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Viagra Boys - Welfare jazz

Viagra Boys- Welfare jazz

Year 0001 / Rough Trade
VÖ: 08.01.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Man down

Gut, wenn man weiß, dass man ein Arschloch war. Sebastian Murphy, Kopf der schwedischen Band Viagra Boys, torpedierte gerade eine langlebige Beziehung, als die Songs für das zweite Album "Welfare jazz" entstanden, nahm jeden Tag Drogen und ließ das toxische Alpha-Männchen raushängen. Die Einsicht, falsch zu handeln, kam zu spät, Murphy durfte die Scherben aufkehren. Das neue Album gerät dadurch aber nicht zur selbstmitleidigen Nabelschau, sondern zeigt in einer gewissen Überinszenierung, wie sich der lächerliche John-Wayne-Verschnitt rumpelnd durch das Post-Punk-Outback bewegt. An Bord sind dabei jede Menge Anleihen an schrottigen Blues und ausgemergelten Country and Western. Einschübe von grellen Synths und ein ausgebeultes Saxophon übernehmen dann auch noch prominente Spots.

Der Opener "Ain't nice" braucht nicht mehr als das prollige Bellen Murphys und einen Post-Punk-Groove, der die dicken Bass-Saiten front and center stellt, um aufzuzeigen, dass hier nicht die feine Schule der gegenseitigen Rücksichtnahme vorherrscht. Murphy rumpelt und poltert, der Beat marschiert ohne Seitenblicke durch apokalyptische Straßenlandschaften in Neon-Beleuchtung. Das Brodeln von "Toad" untermalt den Machismo-Vibe eines selbstgerechten Gockels, die Alte hat gerade das Frühstück vorgesetzt aus dem "big restaurant in the sky", doch trotzdem, Mann bleibt Mann, "I don't need no woman." In dieser prolligen Überspitzung steckt jedoch so viel Armseligkeit, so viel Lust, tradierte Männlichkeitsbilder am Nasenring durch die Manege zu ziehen, dass man immer wieder zynisch auflacht. Gerade dadurch, dass zu dieser Dekonstruktion die Musik der weißen Mittelschicht aus den 60ern eingeflochten wird, macht das Zerrbild umso vielseitiger.

Das rauchige "Into the sun" ist aber abseits der Schauwerte eben ein im Kern anrührendes Stück Musik, das abgenutze Reiben in Murphys Stimme lässt Raum für echtes Bedauern, ein verletzlicher Moment. "Creatures" dagegen ist wieder eine mit stumpfer Motorik vorgetragene Show-Nummer mit Federboa-Synthie und jenem ausgemergelten Saxophon, welches hüftsteif wie ein alter Zirkusgaul seine Runden dreht. Doch auch hier: Die Melodien, die Viagra Boys auspacken, haben Gehalt, sind durchaus einfallsreich und liebevoll angelegt. Neben räudigen Rock-Posen wie "6 shooter" findet man Elemente, die in diesem Kontext durchaus überraschen.

Die Industrial-Schrott-Verwertungs-Disco "Girls & boys" knallt derart fies rein, dass einem die Latex-Maske vom verblüfften Gesicht rutscht. Hier finden Viagra Boys eben jene Schnittstelle zwischen bluesigem Schmutzrand und kühler, ja zynischer Post-Punk-Coolness. Und tja, am Schluss steht dann eben ein Cover von John Prines "In spite of ourselves", im Duett mit Amyl And The Sniffers' Amy Taylor. Alles läuft hier zusammen, die oftmals ungesunde Beziehung zweier Partner und der Wille, trotzdem zusammen zu bleiben, komme, was wolle. Nach der felsenfesten Bekräftigung "I never gonna let him go" folgt ein romantisch verklärtes Wegdriften der Gitarre, anrührend, aber in diesem Kontext eben auch trügerisch, wie das ganze Album.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Into the sun
  • Creatures
  • Girls & boys
  • In spite of ourselves

Tracklist

  1. Ain't nice
  2. Cold play
  3. Toad
  4. This old dog
  5. Into the sun
  6. Creatures
  7. 6 shooter
  8. Best in show II
  9. Secret canine agent
  10. I feel alive
  11. Girls & boys
  12. To the country
  13. In spite of ourselves

Gesamtspielzeit: 40:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mann 50 Wampe

Postings: 1177

Registriert seit 28.08.2019

2021-02-09 12:50:36 Uhr
Erinnert manchmal an Kellermensch, oder auch an Tom Waits.

noise

Postings: 805

Registriert seit 15.06.2013

2021-02-06 14:06:40 Uhr
Sehr schönes Album. Finde das Debut zwar stärker aber die neue ist vielleicht Abwechslungsreicher. Auf jeden Fall eine Gruppe die meinen Musikhorizont um eine interessante Facette bereichert.

funkyGobble

Postings: 24

Registriert seit 27.08.2019

2021-01-19 15:23:30 Uhr
Ich versteh den Hunde-Song nicht wirklich, aber sonst find ich das Album richtig gut. Mochte Street Worms auch sehr, aber finde das hier konsistenter

javra

Postings: 80

Registriert seit 29.07.2014

2021-01-17 23:02:34 Uhr
Hast du dir die Shrimp-Session-Versionen schon angeschaut? https://www.youtube.com/c/VBOYSStockholm/videos

Sind find ich besser gelungen als die etwas zu sauberen Studioversionen...

foe

Postings: 21

Registriert seit 10.06.2020

2021-01-14 20:09:21 Uhr
Ich selber freunde mich langsam aber sicher mit dem Album an. Eindeutig nicht so zugänglich wie das Debüt. Es sind Begriffe wie „abgeklärt“ oder „trocken“, die mir beim Hören in den Sinn kommen. Und Creatures klingt, als hiesse die Band Foals und nicht Viagra Boys.
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