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Taylor Swift - Evermore

Taylor Swift- Evermore

Republic / Universal
VÖ: 11.12.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Pullover-Pop

2020 war vieles. Auch ein Jahr der ungleichen Auslastung. Während einige in Nachtschichten ohne Ende schufteten oder sich vor Aufträgen nicht retten konnten, herrschte bei anderen Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder zumindest Ödnis. Auch bei Taylor Swift, die natürlich dank mittelschwerer Finanzpolster bei weitem nicht die Probleme eines Durchschnittsbürgers hatte. Aber ohne die geplante Welttournee eben jede Menge Zeit. Und brachte erst mal im Juli ein Album namens "Folklore" raus, das neben dem "Lover"-Kollaborateur Jack Antonoff überraschend The Nationals Aaron Dessner an die Regler setzte. Die Mischung aus Rückkehr zu den Folk-Wurzeln und Fuß in der Tür des Indie-Sounds war damit aber noch nicht durch. Denn seitdem hatten Swift und Dessner ja wieder zu viel Zeit. Warum also nicht noch weitere Songs aufnehmen? Auftritt "Evermore", das gar nicht erst versucht, aus der Nähe des Schwesteralbums herauszurücken, sondern lediglich etwas mehr Erdigkeit im Sound addiert.

Der Opener "Willow", gleichzeitig erste Single, atmet leichtes Country-Flair, bleibt vor allem aber ein kleines, herzergreifendes Liebeslied – wie eine Visitenkarte, stellvertretend für das Werk. Auch die 15 Stücke von "Evermore" untersuchen vor allem verschiedene Beziehungsstadien und -konstellationen in findigen Zeilen. Die langsam abnehmende Verbitterung über einen Ex? "I can't make it go away by making you a villain / I guess it's the price I paid for seven years in Heaven." Den Schwarm will jede Frau in gefühlt hundert Kilometern Umkreis? "My mind turns your life into folklore / I can't dare to dream about you anymore." Für jede Liebeslage was dabei. Natürlich sind wie schon auf "Folklore" einfach wunderbare Melodien darunter, welche die Emotionen im richtigen Moment verstärken. Gerade das leicht collagenhafte, an Sufjan Stevens erinnernde "Marjorie" unterstreicht mit der Instrumentierung die wehmütige Erinnerung an die gleichnamige Großmutter Swifts, die 2003 verstarb.

Oft braucht "Evermore" sehr wenig, um viel zu erreichen. "Champagne problems" kann sich – Entschuldigung – problemlos mit den Highlights von "Folklore" messen, indem es sich auf sein unfassbar melancholisches Klavier stützt, um die Geschichte eines abgelehnten Heiratsantrags zu erzählen. "'She would have made such a lovely bride / What a shame she's fucked in the head', they said." Bon Ivers Justin Vernon ist erneut zu Gast, hier veredelt er mit bewährtem Falsett den epischen Closer und Titeltrack. Der den Weg nach oben sucht, nachdem der Schmerz analysiert wurde. Denn Swift hadert auch weiterhin mit sich und ihren öffentlichen Kämpfen zu "Reputation"-Zeiten, beispielsweise im wunderbar beschwingten "Long story short": "I tried to pick my battles 'til the battle picked me." Dessners Band taucht derweil auf "Coney Island" komplett auf, Matt Berninger spielt sich mit Swift die Zeilen zu, wie er es mit den Gesangspartnerinnen auf "I am easy to find" schon tat.

Der offensichtlichste Blick in Richtung Country geschieht mit Mundharmonika, Twang und den Haim-Schwestern in der Mordsgeschichte "No body, no crime" – in der Este Haim quasi ihr eigenes Ableben besingen darf. Mit seiner Griffigkeit ist das Stück ebenso wie das mit einem seltsam stotternden Beat stolpernde "Closure" ein Außenseiter, denn wie schon "Folklore" funktioniert "Evermore" eher im Gesamten wie eine warme Decke, die diesmal auch zur richtigen Jahreszeit kommt. "The road not taken looks real good now", singt Swift in "'Tis the damn season". Einen neuen Weg bietet "Evermore" zum ersten Mal seit langem nicht, stattdessen die beeindruckende Erkenntnis, wie viele gute Songs Swift in dieser kurzen Zeit zugeflogen sind. Sicher könnte man bei "Folklore" und "Evermore" jeweils ein paar wenige Tracks trimmen. Sie wären aber unterm Strich nicht zusammen als einfaches Album besser gewesen. Vor so viel toller Wärme kann man auch bei kalten Temperaturen nur den Hut ziehen.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Champagne problems
  • Gold rush
  • Dorothea
  • Marjorie

Tracklist

  1. Willow
  2. Champagne problems
  3. Gold rush
  4. 'Tis the damn season
  5. Tolerate it
  6. No body, no crime (feat. Haim)
  7. Happiness
  8. Dorothea
  9. Coney Island (feat. The National)
  10. Ivy
  11. Cowboy like me
  12. Long story short
  13. Marjorie
  14. Closure
  15. Evermore (feat. Bon Iver)

Gesamtspielzeit: 60:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 2520

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-29 20:44:51 Uhr
Sehr langweilig fand ich tatsächlich alles davor. Aber die Kritik an ihrer Stimme kann ich gut nachvollziehen.

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 2206

Registriert seit 12.12.2013

2020-12-29 00:16:24 Uhr
Finde beide Alben sehr langweilig. Viel zu glatt, viel zu gleichförmig.

jo

Postings: 2520

Registriert seit 13.06.2013

2020-12-28 23:24:29 Uhr
Es gab und gibt keine Deutschquote im Radio, es gab nur Diskussionen darüber.

Ja, es gab aber klare Empfehlungen seitens der Politik, wie bereits von mir angedeutet. Denen wurde zu Beginn - so meine Erinnerung - durchaus (von den größeren Sendern) gefolgt. Das macht für mich praktisch dann keinen Unterschied, ob es wirklich mal eine Quote gab oder ob sie höchstens virtuell war. Und klar: Später war es dann irgendwann egal.

Zurück zum Thema: "Evermore" ist für mich weiterhin schwächer als (das phasenweise gute) "Folklore".

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 6541

Registriert seit 26.02.2016

2020-12-28 21:40:16 Uhr
Es gab und gibt keine Deutschquote im Radio, es gab nur Diskussionen darüber.
Seit aber von sich aus im letzten Jahrzehnt deutschsprachige Musik so erfolgreich ist, hat sich die Überlegung eigentlich erübrigt.
Man sieht ja an den vielen Interpreten, die von Englisch zu Deutsch gewechselt sind (Sarah Connor, Sasha, Donots...) schon den Trend. Ansonsten ist es als Popkünstler aus Deutschland heute der Default-Modus auf deutsch zu singen, das war vor 20 Jahren auch einfach anders. Und natürlich hängt damit auch der Schlager-Boom zusammen und die Etablierung vieler Interpreten, die die Grenze zwischen Pop und Schlager verwischen, allen voran halt Helene.

Was war gleich noch das Thema? :)

Enrico Palazzo

Postings: 1020

Registriert seit 22.08.2019

2020-12-28 21:24:37 Uhr
Ich glaube, dass es um die Jahrtausendwende nach und nach einfach immer mehr deutschsprachige Popmusik gab. Angefangen so 1998 mit Xavier Naidoo, in dessen Folge dann die ganzen Anderen nach und nach kamen.

Ist zumindest mein Eindruck.
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