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Nothing, Nowhere - Trauma factory

Nothing, Nowhere- Trauma factory

Fueled By Ramen / Warner
VÖ: 19.02.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Mensch-Maschine

Joe Mulherin stach schon immer aus der Masse von Soundcloud-Rappern heraus. Ob er alleine im Wald Pfefferminztee kocht, seine Musik mit Buddhismus erklärt oder generell einen Straight-Edge-Lebensstil im Kontrast zu seinen oft betäubungsmittelverherrlichen Kollegen führt – den als Nothing, Nowhere bekannten Mann umgibt eine gleichzeitig geerdete wie spirituelle Aura. Seine ersten zwei Alben "Reaper" und "Ruiner" vermochten diese einzufangen, verbanden leidenschaftlich-ungefilterten Sprechgesang mit introvertierten Gitarren-Instrumentals. Doch der Zeitgeist hat Mulherin ein wenig eingeholt: In der von Billie Eilish und Co. geprägten Post-Genre-Ära des Mainstream-Pop lockt sein Stilmix aus Emo-Rap und Pop-Punk mit Indie-Schlagseite niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Das wäre nicht sonderlich schlimm, hätte der US-Amerikaner weiterhin sein Niveau gehalten. Leider gerät die dritte Platte "Trauma factory" jedoch ein kleines, aber entscheidendes Stück flacher und generischer als ihre Vorgänger.

Die Hauptschuld daran tragen die ersten fünf Songs. Nach einem eher nichtssagenden Intro lässt "Lights (4444)" vielversprechende Synthie-Akzente in einem recht egalen R'n'B-Tümpel versumpfen. In der Alternative-Rock-Ästhetik von "Buck" fühlt sich Mulherin hörbar wohler, doch im Anschluss enttäuscht "Love or chemistry" mit ungewohnt hölzernen Lyrics über eine destruktive Beziehung. "Exile" nervt sogar geradezu mit seinen Trap-Tropen und endlosen "Yeah"-Wiederholungen. Erst "Upside down" strahlt wieder mit der alten Magie: Der mit einem Auge zum Strandclub schielende Beat umrahmt offengelegte Wunden, die gerade durch ihre einfache Sprache Wirkung erzielen: "Love hurts but I need it." Das ganze Album begegnet dem noch immer lobenswert direkten Ausdruck mentaler Gesundheitsprobleme mit mehr Offenheit und Optimismus, wovon dieser Track das mitunter überzeugendste Zeugnis ablegt.

Ab diesem Punkt sitzen auf "Trauma factory" die allermeisten Töne. So fordert etwa der verspielte Electro-Pop von "Pain place" auf effektive Weise Verständnis dafür ein, wie die eigene Depression ungewollt auch geliebte Menschen schädigen kann. Mit einer industriellen Trauma-Ausschlachtung hat das nichts zu tun, man nimmt Mulherin alles ab: die Ängste, die Schmerzen, die Heilungssehnsucht, die manchmal auch Selbsttäuschung in Kauf nimmt. "Tell me you need me / Even if you don't", singt er in "Pretend" und lässt Saiten und Drums die emotionale Entladung angemessen begleiten. Jenes Stück beweist damit ebenso, dass die Musik des 28-Jährigen dann am meisten Punch entwickelt, wenn sie sich mit voller Hingabe und raumfüllendem Bandsound auf ihre Emo-Wurzeln besinnt. In dieser Hinsicht haut "Fake friend" einen besonders hymnischen Refrain raus, während die grandiose Single "Nightmare" sicher auch problemlos die Tanzflächen jeder Indie-Disco füllen könnte.

Wenn "Trauma factory" eine Sache besser als die früheren Platten macht, dann ist es die Dynamik von Laut und Leise, Wild und Narkotisch. "Death" heißt Mulherins wütendster Song bisher, erinnert mit seinen Aggro-Raps gar an Rage Against The Machine. "Blood" pulsiert rastlos mit treibendem New-Wave-Bass, nur damit kurz darauf das in seiner Zerbrechlichkeit kaum fassbare Liebeslied "Crave" folgt. Der Closer "Barely bleeding" konzentriert die Gegensätze in einem einzelnen Track, schwingt sich von der zarten Ballade zum Screamo-Ausbruch hoch. Statt des Wischiwaschis zu Beginn hätte man sich öfter solche Radikalität gewünscht, mehr Mut, die Genre-Brüche auf die Spitze zu treiben – oder alternativ mehr so schonungslos intime Momente wie in "Real", das von einer Fan-Begegnung und der daraus resultierenden Verantwortung erzählt. Doch auch mit ein bisschen Sand im Getriebe läuft die menschliche Traumafabrik von Nothing, Nowhere immer noch runder und eigenständiger als die meisten ihrer Artgenossen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Upside down
  • Blood (feat. KennyHoopla & Judge)
  • Nightmare

Tracklist

  1. Trauma factory
  2. Lights (4444)
  3. Buck
  4. Love or chemistry
  5. Exile
  6. Upside down
  7. Pain place (feat. Misogi)
  8. Fake friend
  9. Death
  10. Pretend
  11. Blood (feat. KennyHoopla & Judge)
  12. Nightmare
  13. Crave
  14. Real
  15. Barely bleeding

Gesamtspielzeit: 41:47 min.

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Armin

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2021-02-25 10:36:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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Armin

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2021-02-19 20:14:40 Uhr
Heute erschienen.



Kriegt mich aufs erste Ohr schon - ob ich 15 Tracks durchhalte, muss sich aber zeigen.
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