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The Notwist - Vertigo days

The Notwist- Vertigo days

Morr / Indigo
VÖ: 29.01.2021

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Himmelskörper

Man könnte diesen Text mit einem Verweis darauf beginnen, dass uns The Notwist wieder sehr lange – nämlich sieben Jahre – haben warten lassen. Man könnte die Geschichte und Evolution dieser legendären Gruppe aus Oberbayern schildern und betonen, dass Indie-Kids rund um den Globus immer noch Meisterwerke wie "Neon golden" oder "Shrink" abfeiern. Man könnte von den vielen Nebenprojekten berichten, die für die Acher-Brüder einen extrem hohen Stellenwert haben. Oder man platzt einfach mit der Tür ins Haus und spart sich sämtliche Umwege, indem man sagt: "Vertigo days" ist ein verdammtes Meisterwerk. Dürfte ja klar sein, mit Blick auf die Wertung. In diesem Text soll es also darum gehen, warum The Notwist nach dem manchmal etwas verkopft wirkenden "Close to the glass", das freilich auch seine ganz eigenen Qualitäten hatte, nun wieder absolut in der Spur sind. Welche beinahe magischen Tricks die Band nutzt, mit denen sie uns unwillkürlich in ihren Bann zieht. Und wie sie sich so überhaupt anfühlen, diese "Vertigo days".

Es fängt alleine schon damit an, dass The Notwist das grundsätzliche Konstrukt "Album" ernster nehmen denn je. "Vertigo days" ist nahezu perfekt in Szene gesetzt, was die Abfolge der Songs, die Dramaturgie, den roten Faden angeht. Motive werden aufgegriffen, Querverbindungen zwischen den Stücken gesetzt. Ein Album kann mehr sein als die Summe der Einzelsongs. Aber seien wir mal ehrlich: Bei vielen Künstlern hat man eher den Eindruck einer losen Songsammlung zu folgen. The Notwist haben hier jedoch einen anderen Zugang gewählt: Ihre Platte wirkt wie aus einem Guss. Wie aus einem ehedem großen Marmorblock gehauen, der nun eine feingliedrige Skulptur darstellt. Liebevolle Akzente werden gesetzt. Die Platte ist ein Geschenk für jeden, der sich gerne Alben am Stück anhört. Ein klares Statement gegen das niedrigschwellige Angebot kuratierter Spotify-Playlists. Zweifelsohne haben diese auch ihre Berechtigung. Aber sie sollten das Gesamtkunstwerk, das ein Album im Idealfall ist, eben nicht ersetzen. Die Tendenz dazu ist bei vielen spürbar. "Vertigo days" setzt seine Segel bewusst anders. Und wirkt dadurch wahnsinnig bereichernd.

Dieses Album kann also durchaus berauschen. Oder, wenn man beim Titel bleibt, Schwindel erzeugen. Natürlich jene gute Form des Schwindels, die man auch als eine erhabene Benommenheit umschreiben könnte. Und diese eruptiven Kräfte kommen schon früh zum Tragen: Das kurze Intro "Al norte" beschwört den Hörer mit Drums und unheimlichem Gesumme, "Into love / Stars" nimmt den Faden auf, klingt wie eine Weltraumballade. Markus Acher ist der einsame Astronaut, der mit sehnsuchtsvollem Blick auf die Erde schaut und seine klassischen Acher-Lyrics über die klassische Notwist-Melodie singt. Dabei wirkt die Nummer lange wie ein karges Stück, der Minimalismus wird erst nach drei Minuten durchbrochen. Der Song hebt dann ab und dreht sich wild im funkelnden Licht der fiependen Synthesizer. Schon allein dies ist ein kathartischer Moment. Ein Befreiungsschlag. Der nahtlos übergeht ins folgende "Exit strategy to myself": Repetitive Electronica-Patterns schichten sich hier geschickt übereinander, ein Gitarrenriff sorgt für Dynamik, Achers Stimme erklingt aus der Ferne, sie ist nicht nach vorne gemischt, bleibt flächig. Ob man diesen Track nun als Interlude versteht oder nicht, bleibt letztlich zweitrangig: Als Überleitung zum nächsten Song, der wundervollen Indie-Hymne "Where you find me" eignet er sich jedenfalls perfekt.

Der große Erfolg, den The Notwist seit über 20 Jahren haben, ist ein Resultat der stetigen Weiterentwicklung. "Neon golden" stellt, wenig überraschend, für viele den Höhepunkt des Band-Œuvres dar. Umso schöner ist es, dass "Where you find me" wie ein 2021er-Update des damaligen Sounds klingt, ohne zu rührselig in den Rückspiegel zu blicken. Es ist vielmehr ein Gruß aus der Ferne, eine Reminiszenz ans eigene Werk, die ohnehin nicht lange währt. "Ship" zeigt sich in der Folge von asiatischer Pop-Musik und Krautrock beeinflusst. Gesungen wird die Nummer von der Tenniscoats-Frontfrau Saya Ueno, wodurch sich ganz neue Assoziationsräume öffnen. Ein bewusst gesetzter Bruch im Albumfluss. Als Widerstand und Temposchwelle. Und als eindrucksvolles Zeichen, dass The Notwist immer noch überraschen können. An dieser Stelle tut sich zudem ein Spannungsfeld auf: "Loose ends" ankert in der Folge nämlich wie kein zweiter Song in der Vergangenheit und auch die Lyrics greifen bestimmte Leitmotive der Band wieder auf: "The tracks are all in front of me / The rails, the rails, keep bringing me back." Wer da nicht an "Pilot" denken muss, war wohl in der ersten Stunde The-Notwist-Kunde Kreide holen.

