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Mamaleek - Come & see

Mamaleek- Come & see

The Flenser / Cargo
VÖ: 27.03.2020

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kalkulierter Mindfuck

Das Gerede von Innovation als Qualitätsmerkmal von guter Musik war schon immer Humbug. Selbst, wenn es möglich wäre, genuin Neues aus einem Vakuum heraus zu kreieren, würde das noch lange kein gutes Album machen. Die besten Bands scheinen vielmehr verschiedene Stilmittel, Genres und Sounds aufzugreifen und neu zu kombinieren. Diese Permutation von Bekanntem ist es, die spannende Musik oftmals ausmacht. Mamaleek aus San Francisco sind Meister im Verblenden düsterer Spielarten. Ihre kompromisslose Art, derangierten Noise Rock mit Black Metal, Post-Hardcore, Jazz und Blues anzureichern, geht so hervorragend auf, weil sich die Stile nicht abwechseln oder übereinandergeklatscht wirken, sondern kompositorisch ineinandergreifen, sich gegenseitig in einer verstörend-betörenden Symbiose durchdringen. Das Duo setzt diese Mittel gekonnt und wohldosiert ein, aber immer entgegen jeglicher Erwartung. Die sechs Stücke auf "Come & see" sprengen in ihrer Struktur jedes bekannte Schema und sind dabei doch unverschämt eingängig. Es drängt sich ununterbrochen die Frage auf: Wie machen die das?

"Eating unblessed meat" eröffnet das Album in psychotischer Manier. Um die Überforderung in Szene zu setzen: Der Song klingt, als wäre Tom Waits im Suff in irgendeiner Garage in New York gestrandet, wo gerade eine aufstrebende Noise-Rock-Band probt. Bestehend natürlich ausschließlich aus nerdigen Musikstudenten, die sich nicht auf ein Genre einigen können. Waits' angepisstes, orientierungsloses Gebrüll würde beunruhigend gut in die schräge Melange aus dissonanten Surf-Rock-Gitarren, free-jazzigen Saxofon-Parts, Minutemen-Basslinien und Jazz-Drumming passen, das auch mal in Blastbeat-Geballer abrutscht. Erst wenn das mäandernde, hakenschlagende Stück auf einmal innehält und mit aller schockierender Klarheit seine Vision des Weltzustands ausbuchstabiert, wird deutlich, was hier passiert: "We're all staring! Paramedics nearing!"

"Cabrini-green" thematisiert das gleichnamige Housing Project in Chicago und findet dafür den passenden Ausdruck in der versierten Version des bis hierhin eingeführten angejazzten Avantgarde-Rock. So wie alle Hochhäuser langsam zerfielen und letztlich gesprengt wurden, so erodiert auch der Track mit zunehmender Laufzeit, bevor aus der Asche ein Monster-Groove des Protests entsteigt. "Elsewhere" ist der Banger des Albums. Wobei man diese Aussage freilich verhältnismäßig sehen muss, doch eine gewisse Catchiness ist nicht zu leugnen. Trotz aller Unkonventionalität enthält der Song so viele Melodien und Riffs, dass er glatt dazu anregt, das berühmte Tanzbein zu schwingen. Spätestens wenn er in einen Swans-artigen Groove mit hart akzentuierter, repetitiver Bassfigur und kreischendem Saxofon ausufert und einen so schlicht überrumpelt, gibt es kein Halten mehr.

"Whites of the eyes (Cowards)" kommt minimalistischer und ruhiger daher, frönt einem ungemütlichen, aber nicht minder faszinierenden no-wavigen Jazzrock. Sogar eine hochmelodische Orgel hat einen prominenten Auftritt. Der lässige Sound wird von wahnsinnigen Screams konfrontiert, um ja nicht Gefahr zu laufen, so etwas wie Spaß aufkommen zu lassen: "Cowards! Bend at the knee!" In "Street nurse" surfen dissonante Gitarrenlinien verstörend smooth über die ruinierte Klanglandschaft. Mamaleek wissen, wie man Kontraste konsequent zusammenführt. "We hang because we must" beginnt mit einem atmosphärisch dissonanten Drone-Intro, das sich immer weiter aufbäumt bis es in Noise-Rock-Kaskaden ausbricht. Zwischenzeitlich verfällt der Song einem Groove, der immer wieder aufgegriffen wird, sich letztlich aber komplett der Zerstörungswut ausgeliefert sieht. Am Ende bleiben nur desolate Soundscherben. Trotzdem ist "Come & see" trotz seiner aggressiven und unvorhersehbaren avantgardistischen Horrorvision eines Rockalbums so dermaßen groovy und wartet mit so famosen Bassfiguren und Gitarrenlicks auf, dass einem schwindelig wird. Die Balance zwischen eskalierendem Chaos und fokussierter Klarheit macht dieses Album aus. Eine eigenartige, aber auch einzigartige, beängstigend berauschende Erfahrung.

(Benedikt Stamm)

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Highlights

  • Eating unblessed meat
  • Cabrini-green
  • Elsewhere
  • Whites of the eyes (Cowards)

Tracklist

  1. Eating unblessed meat
  2. Cabrini-green
  3. Elsewhere
  4. Whites of the eyes (Cowards)
  5. Street nurse
  6. We hang because we must

Gesamtspielzeit: 44:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

u.x.o.

Postings: 249

Registriert seit 29.08.2019

2021-01-18 18:14:03 Uhr
Voll lustig!

MasterOfDisaster69

Postings: 682

Registriert seit 19.05.2014

2021-01-18 17:56:45 Uhr
9/10 ? wirklich ? hat ne super Stimme der Saenger.
Der Junge, der da singt, hat wohl auch eine schwere Kindheit gehabt, wa?

u.x.o.

Postings: 249

Registriert seit 29.08.2019

2021-01-11 14:01:02 Uhr
Oh, mein Kommentar oben ist ja irgendwie verschwunden. Also: Dank fitzkrawallo bin ich in der letzten Woche auch auf das Album aufmerksam geworden und höre es aktuell rauf und runter. Extrem guter Sound und tolle Songs. Bislang würde ich die 9/10 unterschreiben. Riesige Platte.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26431

Registriert seit 07.06.2013

2021-01-11 13:40:44 Uhr
Wow, klingt sehr interessant. Und sehr abgefucked. :D

fitzkrawallo

Postings: 1220

Registriert seit 13.06.2013

2021-01-06 08:42:37 Uhr
Oha! Mein Album das Jahres, nett, dass es hier gewuerdigt wird. Bei mir eine starke 8 aber im Rahmen der plattentestschen Grosszuegigkeit passt die 9 auf jeden Fall. Sollte sich sich jeder, der innovativer/abseitiger Gitarrenmusik etwas abgewinnen kann, mal ranwagen.
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