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Masha Qrella - Woanders

Masha Qrella- Woanders

Staatsakt / Bertus
VÖ: 19.02.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Zwischen den Orten

Anderer Leute Lieder singen? Für Masha Qrella nichts Neues: Bereits 2009 hat sie auf "Speak low - Loewe and Weill in exile" Broadway-Klassiker der beiden Komponisten interpretiert. Nächster Halt: anderer Leute Gedichte singen. Hier die des verstorbenen Schriftstellers Thomas Brasch, seinerzeit DDR-Systemkritiker und Chronist sozialer Entfremdung, dessen wuchtige Texte sich oft lesen wie eine Prozession der Einsamkeit. Wie sie sich mit Musik vertragen, konnte man erstmals Ende 2019 erleben, als Qrella "Woanders" als eine Art Chanson-Abend in Rahmen einer raumgreifenden Theater-Inszenierung auf die Bühne brachte – nun folgt anlässlich von Braschs 20. Todestag der Tonträger, auf dem die Berlinerin notwendigerweise erstmals durchgängig auf Deutsch zu hören ist. Und das in weitaus konziseren Songs, als der Überbau vermuten lässt.

Für Qrella ist der Poet gar "der David Bowie der deutschen Lyrik" – womit sie zwar Äpfel mit Birnen vergleicht, aber auch eine nicht komplett von der Hand zu weisende Ähnlichkeit anspricht. Denn wenn er anfängt zu swingen, erweist sich Brasch als ausgesprochener Pop-Autor, dessen dichterischer Präzision das Songwriting von "Woanders" einfühlsam nachspürt. Die beiden Ostdeutschen eint dabei vor allem die Skepsis gegenüber einem westlichen Kulturapparat, in dem kommerzielle Verwertbarkeit über künstlerischem Ausdruck steht. So wandelt dieses Album beständig zwischen den Orten, stets auf der Suche nach einer geistigen Identität, in der politische Grenzen keine Rolle spielen. Oder um es mit dem wunderbar getupften Orgel-Klopfer "Bleiben" zu sagen: "Wo ich lebe, da will ich nicht sterben / Aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin / Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin."

Liest sich verkopft, geht jedoch weit über eine kellerliterarische Stilübung hinaus – schließlich ist Qrella als früheres Mitglied von Contriva, Mina und NMFarner sowie als Solokünstlerin mit allen Wassern aus Post-Rock, Singer-Songwriter, Elektro-Pop und Kreischsägen-Indie gewaschen. Nur folgerichtig, dass sie diese verknappte Poesie voller gekippter Stimmungsbilder und emotionaler Antithesen in passgenaue Vertonungen überführt. Besonders im hervorragenden "Geister", das von der Verlorenheit des Ichs in überfüllten Techno-Clubs erzählt – ein synthetischer Monster-Track, kühl bis ans Herz und von der gleichen hinreißenden Rätselhaftigkeit wie "Die Dimension", der kryptische Wobbel-Hit von Annegret Fiedler alias Perel. Da zieht sogar "Maschinen" trotz rigider Pump-Sequenz und einem irrlichternden Andreas Spechtl als Zweitstimme den Kürzeren.

Der Ja,-Panik-Mann ist nicht der einzige prominente Feature-Gast: In der sanft wogenden Ballade "Das Meer" gastierte zuvor bereits Tocotronics Dirk von Lowtzow. Ebenso ein Song über das allmähliche Verschwinden wie das stolz beleidigte Post-Trennungslied "Hure", das seelisch ermattet die Unmöglichkeit einer menschlichen Insel erörtert – und dank Qrellas anschmiegsamer Stimme nur halb so deprimiert klingt, wie der Dichter beim Verfassen dieser Zeilen womöglich war. Dazu ätzt die Gitarre mal giftig wie beim ansonsten tröstlich groovenden Memento Mori "Blaudunkel" und zwischert dann im Indie-Rock-Hopser "Wind" mit einem Keyboard um die Wette, ehe "Straßen" und "Strand" auch krautige Motorik-Elemente einführen. Lyrik ist schwierig, denn leicht wird sie schmierig? Nicht, solange ein so traumwandlerisches Pop-Album wie "Woanders" dabei herauskommt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Bleiben
  • Blaudunkel
  • Geister
  • Wind
  • Hure

Tracklist

  1. Lied
  2. Bleiben
  3. Das Meer (feat. Dirk von Lowtzow)
  4. Blaudunkel
  5. Geister
  6. Woanders
  7. Maschinen (feat. Andreas Spechtl)
  8. 27. September
  9. Wind
  10. Haut (feat. Tarwater)
  11. Märchen (feat. Marion Brasch und Tarwater)
  12. Hure
  13. Straßen
  14. Strand
  15. Ratten
  16. Tür
  17. Nacht (feat. Chris Imler)

Gesamtspielzeit: 68:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Sick

Postings: 141

Registriert seit 14.06.2013

2021-03-12 20:55:03 Uhr
Hm, reinste Poesie, Thomas Brasch wußte mit Worten umzugehen. Ganz toll.
Ich finde ja "Das Meer" ist mit Geister, Blaudunkel und Maschinen ein Highlight des Albums.
Wird immer besser. Wirklich toll vertonte Sprachgewalt.
Heavy Rotation. 9/10.

Klaus

Postings: 2781

Registriert seit 22.08.2019

2021-03-11 23:54:55 Uhr
Mir wurde das empfohlen und bin noch unsicher. Instrumentell ist das super, gesanglich auch, nur mit dem direkten Verstehen der Texte tue ich mich noch schwer.

Nur der Song mit von Lowtzow geht gar nicht.

Sick

Postings: 141

Registriert seit 14.06.2013

2021-03-11 23:25:41 Uhr
Och, ist ja richtig gut. Wunderbare Sprache und tolle Musik. Mag ich.

MM13

Postings: 1994

Registriert seit 13.06.2013

2021-03-07 08:14:33 Uhr
seh ich genauso,läuft bei mir gerade ziemlich oft.

dreckskerl

Postings: 5243

Registriert seit 09.12.2014

2021-03-06 23:17:22 Uhr
Ich bin sehr überrascht, dass hier gar keine Meiungen abgegeben werden.
Ich finde das weiterhin ziemlich grandios und ein Beispiel, dass Vertonung von Lyrik nicht bemüht kunstvoll klingen muss.

Nicht jeder der 17 Tracks sind großes Kino, manch einer aber schon, die vertonten Texte von Thomas Brasch sind allesamt in ihrer Reduzierung beindruckend. Sehr schönes Album.
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