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Sperling - Zweifel

Sperling- Zweifel

Uncle M
VÖ: 22.01.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Dicke Lippe

Mutig sind Sperling ohne Zweifel. Schließlich kommt da ein Quintett aus der Weltmetropole Hunsrück daher, unter dem Arm gerade mal ein erstes Album mit dem Namen "Zweifel" und zieht direkt im Opener gleich mal die gesamte formatradiotaugliche Poplandschaft des Landes unter heftigen Prügelattacken erbarmungslos durch den Schmutz: "Zum tausendsten Mal produziert und doch wieder verkauft / Immer noch die selben Kriecher / Kriegen viel zu viel Applaus / Also peace out, Bitches, wir sind raus". Subtil ist das nicht, aber locker gut für eine dicke Lippe. Falsch höchstwahrscheinlich auch nicht. Und musikalisch mit einiger Verve dargeboten. Da haben die Leute von Uncle M mit Casper, Fjørt und Heisskalt gleich die passenden Referenzen für ihre neue Entdeckung parat.

Das meint in Kurzform: Auf "Zweifel" treffen indieesque Rap-Parts auf bisweilen opulent austaffierte Post-Hardcore-Songarchitektur, viel, viel Melodie und ein Cello. Die im Opener "Eintagsfliege" geprügelten Hunde mögen jetzt aufheulen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass Sperling selber ziemlich weit davon entfernt sind, Innovationspreise zu gewinnen. Diese Flucht nach vorne endet allerdings jäh in einer Sackgasse. Weil die Band solchen Vorwürfen einen Song wie "Baumhaus" entgegensetzen kann. Sänger Jojo navigiert sich da kursorisch durch eine völlig normale Biografie, durch Hoffnungen und Rückschläge und vertont mitsamt der gesamten Band die Entwicklungen mit traum- und lautmalerischer Sicherheit. Man lässt sich gerne anstecken von der fiebrigen Grundstimmung, man legt sich in die in sich ruhenden Momente und nimmt jeden Ausbruch gerne an. Da darf es zum Finale auch das ganz große Drama sein, da funktioniert sogar die Phrase "Wir bauen etwas Neues aus dem Nichts auf". Nicht weniger beeindruckend gerät "Bleib", das zu aufwühlender Melodieführung wenig überraschend das Thema Trennung verhandelt und seinem Gegenüber ein glaubhaft verzweifeltes "Nichts wartet da draußen" auf den Weg gibt.

Obwohl die Band sich ab und an ins Generische zu verlieren droht, ist auch der Einfallsreichtum beeindruckend, den es an allen Ecken und Enden von "Zweifel" zu bestaunen gibt. Selbst in den eingängsten Momenten wie etwa im erwähnten "Bleib" bringen Sperling nuancierte Details unter, immer wieder stolpert man über wohlplatzierte Instrumentalparts, die verhindern, dass das ganze Werk an der Halbwertszeit kaputt geht. Immer wieder schluckt man auch ob der textlichen Ausgestaltung, wie etwa im Titeltrack, der das Thema Selbstmord schmerzhaft anschaulich ausgestaltet. Und ganz am Ende, wenn Sperling die Akustikgitarre auspacken, ist das nicht etwa kalkuliert und kitschig, sondern einfach nur ergreifend: Dort scheidet jemand nach langem Leiden aus dem Leben, begleitet mit den Worten "Ich kann vorausgehen, wenn Du gehst / Ich bleibe wach, solang Du schläfst" und angenehm unterproduzierten Akkorden. Kein Blatt Papier passt da noch zwischen Musik und Gefühle. Mutig eben.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Bleib
  • Baumhaus
  • Schlaflied

Tracklist

  1. Eintagsfliege
  2. Bleib
  3. Stille
  4. Toter Winkel
  5. Baumhaus
  6. Fuchur
  7. Relikt
  8. Laut
  9. Mond
  10. Tanz
  11. Zweifel
  12. Schlaflied

Gesamtspielzeit: 45:02 min.

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User Beitrag

Autotomate

Postings: 3139

Registriert seit 25.10.2014

2021-01-27 23:02:38 Uhr
Interessant genug, um eine gewisse Unbehaglichkeit ignorieren zu können, die sich beim ersten Hören zusammen mit Heisskalt, Henning May und "Indianergeflüster" zwischen den Ohren breitmacht. Diese andauernde Dringlichkeit im Ausdruck... Aber insbesondere mit der Instrumentierung lotst einen das Album immer weiter durch die gemischten Gefühle. Einmal werd ich's mir auf jeden Fall noch geben.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 19957

Registriert seit 08.01.2012

2021-01-13 20:32:05 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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