Solche Easter Eggs und Querverweise bestimmen den Charakter von "Vertigo days". Man kommt also nicht umhin, dieses Album als eine Liebhaber-Angelegenheit zu betrachten, die rasch einen Sog entwickelt. Die Stimmung ist vorsichtig optimistisch. Die stilistischen Ausprägungen wechseln permanent ihre Farben. Electro und Pop, Rock und Ambient. Manches wirkt jazzig. Eine gewisse Verwandtschaft zu "Kid A" schimmert durch, ohne dessen dystopische Wirkung zu wiederholen. "Into the ice age" wäre hierfür ein Beispiel: Die Drums stampfen sich ihren Weg durchs Dickicht, Achers Stimme irrlichtert orientierungssuchend im Hallraum umher, Bläser stimmen in diese Séance ein und deuten letztlich den Weg aus der Eiszeit heraus. An dessen Ende wartet mit "Oh sweet fire" ein herrlich frickeliges Experiment, das ein weiteres Mal die künstlerische Offenheit der Oberbayern unter Beweis stellt.

Dabei hätte es diesen Beweis natürlich nicht gebraucht. Die gesamte Karriere der Band war eine einzige große Verpuppung mit anschließender Wandlung. "Vertigo days" stellt sich hier selbstbewusst in eine eindrucksvolle Ahnengalerie ähnlich gelagerter, aber anders klingender Werke, muss sich vor den älteren Geschwistern aber keineswegs verstecken. Wenn im abschließenden "Into love again" der Bogen zum Beginn gespannt wird, bleibt kein Auge trocken. Kein Nackenhaar, das sich nicht aufstellt. "Neon golden" mag sicherlich immer noch das unangefochtene Referenzwerk der Band sein. Die Nerds und Bescheidwisser werden weiterhin "Shrink" als das Opus Magnum begreifen. Aber "Vertigo days" wird das Album sein, das die größte Kohärenz, die mächtigste Binnenspannung aufweist. Von vorne bis hinten sitzt hier alles an der richtigen Stelle. Wie bei einem hell leuchtenden Sternbild in einer klaren Nacht.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Into love / Stars
  • Where you find me
  • Into the ice age
  • Sans soleil

Tracklist

  1. Al norte
  2. Into love / Stars
  3. Exit strategy to myself
  4. Where you find me
  5. Ship
  6. Loose ends
  7. Into the ice age
  8. Oh sweet fire
  9. Ghost
  10. Sans soleil
  11. Night's too dark
  12. *Stars*
  13. Al sur
  14. Into love again

Gesamtspielzeit: 49:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

doept

Postings: 446

Registriert seit 09.12.2018

2021-03-02 23:16:51 Uhr
Heute mal wieder gehört, ein wirklich großartiges Album.
Mit am besten: Die kurzen Übergänge (Ghost!) und der allgemeine Flow des Albums, was ja schon ausreichend gewürdigt wurde.

Bisher das klare Highlight 2021, und wenn man sich die Vorschau ansieht ist auch keine wirkliche Konkurrenz am Start.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 24749

Registriert seit 07.06.2013

2021-02-21 13:32:12 Uhr
Die Qualität ist durchgängig so gut, ich kann kaum Highlights benennen.

Autotomate

Postings: 2863

Registriert seit 25.10.2014

2021-02-21 12:18:07 Uhr
Wie schon bei der "Close to the Glass" ist die CD-Ausstattung einfach nur lieblos: Spotify-Werbung...

hesmovedon

Postings: 51

Registriert seit 20.10.2019

2021-02-21 11:49:14 Uhr
Jetzt nach einigen Durchgängen, kann ich nur zustimmen. Ein sehr gutes Album. Nicht ganz die Hit-Dichte von Neon Golden, aber als Gesamtpaket perfekt.
Mir fehlt nur Sufjan Stevens in den Referenzen, fühlte mich an einigen Stellen an ihn erinnert.

fakeboy

Postings: 739

Registriert seit 21.08.2019

2021-02-12 18:20:41 Uhr
Um den Thread wieder in die richtige Bahn zu lenken schreibe ich: auch nach 2 Wochen bei mir riesige Begeisterung. Ob 9 oder 10 spielt gar keine grosse Rolle. Einfach ein wahnsinnig gutes Album. Und auch das "ba ba ba" in Where You Find Me stört mich überhaupt nicht mehr. Interessant wie so etwas im Albumkontext an Bedeutung verliert bzw. sogar als witzige Auflockerung wahrgenommen wird, während es mich bei der Vorabsingle gestört hat.
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