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Hayley Williams - Flowers for vases / Descansos

Hayley Williams- Flowers for vases / Descansos

Atlantic / Warner
VÖ: 05.02.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vom Welken und Wachsen

Es gibt viele Arten der Traumabewältigung. Hayley Williams' "Petals for armor" war eine davon: ein beeindruckend eklektisches Solo-Debüt, mit dem sich die Paramore-Frontfrau nicht nur künstlerisch emanzipierte, sondern auch ihre von Trennung, Verlust und Depression hinterlassenen Narben mit selbstbewusster Offenheit nach außen trug. Doch wie sie in der Isolation feststellen musste, hatte ihre Selbstheilung noch kein Ende gefunden. Wieder wandte sich Williams der Musik zu, veröffentlicht nun ein weiteres Krisendokument nicht einmal ein Jahr nach dem ersten. Die Beschaffenheit des gänzlich alleine geschriebenen und aufgenommenen "Flowers for vases / Descansos", das als eine Art Prequel zu seinem eigentlichen Vorgänger verstanden werden will, ist jedoch eine andere. Das spanische Wort "Descanso" bezeichnet zum Totengedenken an Unfallstellen aufgestellte Kreuze – und tatsächlich geht die 32-Jährige hier ein paar emotionale Schritte zurück, zeichnet mit absoluter Introvertiertheit ihre inneren, persönlichen Katastrophen nach.

"First thing to go was the sound of his voice / It echoes still, I'm sure, but I can't hear it." Der Opener kehrt die Scherben einer zerbrochenen Beziehung zusammen und etabliert ein Metaphernfeld des körperlichen Verfalls, welches das ganze Album durchzieht. "There's no such thing as good grief / Haven't eaten in three weeks", singt Williams an anderer Stelle, während ihre sonst so akrobatische Stimme an der Akustikgitarre klebt. "Flowers for vases / Descansos" versammelt die leisesten Momente einer lauten Frau – auch "Asystole", benannt nach dem medizinischen Ausdruck für einen Herzstillstand, fügt seinem Skelett von Saiten und Gesang nur ein final anschwellendes Piano hinzu. Da bildet ein Song wie das mit nervösem Drive zitternde "My limb" eine willkommene Abwechslung, ohne mit seinen Bildern amputierter Gliedmaßen die sprachliche Einheit zu stören. Der schwer im Magen liegenden Elendshäufung ihrer Texte wirkt die US-Amerikanerin im sonnigeren Folk-Stück "Trigger" mit Selbstironie entgegen: "All I ever had to say about love is a sad song."

Der Effekt dieser häuslichen Miniaturen ist eine nahezu voyeuristische Unmittelbarkeit, als würde man Williams in Echtzeit beim Tiefschürfen ihrer Erfahrungen und Gefühle zusehen. Vor allem die Intimität eines "Inordinary" ist kaum zu übertreffen, das mit kunstloser Nacktheit vom Ende einer kaputten Kindheit erzählt: "Life began in seventh grade / When me and mum got away." Ärgerlich geraten demnach die Stellen, an denen einem die Authentizität der Heimaufnahmen zu sehr auf die Nase gebunden wird: wenn in "HYD" etwa ein vorbeirauschendes Flugzeug den Take unterbricht oder das mit poppigem Beat aus dem Raster fallende "Over those hills" seine eigene Demo an den Anfang pappt. Besser macht es Quasi-Titeltrack "Descansos", der aus Instrumenten und Homevideo-Fragmenten eine faszinierende Collage bastelt.

Jenes Stück steht jedoch auch für ein wesentliches Problem der Platte, nämlich ihre Skizzenhaftigkeit. Man höre etwa, wie die eigentlich bewegende Klavier-Hypnose "KYRH" abbricht, bevor sie wirklich angefangen hat. Zu konturlos verschwimmen einige Songs ineinander, stellen sich musikalisch deutlich charakterschwächer dar als inhaltlich. Es macht den Eindruck, als hätte Williams den Fokus weniger aufs Songwriting und mehr auf ihre Selbsttherapie gelegt – und das hoffentlich und vielleicht mit Erfolg, wenn man die zarten Zeichen der Akzeptanz in "Wait on", "No use I just do" und gerade dem harmonischen Selbstduett "Find me here" richtig deutet. Der starke Closer "Just a lover" steigert sich schließlich zu einer elektrisch verstärkten Klimax, schlägt damit nicht nur die logische Brücke zu "Petals for armor", sondern formuliert auch das Mission Statement: "No more music for the masses." Das ist ein bisschen geflunkert: Auch wenn Williams dieses Album in erster Instanz für sich gemacht hat, wird dessen bemerkenswert ungefilterte Artikulation mentaler Gesundheitsprobleme sicherlich für viele andere Menschen Bedeutung tragen. Und das ist selbstverständlich wichtiger als die Meinung von Kritikern, bei denen "Flowers für vases / Descansos" nicht ganz ins Schwarze trifft.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • My limb
  • Good grief
  • Inordinary
  • Just a lover

Tracklist

  1. First thing to go
  2. My limb
  3. Asystole
  4. Trigger
  5. Over those hills
  6. Good grief
  7. Wait on
  8. KYRH
  9. Inordinary
  10. HYD
  11. No use I just do
  12. Find me here
  13. Descansos
  14. Just a lover

Gesamtspielzeit: 42:30 min.

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User Beitrag

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 8790

Registriert seit 23.07.2014

2021-02-17 21:09:57 Uhr
Tolle Rezension! Wertung muss ich leider so Unterschreiben, schon eine kleine Enttäuschung nach dem schönen Vorgänger. Vielleicht wieder beim nächsten Mal.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 20227

Registriert seit 08.01.2012

2021-02-17 20:18:18 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Klaus

Postings: 3106

Registriert seit 22.08.2019

2021-02-05 23:37:43 Uhr
Sehr gemütliche Platte. 7/10

Garmadon

Postings: 270

Registriert seit 29.08.2019

2021-02-05 22:00:28 Uhr
Huch, kam das jetzt völlig ohne Vorankündigung?!
Ich mag Petals for Armor immer noch gerne und bin auf jeden Fall gespannt.

Grizzly Adams

Postings: 1010

Registriert seit 22.08.2019

2021-02-05 20:49:20 Uhr
Ok danke. Dann ist sie also Anfang 30 und ich steh in der Pflicht mir ihre „Jugendsünden“ zu Gehör zubringen ;)
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