, zwei Jahre später hat er in Mitten der Post-Krisendepression zu oft schweren Klaviertönen von "Melancholie und Gesellschaft" gesungen und 2011 hat er kurzerhand schwungvoll "Das Ende der Beschwerde" verkündet. Nebenher hat er sich in diesen Jahren mit spielerischer Leichtigkeit vom "Sonnendeck" emanzipiert, mit "Wir werden siegen" ein gutes und "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" ein hervorragendes Buch geschrieben und sich auch sonst als künstlerischer Tausendsassa mit beängstigend hoher Trefferquote erwiesen. Achso, den Weg von den musikalisch artsy-verpulten Anfangstagen hinein in den Pop hat er auch gefunden. Ganz unpeinlich und frei von jedweder Anbiederung. Kurz gesagt: Es gibt eine Menge Argumente für die Behauptung, PeterLicht sei brillant.

Was dafür sorgt, dass man auch fast zehn Jahre nach dem Ende der Beschwerde noch immer hellhörig wird, wenn es heißt, es gäbe da ein neues Album von PeterLicht. Da konnte "Wenn wir alle anders sind" noch so ziellos, unschlüssig und bisweilen einfach nervig daherkommen. Man ist gespannt auf "Beton und Ibuprofen", allein schon, weil man wissen will, ob der Typ den Weg aus seiner kleinen musikalischen Sackgasse gefunden hat. Obschon das vorab veröffentlichte "...e-scooter deine Liebe" nun wirklich nichts Gutes vermuten hat lassen, fällt die Antwort großteils positiv aus. Allein schon, wenn sich der Opener "Wenn du traurig bist" zutraulicher und strukturierter als die komplette letzte Platte an seine Hörer*innen heranwagt, ist man sicher, dass die musikalische Kratzbürste dieses Mal nicht zum Einsatz kommt. Nun, abgesehen von den Augenblicken, wo sie nötig ist. "Beton ist schweres Thema" ist so einer. Da kündigen die Drums kurz und wirkungsvoll Unheil an, bevor eine unterproduzierte E-Gitarre klar macht, dass jetzt die PeterLichtsche Interpretation von Punk folgt. Die gut gelingt übrigens.

Gleiches kann man für das wundervolle "Ibuprofen", das so gut abgehangen daherkommt als wäre es in einer üblen Synthiedrogenbude aufgenommen worden und zum Finale die Losung "Wenn du was hast / Musst du was nehmen" ausgibt. Da kommen Text, Vortrag und Musik spielend zueinander. Lustig und traurig, genau so wie man's mag. Dass "Die Technik wird uns retten" ziemlich genau dort den Faden wieder aufhebt, wo er einst auf "Das Ende der Beschwerde" fallen gelassen wurde, nimmt man ebenfalls mit Wohlwollen zur Kenntnis. Wie überhaupt die Tatsache, dass sich PeterLicht mit "Beton und Ibuprofen" ganz gut freischwimmt und über recht viele Erwartungshaltungsstöckchen springt. Zur Wahrheit gehört aber leider auch, dass der Funke nicht mehr so überspringen will, wie das einst der Fall war. Ja, "Lost lost lost world" bringt neben seinem grandiosen Songtitel den sprechenden PeterLicht, der eine Unmenge an Silben in seinen Song presst, zurück, verblödelt sein Potential aber doch überflüssigerweise mit Autotune-Einlagen und macht somit seine fast acht Minuten teilweise ungenießbar.

Das sind die Momente, in denen sich PeterLichts Stil ein Stück weit überlebt zu haben scheint. Die schiefen Bilder überraschen gar nicht mehr so sehr, die bisweilen schier endlosen Satzketten kennt man schon ganz gut, das Ganze wabert irgendwie teilnahmslos vorbei. Und dann kommt "Dämonen" mit seiner schüchternen Gitarre daher, baut sich ganz wunderbar um den Satz "Wenn die Dämonen kommen / Ist jeder, der ein Mensch ist / Ein Freund" und man weiß, zu was dieser Künstler immer noch fähig ist. Und verortet "Beton und Ibuprofen" auf dem richtigen Weg zurück zum absoluten Glück. PeterLicht ist brillant. Nur nicht mehr ganz so oft wie früher. Vorerst.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Die Technik wird uns retten
  • Ibuprofen
  • Dämonen

Tracklist

  1. Wenn Du traurig bist
  2. Die Technik wird uns retten
  3. Ibuprofen
  4. Dämonen
  5. Freunde
  6. Die Sprache der Augen
  7. Verloren
  8. ...e-scooter deine Liebe
  9. Beton ist schweres Thema
  10. Lost lost lost world
  11. Die Sprache der Enden

Gesamtspielzeit: 43:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

oldschool

Postings: 281

Registriert seit 27.04.2015

2021-03-05 10:58:53 Uhr
Ich muss AliBlaBla zustimmen. Rhetorisch finde ich PeterLicht nach wie vor noch überzeugend. Musikalisch finde ich hat er sich etwas verzettelt oder ist in die Belanglosigkeit abgedriftet. Wirklich schlecht finde ich das Alles zwar nicht, es holt mich aber auch nicht mehr ab.
Um es mit den Worten des Künstlers zu sagen "Gib mir eine neue Idee"

Quirm

Postings: 348

Registriert seit 14.06.2013

2021-03-05 09:16:48 Uhr
Kommt ja auf anderen Seiten wesentlich besser weg, das Album. Ich finde bis jetzt alle Songs auch gut bis sehr gut.
Verfolge seine Musik aber auch schon seit seinen Anfangstagen und kann mit jedem Album was anfangen. Bestes Album bleibt aber wohl erstmal "Lieder vom Ende des Kapitalismus" dicht gefolgt von "Melancholie und Gesellschaft". Mal sehen wo das neue landet.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1047

Registriert seit 31.10.2013

2021-03-04 19:58:13 Uhr
Das Argument ist schon begründet. Allerdings ist gerade beim Dreiklang aus "Lieder vom Ende des Kapitalismus", "Melancholie und Gesellschaft" und "Das Ende der Beschwerde" die Musik schon ganz gut auf der Höhe bzw. setzt sehr oft den Text perfekt in Szene: Ich könnte mir jedenfalls "Das absolute Glück", "Wettentspannen", "Trennungslied", "Marketing" oder "Alles was du siehst gehört dir" nicht in einem anderen musikalischen Gewand vorstellen.

Danach geht es aber eher in die von dir beschriebene Richtung, dass die Musik eigentlich nur Vehikel für die Worte ist. Leider. Wobei das auf "Beton und Ibuprofen" wieder besser ist.

AliBlaBla

Postings: 484

Registriert seit 28.06.2020

2021-03-04 13:22:59 Uhr
@u.x.o.

Ja, sorry, das ist jetzt vielleicht ein bisserl heftig rüber gekommen- ich meine nur, die Gesamtgeschichte bleibt weit hinter seinen rhetorischen Fähigkeiten zurück, aber das sollte jetzt nicht so abwertend klingen, sorry. Eher: ist schon ein besonderer Wortbastler, viell braucht er auch seinen..Warren Ellis (siehe Nick Cave)

myx

Postings: 2268

Registriert seit 16.10.2016

2021-03-04 10:17:35 Uhr
"Dämonen" berührt mich sehr, wunderschöner Song, bei den anderen Vorabtracks weiss ich nicht so recht.
Zum kompletten Thread

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