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The Besnard Lakes - The Besnard Lakes are the last of the great thunderstorm warnings

The Besnard Lakes- The Besnard Lakes are the last of the great thunderstorm warnings

Full Time Hobby / Rough Trade
VÖ: 29.01.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Do you realize?

Wie fühlt sich eigentlich der Moment des Sterbens an? Ein plötzlicher Cut ins schwarze Nichts? Eine Traum-Sekunde, die als Ewigkeit wahrgenommen wird? Oder ist es eine Bewusstseinserfahrung, die sich mit dem Begriffsschatz der Lebenden nicht einmal vorstellen lässt? Nicht nur die Philosophie ringt seit Menschengedenken um Ideen, auch die Kunst sucht nach Darstellungen, das Unfassbare spürbar zu machen. Hier reihen sich nun The Besnard Lakes ein, wenn sie mit "The Besnard Lakes are the last of the great thunderstorm warnings" ein Konzeptalbum über den Tod präsentieren. Jace Lasek verarbeitet damit nicht nur das Ableben seines Vaters, sondern referenziert auch verstorbene Musiker-Größen wie Prince oder Mark Hollis: "Garden of Eden, spirited / Did it need to be protected?" Doch im Singen über das Ende markieren The Besnard Lakes für sich eine Rückkehr. Der sperrige Albumtitel, das verwaschen-assoziative Cover und die schiere Opulenz verweisen auf die Ambitionen ihrer Anfangszeit. Der Umfang sprengt gar jeden bisherigen Rahmen: Mehr als 70 Minuten dauert die Platte, enthält die bisher längsten Einzelsongs der Band und teilt sich in vier LP-Seiten namens "Near death", "Death", "After death" und "Life" auf. Wie so viele künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Tod kulminiert auch diese in der Hoffnung.

Dabei klingt das kanadische Kollektiv mehr denn je wie die Flaming Lips, wenn sie nach ausgiebigem Konsum der Pink-Floyd-Diskografie ein Post-Rock-Album einspielen würden. Laseks passenderweise an Wayne Coyne erinnerndes Falsett gleitet über Wolken von Wohlklang und sanfte Rhythmen, unterstützt von Ehepartnerin Olga Goreas. Die Arrangements stehen dem luxuriösen Indie-Rock von Landsleuten wie Broken Social Scene oder The Dears durchaus nahe, doch gestaltet sich die Musik von The Besnard Lakes viel abstrakter und sphärischer. Das Opener-Doppel gerät allerdings noch vergleichsweise kompakt und griffig: "Blackstrap" entwickelt mit seiner fransigen Gitarre zum Ende hin viel Zug und "Raindrops" ist von Beginn an ein anschmiegsam groovender Popsong. Erst das achtminütige "Christmas can wait" fordert viel Geduld ein, die sich aber voll auszahlt. Es erzeugt eigentlich schon genug Gänsehaut, wie Lasek mit gleißenden Synthies zu einem klanggewordenen Sternenschauer verschmilzt – doch wenn später die Drums einsetzen und in eine wundervoll heilsame Coda leiten, strömt jeder Ton auf direktem Weg in den eigenen Blutkreislauf.

Überhaupt strahlt das Album trotz der bedrückenden Thematik viel Optimismus aus. "Our heads, our hearts on fire again" trägt Goreas auf majestätischen Bläsern zum Berggipfel und konfrontiert sie mit lebendigen, Siebziger-inspirierten Psych-Rock-Passagen. Mit warmen Orgeln und fidelen Streichern funkelt das kleine Pop-Juwel "Feuds with guns" wie eine kosmische Disco-Kugel. Und "The father of time wakes up" feiert The Purple One nicht nur mit textlichen Verweisen, sondern auch mit einem exzessiven Gitarrensolo. Es ist so erwartbar wie erfreulich, dass die Band ihrem Konzept nicht mit Binsenweisheiten über Leben und Sterben begegnet, sondern den Tod als Sinneserfahrung begreift und abzubilden versucht. Die lückenlos ineinander übergehenden Stücke, diese dynamisch verschwimmenden Nebelschwaden von Melodien und Harmonien, erfüllen ihre Aufgabe in gleichzeitiger Unnahbarkeit wie Universalität prächtig – auch wenn nicht jeder Moment auf allerhöchstem Niveau zupackt und zum Schluss die Frage im Raum steht, warum der Quasi-Titeltrack "Last of the great thunderstorm warnings" mit zehn Minuten Drone auf eine gute Viertelstunde Laufzeit gestreckt wird. Doch das Ungeklärte ist hier natürlich die Mission. Antworten können auch The Besnard Lakes nicht liefern, was ihre Einfassungen des Unkonkreten aber keine Spur weniger faszinierend macht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Christmas can wait
  • Our heads, our hearts on fire again
  • Feuds with guns

Tracklist

  1. Blackstrap
  2. Raindrops
  3. Christmas can wait
  4. Our heads, our hearts on fire again
  5. Feuds with guns
  6. The dark side of paradise
  7. New revolution
  8. The father of time wakes up
  9. Last of the great thunderstorm warnings

Gesamtspielzeit: 71:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 1989

Registriert seit 14.06.2013

2021-02-01 20:40:33 Uhr
Ja, die Grundstimmung und der Sound gefallen mir auch gut. Könnte trotzdem ein kleines bisschen fokussierter sein. ;)

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 4555

Registriert seit 14.05.2013

2021-02-01 19:39:25 Uhr
Ich finde aber, dass es die Qualität trotz der Länge echt gut halten kann. Gefällt mir prima.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26885

Registriert seit 07.06.2013

2021-02-01 15:59:54 Uhr
Ja, hab ich inzwischen auch gelesen. :) Wobei auch 60 Minuten für 9 Songs ordentlich ist.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17839

Registriert seit 10.09.2013

2021-02-01 15:55:48 Uhr
Aber auch nur, weil sie den Titeltrack mit zehn Minuten Drone in die Länge ziehen... hätt's aus meiner Sicht nicht gebraucht.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26885

Registriert seit 07.06.2013

2021-02-01 15:50:25 Uhr
71 Minuten bei 9 Songs. Respekt.
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