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Jules Ahoi - Dear____

Jules Ahoi- Dear____

Moon Blvd. / Antifragile / Zebralution / Tonpool
VÖ: 12.06.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

#Heimweh #Fernweh #Ehrlich

Den T3-Camper unterm Arsch, das Surfbrett auf dem Dach. Surfspots suchen entlang der französischen Atlantikküste. Dabei nur ein paar Essentials, allen voran gute Freunde und die Gitarre. Raus aus dem Wagen, kurz noch in den Neopren gezwängt und dann rein in die Wellen. Warten auf die nächste brechende Wasserwand, dann rauf aufs Brett und einfach sein. Klingt nach einem gelungenen Urlaub. Für Julian Braun, bekannt als Jules Ahoi, war dies drei Jahre sein Leben, ehe sich der im Süden Niedersachsens aufgewachsene Surfer mit der charakteristisch, tiefen Stimme für Köln als seine Wahlheimat entschied. Man erahnt schon, dass eine solche Zeit prägt und wunderbar als Inspiration dient für unter dem Mond, am Lagerfeuer entstandene Songs. Er hat in dieser Zeit etliche geschrieben. 15 davon haben es, aufgenommen mit seiner Band, auf sein neues Werk "Dear____" geschafft.

Den Sound des Folk-Surfers hat er während des Ankommens im neuen Zuhause, Köln, zumindest teilweise angepasst und vom Strand in ein großstadt-kompatibles Pop-Gewand produziert. Jules Ahoi singt in seinen Songs von Fern- und Heimweh, von Hoffnung und Sehnsucht und verarbeitet Dinge, die ihn in den letzten Jahren bewegt haben. Nicht zuletzt den Tod seines Vaters. "See shadows on window screens / The rain dind't stop since you moved out of here", besingt er ihn im vom Klavier begleiteten ersten Song der Platte "3 am". "Oh, Agnes" behandelt die Belastung durch und das Abkapseln von längst überholten Stigmen, die Jungen und Mädchen früh auferlegt werden. Die Zeilen "But I hate blue and I bet you hate pink" und "But I don't want to be strong and I bet you don't want to be pretty" machen in Verbindung mit dem Refrain "We grew, under a lowlight, lowlight, low" deutlich, wie diese den Geschlechtern zugeordneten Rollen die freie Entfaltung junger Menschen behindert.

In "Mount Iam" behandelt er die Stärke, die er nimmt aus der Vergangenheit, die ihn als Teil seines Lebens umgibt, wenn er dort ist, wo er sich so wohl fühlt. Eben an der See. "And now I am am mountain / Bound to the sea / Hold your arms around me" lassen daran keinen Zweifel. "Freckles" ist ein melancholischer Song über die Liebe zur perfekt unperfekten Person, die Hoffnung schenkt, und "Time will tell" traut der Zeit voller Zuversicht zu, dass sie es schon richten wird. "Someone" und "Somebody" nahm er zusammen mit Luna Morgenstern auf. Ein Song in zwei Varianten, über die Suche nach sich selbst.

Pop- und Singer-Songwriter-Elemente wechseln sich auf diesem Album völlig unberechenbar ab, auch innerhalb einiger einzelner Songs. Das macht es fast unmöglich, eine Genre-Kombination zu benennen, die das ganze Album umfasst. Die Gitarre, die ihn schon seit langer Zeit begleitet, bleibt sein enger Vertrauter, akustisch und verzerrt, auch auf dieser Platte. Das Klavier führt vor allem durch die melancholischeren Stücke. Beats in verschiedensten Variationen und Streicher, Bläser und seine Stimme, manchmal gar belegt mit Autotune, machen die Musik facettenreicher als vieles, was man zuletzt gehört hat.

Es tut Jules Ahoi und seiner Band gut, dieses Ankommen in seiner neuen Heimat, Köln. Das völlig inflationär genutzte Wort "Fernweh" nimmt man kaum noch Leuten ab, wenn Menschen es auf ihren Social-Media-Kanälen, mit einem #Hashtag versehen unter jedes Bild setzten. Seien es Bilder aus dem dreiwöchigen Urlaub in der Türkei von vor sechs Jahren, die man alle zwei Wochen mit einem um ein #throwback ergänzten Post wieder rauskramt oder ein Post mit dem Sonnenuntergang, betrachtet von der Terrasse der Oma, die eine Autostunde entfernt vom Zuhause in Castrop-Rauxel wohnt, mit eben jenem #fernweh versieht. Jules Ahoi nimmt man es ab. Und man nimmt ihm noch viel mehr ab. Man nimmt ihm mit diesem melancholisch, abwechslungsreichen Album das Heimweh ab und das Vermissen, man nimmt ihm den Schmerz ab und die Hoffnung und ganz gewiss auch die Leidenschaft, die in diesem Album steckt.

(Paul Milde)

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Highlights

  • 3 am
  • Oh, Agnes
  • Mount Iam

Tracklist

  1. 3 am
  2. Oh, Agnes
  3. (Void)
  4. Mount Iam
  5. Sonate du courage (Cmaj / Freckles pt. II)
  6. Freckles
  7. Time will tell
  8. Januarysteps (skit)
  9. To become
  10. Someone (feat. Luna Morgenstern)
  11. Oviedo
  12. To become - acoustic
  13. Strangest thing - demo
  14. Somebody (feat. Luna Morgenstern)
  15. Somebody - radio edit (feat. Luna Morgenstern)

Gesamtspielzeit: 50:22 min.

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Armin

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2021-01-05 20:25:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

"Vergessene Perle 2020".

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