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NOFX - Single album

NOFX- Single album

Fat Wreck / Edel
VÖ: 26.02.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schattenprotokoll

Nein, er hat es wieder nicht geschafft. Und auch wenn es hier und da thematisiert wurde: In der breiten Öffentlichkeit geht unter, dass die Zeit des Social Distancing gerade für abhängige oder einstmals substanzenaffine Menschen eine extreme Herausforderung ist. Natürlich ist Fat Mike kein unbeschriebenes Blatt, was exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum angeht, denn der kultige Punkrock-Tausendsassa mit dem extremen Lebensstil wurde auch ohne Pandemie schon rückfällig. Der Größenwahn der angerauschten Isolation förderte die Idee zutage, ein NOFX-Doppelalbum aufzunehmen. Rund 25 Songs hatte die Punkrock-Institution aus Kalifornien zusammen, und ein kreativer Fuchs wie Fat Mike weiß genau: Ein Doppelschlag muss unterhaltsam und abwechslungsreich sein.

Doch wie vielerorts im Jahr 2020 kam es anders. Mit einem blutenden Magengeschwür fand sich Fat Mike im Spätsommer im Krankenhaus wieder, ein erneut harter Entzug und die mühsame Reha folgen. Aus der doppelt gemoppelten Idee voller Lebensrausch wird ein einfaches "Single album", die 14. Studioplatte der Punk-Idole, die thematisch ernster kaum sein könnte und auch musikalisch die Schatten hinter sich weiß. Der beinahe sechsminütige Opener "The big drag", für Mike selbst einer der besten NOFX-Songs überhaupt, ist weit mehr Post-Punk denn klassischer NOFX-Sound, brütet eine spezielle Stimmung aus, die sein Inneres nach außen trägt: düster, bräsig, bedrohlich. Mit jedem Akkord wummert der Bass leicht neben der Spur, die Intensität wird von Drums und flehenden Gitarren in die Breite getragen. Und doch erkennt man den zarten Lichtschweif am Horizont, das Positive in jedem dunklen Tunnel, den Willen, das Beste aus jeder noch so beschissenen Situation zu machen.

"Birmingham" hält kurze, klare Momente zwischen verrauchendem und kommendem Rausch fest, den Gemütszustand zwischen Hotel, Bus und Bühne, ohne den die Strapazen für manche Musikerinnen und Musiker kaum erträglich wären. In "Grieve Soto", einer Hommage an den verstorbenen Adolescents-Bassisten Steve Soto, gibt der Frontmann einen Einblick in den bandinternen Umgang mit der Abhängigkeit, in die resultierenden Launen und deren Auswirkungen auf das soziale Miteinander. Doch es gibt auch andere Themen, denn die Welt ist schließlich auch außerhalb des drogengezeichneten Individuums scheiße genug. "Fuck euphemism" ist der kraftvoll-schnelle, subjektive Mittelfinger gegen selbst in der queeren Szene präsente Engstirnigkeit, und dem Reggae-Track "Fish in a gun barrel" scheint nur oberflächlich ein bisschen Sonne aus dem Allerwertesten, denn das Stück über Shootings kantet gegen religiösen Fanatismus und die Waffenlobby: "How can you believe in a God / And still carry a card of the NRA? / The notion that it’s not right to kilI must be a bitter pill / To admit that you’re all mentally ill."

Die Neuinterpretation des Band-Klassikers "Linoleum" aus dem Jahr 1994 sei ebenfalls erlaubt – eine Würdigung des ikonischen und mittlerweile wohl referenziellsten NOFX-Songs überhaupt, den viele hunderte Bands von Amerika bis Indonesien coverten, obwohl das Stück nicht mal einen Refrain besitzt. "Single album" ist nicht nur deswegen eine nahbare, persönliche und doch verstörende Angelegenheit geworden: Auch das intensive, zwischen Piano-Ballade und Highspeed-Punk grasende "Your last resort" kehrt Gefühle, Kummer und Verlust im Scherbenhaufen namens Liebe zusammen. "Quitting drugs was the easiest part / The hardest thing was detoxing from you" lässt Fat Mike tief blicken in sein Leben in der nicht zu stoppenden Achterbahn, mit extremen und immer wiederkehrenden Höhen und Tiefen: meist zerrissen, selten mit sich im Reinen. Wie diese Platte.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • The big drag
  • Grieve Soto
  • Your last resort

