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Tom Petty - Wildflowers & All the rest

Tom Petty- Wildflowers & All the rest

Tom Petty Legacy / Warner
VÖ: 16.10.2020

Unsere Bewertung: 10/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Broken heartland

Die 90er waren ein sehr seltsames Jahrzehnt. Viele Trends und Jugendbewegungen – man denke an die goldene Ära des HipHop, den weltweiten Grunge-Boom oder hierzulande an die zu jener Zeit bis auf die letzte Sitzbank ausgebuchte Hamburger Schule – prägten den Zeitgeist und brachten reihenweise Musiker hervor, die bis heute aktiv und erfolgreich sind und dabei selbst bei den jüngeren Generationen hohes Ansehen genießen. Auf der anderen Seite waren da Eurodance, die Loveparade, Boybands und eine Vielzahl an kurzzeitig ersprießlichen Trends, von denen rückblickend irgendwie niemand so richtig Fan gewesen sein will.

Auch eine große Menge Prominenz vergangener Dekaden verhedderte sich im bunten Potpourri der 80er- und 90er-Jahre in allerhand kruden Genre- und Geschmacksverirrungen. Altmeister Bob Dylan fand erst zur Mitte des Jahrzehnts nach gut 20 Jahren der Suche und des Scheiterns, dessen Höhepunkt sich zumindest optisch in Form von silberfarbenen Jacketts und Rod-Stewart-Gedächtnisfrisur manifestierte, zu alter Form und Größe zurück. Der ohnehin stets markant verkleidete David Bowie nahm die entgegengesetzte Route, tauschte seine dandyhafte Extravaganz gegen schwarze Anzüge ein und verbrachte die Dekade damit, allen Trends von Sophisti-Pop bis Industrial hinterherzurennen. Natürlich gab es auch Ausnahmen: Neil Young hatte das Glück, nach einer Reihe völlig planloser, ambivalenter Veröffentlichungen von den neuen, langhaarigen Göttern einer jungen, hippen Generation als Urvater des Grunge bejubelt zu werden und ging in dieser Rolle auch vollends auf. Wie um 20 Jahre verjüngt ließ er die Gitarren knarzen und jaulen, dass die Generation X eiligst die Schnürsenkel aus ihren Chucks zog, um sie sich in die Ohren zu stopfen.

Völlig unbeeindruckt von den Wandlungen seiner Kollegen und der unsteten Musiklandschaft um ihn herum blieb hingegen Tom Petty und veröffentlichte 1994, auf dem Zenit der Alternative-Bewegung, sein Meisterwerk "Wildflowers“. Das alleinige Zugeständnis Richtung Zeitgeist war die Auswahl des Produzenten: Mit Rick Rubin holte sich Petty einen der gefragtesten Studio-Wizards der Zeit ans Pult. Dieser war bemüht, sich nach bahnbrechenden Erfolgen mit Bands wie Slayer und Public Enemy auch in etwas gemäßigteren Gefilden einen Namen zu machen. Die Einladung kam also gerade recht. Rubins Produktionsstil – kein Schnickschnack, mittiger Gesang, klare Instrumentierung – sollte den perfekten Rahmen für die Songs bilden, die Petty im Zuge seiner gescheiterten Ehe geschrieben hatte. Und sie sprudelten nur so aus ihm heraus: Der Session entsprangen 25 Stücke. Geschlagene zehn davon bekommen wir 26 Jahre später zum ersten Mal zu hören.

