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NEØV - Picture of a good life

NEØV- Picture of a good life

Clouds Hill / Warner
VÖ: 15.01.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf das Leben!

Man fragt sich oft, wie es wohl sein mag, Promotexte zu neuen Platten zu schreiben. Und ab wann man wohl dazu übergeht, einfach nur noch das bekannte Sprech wiederzukäuen. Warum wir das erwähnen? Wegen eines Gegenbeispiels. Der Dissertation, die NEØVs viertem Album "Picture of a good life" beiliegt: elf Absätze, Textpassagen, die man kurzerhand als Rezensionsmaterial einschmuggeln könnte und mit "Nordic-Indie" eine wahre Perle der Genrewortschöpfungen. Für eine Band, die nicht wenigen höchstens ein entgeistertes "Wer?" abringen wird. Für Letztgenannte sei erwähnt, dass hinter NEØV Anssi und Samuli Neuvonen stecken, zwei Brüder aus Finnland, die seit jeher aus dem Einsiedlerelfenbeinturm im weitesten Sinne etwas dunkler eingefärbtes Material zwischen Indie, Alternative und ganz viel Pop produziert haben und dementsprechend spätestens 2019 mit ihrem dritten Album "Volant" einer überregionalen Öffentlichkeit bekannt wurden.

So unspektakulär das Ganze auf den ersten Blick wirken mag, so umwerfend gerät dabei die Umsetzung. Und zwar in jeder Hinsicht. Das beginnt beim perfekt zum Schaffen der Band passenden Sound, den NEØV gemeinsam mit Sebastian Muxfeldt in den Clouds Hill Studios in Hamburg gefunden haben, geht über das gelungene Artwork und die so schmerzhaft zeitgeistig-aktuelle thematische Ausgestlatung mit der Frage nach dem guten Leben und endet – wie sollte es auch anders sein – bei den neun Songs, die "Picture of a good life" präsentiert. Da nimmt es nicht Wunder, dass das Duo mutig genug ist, mit dem über schlanke sieben Minuten und 42 Sekunden laufenden "Marathon" von der ersten Sekunde an das volle Risiko zu suchen. Die Drums wollen nach vorne, die perfekt in Szene gesetzte Gitarre ergötzt sich an ihrem nervösen wie wunderschönen Figurenspiel, Melodien geben sich die Klinke in die Hand, und ehe man sich versieht, ist der Song in seiner vermeintlichen Überlänge auch schon wieder vorbei. Man bekommt fast Lust, elf Absätze über das Album zu schreiben.

Weil ja noch so manches erwähnt werden möchte. Etwa, dass es die Zwei auch ganz und gar kompakt können. "Island", das passenderweise im Vorfeld des Albums bereits veröffentlicht wurde, unterstreicht das eindrücklich. Dabei droht das Stück mit seinen durchsetzungsstarken Gitarren, die in Ihrer Herangehensweise vielleicht ab und an Mogwais "Hardcore will never die, but you will" gehört haben könnten, vor Kraft kaum laufen zu können. Aber NEØV bekommen das Stück qua Songwriting-Talent nicht nur spielend auf die Schiene gestellt, sondern machen unverschämt eingängiges Hitmaterial daraus. Ein Urteil, das auf "Picture of a good life" in Gänze zutrifft. Wenn etwa "Patchwork" im Refrain die Tonart wechselt und den Weg zu entrückter Dreampop-Schönheit findet, will man da hinterher. Unbedingt. Weil NEØV in diesen Momenten über den Dingen stehen, weil man gar nicht erst versucht, nach Superlativen zu kramen, sondern die Band einfach machen und für sich sprechen lässt. Fantastisch ist das. Ganz einfach.

Dabei ist es so, dass die Band noch immer Pfeile im Köcher hat. Die letzten werden erst im abschließenden Titeltrack abgefeuert. Der darf die sieben Minuten nochmal überschreiten, darf mit glockenhellen Euphoriegitarren auf Melodiewegen schreiten, die zwar schon so oft gegangen, aber doch selten mit vergleichbarer Anmut gefüllt wurden. Na klar klingt das schwülstig. Und doch sind genau das die Worte, die "Picture of a good life" passend beschreiben. NEØV machen nichts Überraschendes, Innovatives oder gar bahnbrechend Neues. Sie nehmen sich einfach das Beste aus dem übergroßen Melodiepotpourri, kombinieren das mit Liebe zu schnörkeligen Details, mit Mut zum Umweg, mit einem dicken Anstrich Melancholie und um das Ganze nicht zu verkleben auch mit einer guten Portion Distortion. Ob man das nun Nordic-Indie, Dreampop, Indie-Sinfonie oder Heulsusenmusik nennt: Völlig egal. Wenn so das gute Leben klingt, will man gerne mehr davon.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Marathon
  • Wild birds
  • Patchwork
  • Picture of a good life

Tracklist

  1. Marathon
  2. Island
  3. Burnt my fingers
  4. I was going to let you know me
  5. Wild birds
  6. Loners
  7. Mirrors
  8. Patchwork
  9. Picture of a good life

Gesamtspielzeit: 47:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kingsuede

Postings: 2022

Registriert seit 15.05.2013

2021-01-06 16:27:51 Uhr
Das Cover erinnert mich etwas Earth to Dora der Eels.

squand3r

Postings: 87

Registriert seit 24.01.2019

2021-01-06 15:36:36 Uhr
Die Vorabsongs versprechen einen angenehm-versöhnlichen musikalischen Einstieg ins neue Jahr :) Das Cover ist zudem genial aber im Vergleich zur sanften Musik in seiner Unheimlichkeit viel zu trügerisch

Churro

Postings: 8

Registriert seit 17.01.2020

2021-01-06 08:48:29 Uhr
Kein "war in drugs" in den Referenzen?

kingsuede

Postings: 2022

Registriert seit 15.05.2013

2021-01-06 00:58:13 Uhr
Kannte ich bislang nicht, die drei Vorabsongs klingen aber toll.

Peacetrail

Postings: 2076

Registriert seit 21.07.2019

2021-01-05 23:15:17 Uhr
Hat so nen 80er Klang. Knorke!
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