Tracklist

  1. The big drag
  2. I love you more than I hate me
  3. Fuck you euphemism
  4. Fish in a gun barrel
  5. Birmingham
  6. Linewleum
  7. My bro cancervive cancer
  8. Grieve Soto
  9. Doors and fours
  10. Your last resort

Gesamtspielzeit: 35:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fakeboy

Postings: 1294

Registriert seit 21.08.2019

2021-04-18 10:34:30 Uhr
Der Opener packt mich immer noch nicht. Ich mag die Idee dahinter - aber er ist einfach zu sperrig um ihn gerne zu hören. Steige deshalb immer mit dem zweiten Song ein.

Find sie definitiv auch besser als die First Ditch!

Ja, momentan proben sie fleissig fürs nächste Album und spielen zwischendurch auch alte Songs. Man kann auf Patreon für 10$ pro Monat bei der Entstehung zuschauen.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1059

Registriert seit 31.10.2013

2021-04-17 21:14:38 Uhr
Kommst du inzwischen auf den Opener klar eigentlich?
Ich fand sie erst gut, dann haben mich Mikes Texte zwischenzeitlich mal ein bisschen genervt, inzwischen finde ich das Album aber richtig stark. Und auch ein Stück vor der "First ditch effort".
Und sie scheinen ja fleißig zu proben z.Z.

fakeboy

Postings: 1294

Registriert seit 21.08.2019

2021-04-16 11:48:04 Uhr
Ich gebe jetzt zu: ich hatte mich sehr getäuscht. Meine obige Einschätzung würde ich jetzt noch etwas positiver umformulieren und fast schon eine 8 vergeben.

Der Schluss von Grieve Soto ist natürlich eine Referenz an den Adolescents-Song Amoeba, das hätte ich auch früher schnallen können...

Gerade der Dreier aus Soto, Doors und Resort ist unglaublich stark. Und Fish wächst und wächst und wächst.

Obrac

Postings: 1314

Registriert seit 13.06.2013

2021-03-12 10:40:12 Uhr
Ich finde sie bislang nicht so schlecht. Es gibt durchaus ein paar frische Songs. "Fish in a gun barrel" ist z.B. super. Leider verfallen sie auch wieder in ein paar angestaubte Schemata wie bei "I love you more.." (musikalisch) oder "Birmingham" (textlich). "Lenewleum" ist natürlich auch unnötig, zumal sie den Song ja im Prinzip schonmal auf P"ump up ..."halb gecovert haben.

fakeboy

Postings: 1294

Registriert seit 21.08.2019

2021-03-03 15:02:34 Uhr
Ich muss zugeben: das Album beginnt mich allmählich doch noch abzuholen.

Mittlerweile finde ich:

Opener: immer noch anstrengend und auch etwas unnötig, aber nicht so misslungen wie zuerst gedacht
I Love You More: richtig gut, v.a. der kurze Basspart nach der ersten Strophe und das Solo
Euphemism: ok
Fish: richtig gut! Vor allem die zweiten Stimmen und die Grundstimmung - und das Saxofon-Solo
Birmingham: mag ich jetzt auch
Linewleum: zusammengeschustert, mittelgut
My Bro: ok
Grieving Soto: stark! nur der Schluss franst aus, schade...
Doors and Fours: Highlight, v.a. wenn man ihn richtig laut hört
Last Resort: wenn man beim Intro zuhört und sich darauf einlässt, zündet der Rest umso mehr. Der Schluss ist richtig stark.

Fazit: ich geb schon fast ne 7...


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  • NOFX (54 Beiträge / Letzter am 11.03.2021 - 18:37 Uhr)

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