Wem auch immer die Aufgabe zufiel, das Album auf 15 Tracks herunterzukürzen, eine einfache war es nicht. Und so manche Entscheidung lässt sich aus heutiger Sicht kaum nachvollziehen. Wie die atemberaubend schöne Großtat "Hope you never“ der Schere zum Opfer fallen konnte, ist schier unerklärlich. Natürlich ist das Aussortieren gerade dann besonders schwierig, wenn das dafür geeignete Material fehlt. Und die meisten der großen Perlen von "Wildflowers" haben es auf die ursprüngliche Veröffentlichung geschafft. Der Titeltrack gehört mit seiner glasklaren 12-String-Gitarre, dem kargen Arrangement und den tröstlichen Lyrics zu seinen absoluten Glanzstücken. Und so ungestüm und ungehalten wie auf den Singles "You don’t know how it feels“ und "You wreck me“ klang Petty nicht einmal in jungen Jahren mit The Heartbreakers.

Dennoch lag die Seele von "Wildflowers" stets in seinen Deepcuts, abseits der Singles und Singalongs: Man höre die getragene, instrumentale Coda zu “It’s good to be king“, das gebrochene "Hard on me“ oder Neuzugänge wie die karge Erzählung vom kurzzeitigen Weggefährten "Harry Green“. Mit "Wildflowers" schuf Petty ein Sammelbuch an tröstenden und untröstlichen Geschichten, einen Rückzugsort für Suchende und Zweifelnde, zu einer Zeit, als er sich selbst als solchen betrachtete. Die Sammlung wurde nun entscheidend vergrößert. Und das Trösten endet nie.

(Lars-Thorge Oje)

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Highlights

  • Wildflowers
  • It's good to be king
  • Hard on me
  • House in the woods
  • Confusion wheel
  • Hope you never

Tracklist

  • CD 1
    1. Wildflowers
    2. You don't know how it feels
    3. Time to move on
    4. You wreck me
    5. It's good to be king
    6. Only a broken heart
    7. Honey bee
    8. Don't fade on me
    9. Hard on me
    10. Cabin down below
    11. To find a friend
    12. A higher place
    13. House in the woods
    14. Crawling back to you
    15. Wake up time
  • CD 2
    1. Something could happen
    2. Leave Virginia alone
    3. Climb that hill blues
    4. Confusion wheel
    5. California
    6. Harry Green
    7. Hope you never
    8. Somewhere under heaven
    9. Climb that hill
    10. Hung up and overdue

Gesamtspielzeit: 101:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mic

Postings: 394

Registriert seit 24.08.2019

2020-12-24 00:11:56 Uhr
dreckskerl: Volle Unterstützung!!!

kingbritt

Postings: 3251

Registriert seit 31.08.2016

2020-12-23 15:28:46 Uhr

. . . wie viele !0/10-Alben gab es denn bei den PT-Rezi's in 2020 und welche waren das?

dreckskerl

Postings: 4635

Registriert seit 09.12.2014

2020-12-23 15:16:22 Uhr
Ich würde beiden Originalalben 10 Punkte geben.

Der Hinweis "nicht wie jetzt bei Petty nur andere fertige Songs" beinhaltet die Erklärung.
Ein anfänglich als Doppel CD gedachte Veröffentlichung wurde der leichteren Verdaulichkeit wegen, nicht gewagt und 10 von 25 Songs aussortiert.

Jetzt erstmalig hört man alle 10 Songs und die sie sind so gut, dass es auch als gedachte Gesamtausgabe eine 10 bekäme.

Die Pumpkins haben 28 veröffentlicht und keine 10 albumwürdigen Songs aussortiert, daher denke ich ist es gerchtfertigt hier dem Petty Reissue die seltene 10 für so ein Format zu geben.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 24254

Registriert seit 07.06.2013

2020-12-23 14:54:37 Uhr
War das so durchwachsen? Das war halt einfach massiv viel und nicht wie jetzt bei Peter nur andere fertige Songs, sondern eben auch Demos und Zeugs. Dass da nicht alles Album-Niveeau hat ist logisch.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6541

Registriert seit 26.02.2016

2020-12-23 10:27:58 Uhr
Bei "Mellon Collie" hatte damals das etwas durchwachsenere Bonusmaterial auch die 9/10 verursacht, wenn ich mich recht erinnere.
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